Geistliches Wort

Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern einen Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.

2. Timotheus 1,7

Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann uns will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.

Aus dem Bekenntnis von Dietrich Bonhoeffer

WIR sind voll angekommen – im Jahr 2022 – sowie in der x-ten Coronawelle. 

Kennen Sie die Sehnsucht in einen Winterschlaf zu fallen und erst wieder aufwachen zu wollen, wenn die Pandemie vorbei ist? Ich schließe von mir auf andere, wenn ich behaupte, dass es vielen Menschen so geht. Wir möchten ein volles Leben, mit allen Möglichkeiten, mit Nähe, Freundschaft und gemeinsamem Feiern – und die andauernde Verunmöglichung bringt uns an den Rand unserer Geduld oder eben zu einer unmöglichen Sehnsucht, wie Kinder sie manchmal haben: wenn ich morgen aufwache, ist alles wieder gut. Aber so gut manche Sehnsüchte sein können, diese hilft uns kaum weiter. Wir wissen ja nicht, wie lange diese Pandemie noch dauern wird. Zum Glück gibt es Erfahrungen, wie man mit unabänderlichen Gegebenheiten gut umgehen kann. Was meine ich da konkret?

In der Gestalttherapie spricht man vom Paradoxon der Veränderung: „Veränderung geschieht, wenn jemand wird, was er ist, nicht wenn er versucht, etwas zu werden, das er nicht ist.“ So formulierte es Arnold Beisser, der als angehender Arzt und erfolgreicher Tennisspieler mit 25 Jahren an Kinderlähmung erkrankte und fortan nur im Rollstuhl und zeitweise auch nur mit eiserner Lunge leben konnte. Sein, was man ist? Was heißt das für uns?

Wenn wir nur sehnsüchtig an das denken, was derzeit nicht möglich ist und es herbeisehnen, wird uns das nicht weiterbringen. Wenn wir hingegen wahrnehmen, wie es jetzt gerade um uns bestellt ist – also vielleicht sind Sie traurig, weil Sie alleine sind, oder vielleicht freuen Sie sich gerade über ein Telefonat mit einer Freundin – also wenn wir ein ehrliches „JA“ sagen können zu unserer momentanen Befindlichkeit, dann ist das ein erster Schritt in die richtige Richtung. Dass das leicht ist, will ich nicht behaupten. Aber interessant daran ist, das gilt auch für uns als Gemeinde. Also: Ja, wir leiden unter der Pandemie, weil unser Gemeindeleben quasi brach liegt. Ja, viele vermissen die ungezwungenen Kontakte und Gesprächsmöglichkeiten bei diversen Veranstaltungen. Und Ja, wir machen uns Sorgen, wie es wohl weitergehen wird.

Auch wir als Gemeinde können nur sein, was wir sind. Jede und jeder, die und der sich einbringt, gestaltet unser Gemeindeleben mit. Es hilft uns nicht, nach Möglichkeiten zu schielen, oder Verlorengegangenes zu betrauern; es tut jedem Menschen und auch uns als Gemeinde gut, das derzeitige Sein zunächst einmal anzunehmen – also JA dazu zu sagen. So ist es nun mal!

Dann erst wird es uns möglich sein, auch wieder VOLL da zu sein. Denn zum „Voll“ gehören alle unsere Anteile. Die Sorgen und Ängste genauso, wie die Freude und Gestaltungskraft. Ich wünsche uns in dieser Zeit, dass der Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit der Begleiter auf unseren Wegen ist. Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser möge das JA-Sagen zu dem, wie Sie jetzt gerade da sind, immer wieder aufs Neue so gelingen, wie es Dietrich Bonhoeffer auf bewundernswerte Weise gelungen ist. Obwohl er inhaftiert und seine Lage aussichtslos war, hat ihn sein Glaube getragen, sodass er uns Schriften wie das zitierte Bekenntnis (das wir übrigens öfters im Gottesdienst beten) hinterlassen konnte. Ein Bekenntnis voll Zuspruch, das auch uns helfen kann. Mit diesem Vertrauen wird es auch uns als Gemeinde wieder möglich, VOLL da zu sein. Mit Herