Zum Reformationsjubiläum 2017

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Ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die glauben, die Juden zuerst und ebenso die Griechen. Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben; wie geschrieben steht (Habakuk 2,4): »Der Gerechte wird aus Glauben leben.« Römer 1,16f

Das Reformationsjubiläumsjahr 2017 hat begonnen. Die Lutherorte in Mitteldeutschland haben sich herausgeputzt. Luthers Gesicht ziert Andenken aller Art – vom T-Shirt bis zu Backformen! Luther als Quietschentchen, als Playmobilfigur und als Maskottchen am Schlüsselbund. Was er selber dazu sagt?

„Zum ersten bitt ich, man wollt meines Namens geschweigen und sich nicht lutherisch, sondern Christen heißen. Was ist Luther? Ist doch die Lehre nicht mein, so bin ich auch für niemand gekreuzigt. Sankt Paulus wollt nicht leiden, dass die Christen sich sollten heißen paulisch oder peterisch; wie käme denn ich armer, stinkender Madensack dazu, dass man die Kinder Christi sollt’ mit meinem heillosen Namen nennen.“

Lutherkitsch hin oder her – ich bin leidenschaftlich gerne Lutheraner.

Ich liebe unsere Gottesdienste nach lutherischer Agende, das frei ergriffene Wort der befreienden Predigt – an nichts gebunden als an Bibel und Verständlichkeit. Ich bin begeistert von Luthers nüchterner Sicht des Menschen, seiner Möglichkeiten und Grenzen, die aller Erfolgsvergötterung den Wind aus den Segeln nimmt.

Und – Ehre wem Ehre gebührt – in seiner Zivilcourage vor Kaiser, Papst, Fürsten und Reichstag, in seiner Beharrlichkeit, wenn es um Gottes Gnade und ihre Wirkungen unter uns geht, hat sich der Wittenberger Mönch und Professor als Held erwiesen. Seine Übersetzung der biblischen Texte aus den Ursprachen ins Deutsche, die zum Jubiläum eine gelungene Revision erfahren hat, hat sich mir so eingeprägt, dass ich andere Übersetzungen oft enttäuscht beiseite lege.

Zum evangelischen Heiligen taugt der Reformator dennoch nicht.

Denn bei all dem Guten und Wichtigen, das er erkannt, gelebt und verkündet hat: In seiner Wut auf die aufständischen Bauern hat er ebenso bitter versagt wie in seiner enttäuschten Hoffnung auf die Bekehrung der Juden. Der gereifte Reformator schrieb erschreckende Sätze, die bis in die Neuzeit eine höchst unrühmliche Wirkungsgeschichte haben.

Nein, zum evangelischen Heiligen taugt Martin Luther nicht. Und er wäre der erste, der unumwunden zugeben würde, dass der Glaubende kein fehlerloses Leben führt, sondern wie jeder andere Mensch auf Gottes Barmherzigkeit angewiesen bleibt.

Gott muss auf krummen Linien gerade schreiben, wenn er durch uns etwas verändern möchte. Am Ende sind es Gottes Liebe und Barmherzigkeit, denen wir uns anvertrauen müssen, aber eben auch anvertrauen können, weil Gott in Ewigkeit nicht ohne uns sein will!

Freiheit und Verantwortung

Feiern wir also als evangelische Kirche unter dem wunderbaren Motto „Freiheit und Verantwortung“ das Reformationsjubiläum und laden wir unsere katholischen Geschwister zum Mitfeiern ein. Tanzen wir und singen wir neue Lieder, präsentieren wir uns auf dem Rathausplatz in Wien und marschieren wir mit breiter Brust in den ökumenischen Dialog. Aber lassen wir uns dabei das Evangelium immer wieder selber gefallen, dass es uns befreit von unseren angstbesetzten und sündentriefenden Gottesbildern, vom Wahn, wir müssten mit der Welt Schritt halten.

Wir sind nicht gerechtfertigt im Blick auf das, was wir tun. Erst wenn wir dieses Machen-wollen, dieses Leisten-müssen loslassen, erfahren wir, dass Gott uns trägt. Unser Denken, Reden und Handeln wird dadurch leichter, angstfreier und gelassener. Je weniger wir uns beabsichtigen, desto hellsichtiger werden wir für Gottes Plan mit uns, desto eher nehmen wir wahr, dass wir in vorbereitete Situationen kommen, desto eher fallen uns Begegnungen, Gespräche und gelingende Beziehungen zu.

Noch einmal Luther zum Schluss:

„Ein Christ lebt nicht in sich selbst, sondern in Christus und in seinem Nächsten – oder er ist kein Christ. In Christus lebt er durch den Glauben, im Nächsten durch die Liebe.“

In diesem Sinne wünsche ich uns ein erfreuliches und glaubensstarkes Jubiläumsjahr,

Ihr Pfarrer Christian Brost

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Begegnungscafé mit Flüchtlingen – Fotos

          

Und hier die Fotos vom 2. April!

(Fotos: Mercedes Konyicsak)

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Veranstaltungen im Jubiläumsjahr 2017

Liebe Gemeindeglieder und Freunde unserer evangelischen Kirchengemeinde im westlichen Weinviertel!

Natürlich geht das Jubiläumsjahr 2017 an unserer Kirchengemeinde nicht spurlos vorüber. Neben Bezügen auf die Reformation in unseren gemeindlichen Sonntagsgottesdiensten und bei regelmäßigen Veranstaltungen wie dem ökumenischen Bibelgespräch und dem Seniorentreff 50+ möchte ich sie gerne auf besondere Höhepunkte hinweisen:

  • Für Schnellentschlossene gibt es noch ein paar wenige Restplätze für unsere Reise zu den Lutherstätten in Mitteldeutschland vom 20. bis 23. April 2017.
  • Am 30.4. feiern wir mit dem Landessuperintendenten der Evangelisch-reformierten Kirche Mag. Thomas Hennefeld Gottesdienst in der Lutherkirche. Am Abend desselben Tages wir die Ausstellung „Luther und die Juden“ eröffnet (vgl. Artikel dazu im Inneren des Blattes).
  • Besonders ans Herz legen möchte ich Ihnen den eintägigen ökumenischen Gemeindeausflug ins Raxgebiet nach Naßwald und in den Naturpark Schwarzau am Samstag, den 10.6.2017 (auch hierzu gibt es einen eigenen Artikel im Innern des Blattes).
  • Die größte Veranstaltung unserer Kirche zum Reformationsjahr 2017 ist das Fest am Wiener Rathausplatz am Samstag, den 30.9.2017, zu dem viele Tausend Gäste aus ganz Österreich erwartet werden.
  • 17Auch die Museen tragen dem reformatorischen Festjahr Rechnung: Auf der Schallaburg ist vom 8.4. bis 5.11. eine Sonderausstellung zum Thema „Freyheit durch Bildung – 500 Jahre Reformation“ zu sehen und im Wien Museum vom 16.2. bis 14.5. die Ausstellung „Brennen für den Glauben. Wien nach Luther“.

Und noch einen Termin sollten Sie sich vormerken: Am Sonntag den 21. Mai feiern wir um 10 Uhr einen festlichen Friedensgottesdienst mit Gästen aus Religion, Politik und Wirtschaft. Anschließend besteht die Gelegenheit, einen Mosaikstein des Friedens auf die Friedenssäule vor der Kirche zu kleben.

Herzliche Einladung an alle Gemeindeglieder unseres großen Gemeindegebiets!

Pfr. Christian Brost

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Kraft aus dem Schweigen

Seit 10 Jahren treffen sich regelmäßig Menschen in unserem Gemeindezentrum, um etwas sehr Kostbares miteinander zu teilen: das Schweigen!

Um still zu werden…
Um zu hören…
Um in Gemeinschaft beisammen zu sein…
Um in der „innersten Heimat“ anzukommen.

Das hat Auswirkungen auf den Alltag:
bessere Konzentration auf das Wesentliche…
mehr Mitgefühl…
Geduld…
Verständnis für die Menschen und das Leben um uns herum.

Mit einer kleinen ZEN – Geschichte möchte ich gerne Ihre/Deine Sehnsucht wecken:

Als drei junge Gelehrte ihr Studium erfolgreich abgeschlossen hatten, beschlossen sie jeder für sich, sich ins Leben aufzumachen: Der Erste wollte den Menschen den Frieden bringen. Der Zweite wollte alle Kranken heilen. Der Dritte wollte in die Wüste ziehen und sich dem Schweigen hingeben.

Als einige Jahre vergangen waren, bemerkte der Erste, dass sein Plan, den Menschen Frieden und Versöhnung zu bringen, nicht gelang. Also besann er sich und suchte seinen Freund auf, der Kranke heilen wollte. Auch dieser war mit dem, was ihm bisher gelungen war, unzufrieden. Also machten sich die Beiden auf den Weg zu ihrem Freund in der Wüste. Bei ihm angekommen, erzählten sie ihm von ihrer Situation. Der Freund schwieg, holte einen Krug Wasser, stellte vor jeden seiner Freunde eine Schale und füllte Wasser hinein. „Wartet, bis die Oberfläche ganz ruhig geworden ist“, sagte er, „dann schaut hinein und erkennt!“

Ruhig werden, den Dingen auf den Grund gehen, aus dem göttlichen Seelengrund Kraft schöpfen – das versuchen wir seit 10 Jahren. Aus dem göttlichen Seelengrund Kraft schöpfen!

Wer die Meditation kennenlernen möchte, kann dies gerne tun – jeden Mittwoch beim Meditationstreffen von 19.30 bis 21 Uhr.

Es sind keine Vorkenntnisse nötig. Bei Interesse wenden Sie sich bitte an
Karin Brost (Telefon: 0660-6950330)

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Wir suchen Paten/-innen!

HAUS IBRAHIM

Wenn Sie sich gerne ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe engagieren möchten, dann suchen wir SIE!

Wir sind ein Wohnheim für minderjährige unbegleitete Flüchtlinge in Stockerau. In unserem Haus wohnen 15 Burschen aus Afghanistan, Syrien und Somalia im Alter von 13-17 Jahren.

Zu unserem Konzept gehört es, dass jeder Bursche eine/-n Paten/Patin bzw. Patenfamilie aus Österreich hat. Dies soll den Burschen Kontakt zu österreichischen Familien ermöglichen, ihnen die Sprache und Kultur unseres Landes näher bringen und einen wichtigen Schritt innerhalb der Integrationsarbeit erfüllen.

Optimal wäre es, wenn Sie aus der Umgebung Stockerau sind (Korneuburg, Langenzersdorf, Stammersdorf etc.), aber auch von Wien ist es über die Autobahn nicht weit zu uns. Ohne Stau erreicht man uns von Floridsdorf in ca. 15 Minuten. Öffentlich erreichen Sie uns gut mit den ÖBB.

Wenn Sie einmal pro Woche Zeit haben, würde sich ein Patenkind sehr freuen. Zwei Treffen pro Monat sind aber auch ok 🙂

Sie können diese Treffen gestalten, wie sie möchten. Gemeinsam Deutsch lernen, Schwimmen oder Eislaufen gehen, ein Museum besuchen, Klettern gehen, durch Wien spazieren, Kaffee trinken oder gemeinsam kochen….. Unser Bursch freut sich über Abwechslung zu seinem Alltag und über Kontakt zu Österreicherinnen und Österreichern!

Wenn Sie Interesse haben, dann können Sie uns so erreichen:
Telefon: 0676 / 532 59 72
Adresse: Manhartstraße 39, 2000 Stockerau
e-mail: office@vor-allem-mensch-punkt.at
Homepage: www.vor-allem-mensch-punkt.at

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Unsere Friedenssäule – Akupunktur für die Welt

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Seit dem 1. Adventsonntag des Vorjahres steht am Platz vor der Kirche unsere Friedenssäule. Sie ist fertig und auch nicht.
„Brauchen wir so was wirklich? Die Welt wird doch nicht friedvoller, nur weil wir in Stockerau eine Betonsäule aufstellen“, war mein spontaner Gedanke, als ich erstmals mit der Idee eines solchen Projekts konfrontiert wurde.
Zwei wichtige Schritte hat es für mich gebraucht, dass ich vom Skeptiker zum Befürworter (fast Fanatiker) des Projekts geworden bin.

World Peace Prayer Society

Ich habe begonnen, mich schlau zu machen, habe nachgelesen: Wir sind nicht die ersten, die eine solche Säule errichtet haben. Unser Projekt reiht sich in mittlerweile weltweit tausende ähnlicher Denk- und Mahnmale ein.

1955 hat der japanische Lehrer und Dichter Masahisa Goi (1916-1980) die „World Peace Prayer Society“ gegründet. Er war davon überzeugt, dass die Worte „Möge Friede auf Erden sein“ den größten Wunsch der Menschheit ausdrückt. Die „World Peace Prayer Society“ setzt sich ein für eine Welt, in der alle Kulturen, Bräuche, Religionen, ethnischen Gruppen und alle Lebensformen respektiert werden, und ist an keine Religion gebunden. Ziel ist, mit den Worten „Möge Friede auf Erden sein“, die als Wunsch, Botschaft oder Gebet verstanden werden können, Menschen aller Nationen, Traditionen und Religionen einander näher zu bringen.

Als ein sichtbares Zeichen dafür begann man weltweit Friedenspfähle mit der mehrsprachigen Inschrift „Möge Friede auf Erden sein“ zu errichten. Die ersten waren Holzpfähle, die in die Erde gerammt wurden – als „Friedensakupunktur“ für die Welt. Inzwischen gibt es sie in unterschiedlichsten Formen und Materialien auf allen Kontinenten.

Friedensplatz 1

Zweiter Schritt war im Vorjahr eine Mitarbeiterfreizeit unserer Gemeinde im Haus der Stille in der Steiermark. Mein letzter Besuch in diesem Haus lag schon Jahre zurück und ich war erstaunt über die Veränderungen, die dort inzwischen stattgefunden hatten. Das Haus liegt jetzt inmitten eines Waldes von Friedensmälern und hat auch eine neue offizielle Adresse: Friedensplatz 1. Durch die unterschiedlichen Kunstwerke, Zeichen und Installationen waren wir ständig mit dem Thema Friede konfrontiert – und damit auch mit unseren noch vagen Vorstellungen einer Friedenssäule. In diesen Tagen kristallisierte sich heraus: Ja, so ein Projekt macht Sinn, wir machen uns ans Werk.

Die Sprachen unserer Friedenssäule

Sehr unkompliziert erhielten wir die Genehmigung der Stadt für das Projekt – diese war notwendig, weil die Säule auf einem öffentlichen Grundstück steht.

Die Sprachen der Worte „Möge Friede auf Erden sein“ wurden ausgewählt:

  • Deutsch, unsere Muttersprache
  • Hebräisch, als Offenbarungssprache der Bibel und vor dem Hintergrund der Geschichte unseres Kirchengebäudes
  • Arabisch, als Offenbarungssprache des Korans und der örtlichen Nähe zur islamischen Gemeinde
  • Englisch, als quasi internationale, völkerverbindende Sprache

Ein lebendiges Projekt

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In den Tagen vor dem ersten Adventsonntag konnten die Mosaikbänder mit den Schriftzügen auf die Säule montiert werden. Sie schwingen sich bogenförmig um die Säule. Dazwischen ist noch der nackte Beton zu sehen.

Wir wollten nicht Material sparen. Die Säule ist ein lebendiges Projekt. Viele – möglichst alle – sollen am Frieden mitarbeiten, Hand anlegen. Friede IST nicht – er muss von uns allen gemacht werden.

Bei verschiedenen Veranstaltungen werden wir am Frieden „bauen“ und Mosaiksteinchen als Zeichen für den Ruf „Möge Friede auf Erden sein“ kleben.

Leo Pfisterer

 

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Einstimmung in den Advent mit Ikonen

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Diese Christusikone schmückte während der Andacht den Altarraum

Leo Pfisterer ist für die evangelische Kirche in Stockerau so etwas wie der Haus- und Hofkünstler. Er hat den Christus im Altarraum, den Altar und das Taufbecken gestaltet und nun zeigte er, dass er nicht nur ein sehr guter Bildhauer ist, sondern auch die Tradition der Ikonenmalerei beherrscht.

Im Gemeindesaal hat er während der Adventszeit einige seiner Bronzen ausgestellt und der Kirchenraum der Lutherkirche wurde mit seinen Ikonen geschmückt. Eine davon stand direkt im Altarraum und sollte während der stillen Andacht zur Verinnerlichung anregen.

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Pfarrer Christian Brost stellt Leo Pfisterer vor

Zunächst aber erklärte Pfisterer den Gemeindemitgliedern im Gemeindesaal den Sinn und den geschichtlichen Hintergrund von Ikonen.

Zwar verbindet man Ikonen üblicherweise mit den östlichen Ausprägungen der christlichen Kirchen, aber Pfisterer wies darauf hin, dass frühe Ikonen noch aus einer Zeit stammen, wo es nur eine Kirche gab. Damals gab es zum Teil heftige Diskussionen, ob man Christus überhaupt darstellen dürfte. Letztlich setzte sich aber doch die Überzeugung durch, dass das erlaubt sei.

Die erste erhaltene Ikone stammt vom Ende des 5. Jh. und stellt Christus dar. Sie befindet sich im Katharinenkloster auf der Halbinsel Sinai. Christusdarstellungen werden als Pantokrator Ikonen bezeichnet. Pantokrator, der Allherrschende ist ein Titel, der ursprünglich dem Gott Zeus zugerechnet wurde. Bereits ab dem 6. Jh. werden die Ikonen dann auch beschriftet, z.B. mit der Bezeichnung ‚Der Menschenliebende‘.

Dieter Rathauscher

 

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Gottesbegegnungen an ungewöhnlichen Orten

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Es war ein Tag besonderen Gäste, diese Tagung der niederösterreichischen Lektorinnen und Lektoren. Als Überraschungsgast kam unser neuer Superintendent Lars Müller-Marienburg, der nicht nur durch die persönliche Begrüßung jedes einzelnen Teilnehmers, sondern auch durch seine ganztägige Teilnahme ein Zeichen der Wertschätzung für diese ehrenamtliche Tätigkeit setzte. Freilich zahlte sich das auch für ihn aus, denn der zweite Gast – und auf den freuten sich alle, die ihn schon kannten – war Wilhelm Bruners.
Unser Pfarrer und NÖ Lektorenleiter Christian Brost stellte Bruners als seinen Lehrer, Mentor und Freund vor – einen katholischen Pfarrer, der viele Jahre in Israel verbrachte und auf ein reiches Leben theologischer Lehre, Arbeit und Begleitung zurückschauen kann. Beeindruckend, wie sehr er bei scheinbar jedem (theologischen) Thema aus dem Vollen schöpft, aber auch, wie er die große Schar seiner Zuhörer in seinen Bann zieht (meine Sitznachbarin meinte am Ende der Tagung: „Am liebsten würde ich ihm gleich noch fünf Stunden zuhören“).

Das Thema der Tagung war „Gottesbegegnungen an ungewöhnlichen Orten“. Der brennende Dornbusch, in dem Gott Moses begegnet – die wohl bedeutendste Gotteserfahrung des jüdischen/christlichen Glaubens – ist so ein ungewöhnlicher Ort. Ungewöhnlich war er ganz sicher schon für Moses selbst: Ihm, dem ägyptischen Königssohn, begegnet Gott in einem niedrigen, dornigen Strauch. Gott spricht aus diesem Strauch, er erniedrigt sich somit und macht einen „niedrigen“ Ort zu einem heiligen, an dem Moses aufgefordert wird, seine Schuhe auszuziehen. Der brennende Dornbusch ist ein für Gott unwürdiger Ort. Gott offenbart sich dadurch als ein Gott, der solidarisch ist mit den Menschen – mit dem Volk Israel, das sich wie der Dornbusch in der ägyptischen Gefangenschaft niedrig und unwürdig fühlen musste.

Gott im Dornbusch ist aber auch ein Gegenbild zu einem Gott im königlichen Palast. Die templischen Traditionen, wo die Vorhalle (Pro-Fanum) vom allerheiligsten Ort (Fanum) streng getrennt und letzerer nur einmal im Jahr vom obersten Priester betreten werden durfte, waren Moses vertraut. Jetzt erfährt er, dass wir in kirchlichen Inszenierungen einem Gott, der uns im Dornbusch erscheint, gerade nicht gerecht werden.

Dennoch: Das Spannungsverhältnis zwischen religiöser Inszenierung (Tempel) und dem Wort allein (Gott im Dornbusch) bleibt bestehen – und das ist auch notwendig, denn einen Verabsolutierung des Wortes führt direkt in den Fundamentalismus. Diesen Fundamentalismus vertreibt Jesus aus der Synagoge als unreinen Geist (die Geschichte der kanaanäischen Frau). Fundamentalismus – das ist ihm wesensimmanent – macht Angst. Die Pharisäer werfen Jesus vor, den Sabbat nicht zu heiligen; für Jesus aber bedeutet der Sabbat Befreiung, Durchatmen, Erleichterung, also das Gegenteil von Angst.

Und das war wohl so etwas wie die „hidden agenda“ im Vortrag Bruners, nämlich die Entwicklung eines Gottesbildes von der inszenierten Trennung (Pro-Fanum) hin zu einem befreienden, befreiten Gottesbild, das jede Trennung von einem exklusiv-elitären Gott aufhebt und einen Gott zeichnet, der zu den Menschen kommt und jede (fundamentalistische) Angst vertreibt. Im Augenblick von Jesu Tod zerreißt der Vorhang im Tempel, der Blick auf das Allerheiligste wird frei, die Trennung zwischen Pro-Fanum und Fanum wird aufgehoben. Jesus wird somit zum Schlussstein, der den ganzen Bau zusammenhält.

Andreas Andel

P.S. Noch ein paar Zitate, die hängengeblieben sind – Zitate von W. Bruners und auch welche, die er selbst zitierte:
„Man muss Gott ernst nehmen, aber nicht todernst.“
„Gott ist einen Schweißausbruch wert.“
„Wir hören viel zu früh zu fragen auf.“
„Wer zu weit geht (= Grenzen überschreitet), muss damit rechnen, dass er es mit Gott zu tun bekommt.“
„Die Bibel ist ein Stück orientalische Literatur, die eine Erzählgemeinschaft begründet. Sie stellt unterschiedliche Gotteserfahrungen nebeneinander.“
„Der drei-einige Gott erinnert daran, dass in Gott ganz viel los ist.“

Und hier können Sie den Vortrag von W. Bruners nachlesen.

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Jahresbericht 2016

Das Jahr 2016 stand auch gemeindlich im Zeichen der Flüchtlingsarbeit.

Flüchtlingsarbeit

Ökumenisch und interreligiös unterstützt lag hier der Schwerpunkt pfarrgemeindlicher Beteiligung in Stockerau. Insgesamt 22 Arbeitskreistreffen zum Thema stehen für intensives Organisieren, Entscheiden und Kommunizieren.

Unsere Pfarrgemeinde engagierte sich unter anderem durch die Mitgründung des Vereins „Vor_allem_Mensch_Punkt“, der das Haus Ibrahim betreibt. Dort finden 16 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge ein Zuhause. 14 Angestellte, eigene Deutsch- und Lernkurse, das Projekt Sprachrohr zur psychotherapeutischen Unterstützung der Jugendlichen und das installierte Patensystem dienen der besseren Integration der meist afghanischen Jugendlichen.

Weltethos

Naheliegend, sich angesichts der neuen syrischen, afghanischen und somalischen MitbürgerInnen mit dem Thema „Weltethos“ zu beschäftigen. Filmabende über die Weltreligionen, die Ausstellung „Weltethos“, Mitarbeiterkreise zum Thema und zahlreiche Predigten, wunderbare Familiengottesdienste, heilsame Stille Halbe Stunden, Ikonen im Kerzenschein, Jiddische Lieder, ein bunter Vortrag über unsere Partnerdiözese in Ghana, ein interreligiöses Gartenfest in Unterretzbach und nicht zuletzt auch der Mitarbeitertag mit Bischof Dr. Michael Bünker führten uns zur Friedensarbeit.

„Der Friede wartet auf seine Erbauer“ drang langsam, aber merklich ins Bewusstsein vieler in unserer Gemeinde. Die Friedenssäule vor unserer Kirche, aufgestellt auf öffentlichem Grund, lädt alle Menschen ein, das Gebet/den Satz „Es möge Frieden auf Erden sein“ zu sprechen oder zu denken. Friedensarbeit wird auch 2017 ein gemeindlicher Schwerpunkt bleiben.

Viele vielfältige Veranstaltungen

Meditationstreff, Treffpunkt 50+, Gemeindecafé, Sakraler Tanz, Singkreis, Krabbelgruppe, Konfirmandengruppe und ökumenische Bibelrunde fanden regelmäßig statt. Bei einem Werkkurs wurden biblische Erzählfiguren erarbeitet. Die Gemeindefreizeit führte uns aufs wunderschöne Hochkar. Die TeilnehmerInnen der Gemeindereise genossen 2016 die polnischen Masuren.  Flohmarkt, Adventmarkt und Familienbasteln zum Advent und der Büchertisch lockten zahlreiche Menschen an. Unser Gemeindezentrum wird übrigens auch oft diözesan genutzt, 2016 etwa für nö. Kirchenbeitragstreffen, Lektorentag, und Kuratorentag.

Mitarbeiter-Freizeit

Ich persönlich habe 2016 die Mitarbeiterfreizeit im Haus der Stille als sehr bereichernd und intensiv erlebt. Vielleicht gelingt es uns ja bald wieder, eine gemeinsame Zeit an diesem Ort nahe Graz zu verbringen, wo Gemeinschaft und Frieden, Achtsamkeit und Stille ein Besinnen auf das Einfache und das Wesentliche ermöglichen.

Ein bayrischer Sonntag

Ein besonderes, sehr geselliges Ereignis möchte ich auch speziell erwähnen: das Weißwurstfrühstück nach einem Gottesdienst in Stockerau. Es war einer der (vielen) Wahlsonntage 2016. Einige der vorbeikommenden Passanten folgten unserer Einladung und genossen in ausgelassener Atmosphäre bayrisches Bier, Weißwürste und Brezen auf Heurigentischen vor der Kirche.

Gottesdienste

Gottesdienst – also der Dienst Gottes am Menschen – ist das Zentrum unseres Gemeindelebens. Mit viel Liebe und Engagement gestalteten Pfarrer Christian Brost sowie unsere LektorInnen Ingrid Oblak, Uta Vogel, Irmi Lenius, Andreas Andel sowie Pfarrer iR Robert Kauer auch 2016 mehr als 100 Gottesdienste und Kasualien – auch für Kranke und Gefangene. Unser Kindergottesdienst-Team Karin Brost, Terhi Korhonen, Alina Tischnofsky und Stella Miletich gestaltete zahlreiche lebendige Gottesdienste. Dafür möchte ich herzlich Dank sagen!

Was wären Gottesdienste ohne Musik! Vielen Dank allen, die singend, Orgel spielend, als Gitarren- und Flötenensemble oder im Rahmen von Konzerten (z.B. Bläser, Chor) für Leben in der Kirche sorgen!

godi2016

Gottesdienste* (in Klammer die Zahlen aus 2015):
Der Familiengottesdienst im Grünen fand 2016 in Kalladorf statt. In Stockerau nicht mitgezählt ist der ökum. Gottesdienst Ende August zum Erdäpfelfest mit rund 400 BesucherInnen. Zusätzlich gab es in Hollabrunn einen Schulgottesdienst sowie in Stockerau 13 ökumenische Gottesdienste oder Stille Halbe Stunden und 6 Schulgottesdienste. Die weiteren ökumenischen Gottesdienste flossen in die Statistik ein, weil sie allgemeine Gottesdienste für unsere Gemeinde waren.

Gemeindeleben

Unsere wachsende Gemeinde zählt nun 1334 Evangelische (2015: 1302), davon 49 (2015: 42) mit helvetischem Bekenntnis. 15 Mal durften wir uns 2016 über eine Taufe freuen. Es gab 10 Beerdigungen, 10 KonfirmandInnen und 3 Trauungen. 3 Eintritten standen leider 12 Austritte gegenüber.

Religionsunterricht

Sechs Lehrkräfte unterrichten an 18 Schulen in unserem Gemeindegebiet in 29 Wochenstunden 195 Schülerinnen und Schüler. Herzlichen Dank an unsere Religionslehrerinnen und -lehrer für ihr einfühlsames und kompetentes Engagement für die Kinder!

Diakonie

All denen, die als SeelsorgerIn Kranke, Gefangene und Bedürftige zum Beispiel in den Krankenhäusern Hollabrunn und Stockerau, den Pflegeheimen und in der Justizanstalt Sonnberg besuchten, Respekt und vielen Dank! Besonders hervorheben möchte ich heuer, dass unsere ehrenamtliche Gefangenenseelsorge mit Georg Kretschmar einen interessierten und verlässlichen neuen Mitarbeiter bekommen hat.

Das diakonische Engagement der Gemeinde war 2016 überhaupt hoch. Diakonie, SOMA, Flüchtlingsprojekte wie Sprachrohr, Deutschkurse, Schwimmkurse, Evang. Pfarrgemeinde Großschenk in Siebenbürgen (Seniorenarbeit), Gedenkdienst im Baltikum sowie unsere Partnerkirche in Ghana bekamen Spendenunterstützung von uns.

Kirchenbeitrag und Budget

Ach ja, die Finanzen fehlen noch. Allergrößter Dank gilt auch 2016 wieder unserer Kirchenbeitragsreferentin Eva Zehetmayer und ihrem Mann Herbert sowie unserem Schatzmeister Helmut Montsch, die herausragende ehrenamtliche Arbeit leisten. Rechnungsabschluss 2016 und Budget 2017 werden am 5.3. der Gemeindevertretung zur Beschlussfassung vorgelegt. Die Details dazu folgen daher erst in der nächsten Ausgabe.

Allen, die haupt- und/oder ehrenamtlich 2016 an unserer Gemeinschaft nach ihren Möglichkeiten und Talenten mitgebaut haben, ein großes Dankeschön und vergelt´s Gott!

2017

2017 steht unter dem Motto „500 Jahre Reformation – Freiheit und Verantwortung“. Im Jubiläumsjahr 2017 werden wir uns mit Martin Luther, seinen Stärken, aber auch seinen Schwächen befassen. Besonders wollen wir seinen Antisemitismus/Antijudaismus in den Blick nehmen und uns fragen, was diese Haltung und Wirkungsgeschichte für unsere Theologie und unser Gemeindeleben heute bedeuten. Freiheit und Verantwortung: typisch evangelisch und heute nötig wie schon lange Zeit nicht mehr. Lassen Sie sich begeistern!

Kurator Gert Lauermann

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Aus dem Presbyterium

Derzeit steht für das Presbyterium auch einiges Persönliches im Mittelpunkt. Verletzungen, Operationen, Kur, Todesfälle in der Familie treten ungewöhnlich gehäuft auf. Derartige Untiefen konnten uns aber nicht in unserer Tatkraft bremsen. Schließlich gibt es immer viel zu besprechen und zu beraten.

Reformationsjubiläum

2017 ist das Jahr des Reformationsjubiläums. 500 Jahre ist es her, dass Martin Luther seine 95 Thesen an die Türe der Schlosskirche zu Wittenberg geschlagen hat. Wir wollen an unsere Kirchentüre ein Erinnerungsplakat unter dem Motto „Freiheit und Verantwortung – Evangelisch Sein 2017“ hängen.

Am 30. April wird die Ausstellung „Luther und die Juden“ eröffnet. Nicht zufällig wurde unsere Kirche – als ehemalige Synagoge – 1938 wohl „Lutherkirche“ genannt. Auch solche Zusammenhänge, ihre Ursachen und Wirkungen wollen wir 2017 in Kooperation mit dem Koordinierungsausschuss für christliche-jüdische Zusammenarbeit genauer ansehen. Der gemeindliche Bezug wird in der Ausstellung sehr deutlich werden.

Und: Die Reformation ist kein historisch vor 500 Jahren abgeschlossener Vorgang! Reformation endet nicht. Die Frohe Botschaft des Ersten und des Zweiten Testaments bleibt und fordert uns. Auch das wollen wir 2017 unter dem Motto „Freiheit und Verantwortung“ deutlich machen.

Kirchenmusik

Im Dezember haben wir neue kirchenmusikalische Möglichkeiten mit Melitta Ebenbauer entdeckt.

Budget und Personelles

Alljährlich wiederkehrende Themen waren Budget und Personalfragen. Letztes Wort dazu hat die Gemeindevertretung, die heuer am 5. März ab 11 Uhr in Stockerau tagt. Die Sitzung ist öffentlich.

Flüchtlingsarbeit

Immer wieder finden im Gemeindezentrum Deutschkurse für Flüchtlinge statt. Auch das Projekt „Sprachrohr“, wo rund 15 minderjährigen Flüchtlingen mit einer speziell geschulten Dolmetscherin ein psychotherapeutisches Angebot gemacht wird, findet bei uns Unterschlupf.

Begegnungscafé

Zuletzt möchte ich Sie noch auf das neue „Begegnungscafé“ hinweisen. Erstmals am 19. März, 15-17 Uhr wird es in unserem Stockerauer Gemeindezentrum die Möglichkeit geben, mit Flüchtlingen aus dem ehemaligen Bezirksgericht (SLC-Quartier) ins Gespräch zu kommen, Ängste und Vorurteile abzubauen und zur Integration der Menschen beizutragen. Die Flüchtlinge bekommen so die Chance, auch einmal außerhalb ihres Quartiers einen geselligen Nachmittag zu verbringen.

Also bitte: 19. März und 2. April, jeweils 15-17 Uhr vormerken, wenn möglich Kuchen, jedenfalls aber Interesse am Anderen mitbringen! Bei entsprechendem Erfolg ist geplant, derartige Cafés regelmäßig abwechselnd bei uns und im neuen katholischen Pfarrzentrum P2 zu ermöglichen.

Gert Lauermann

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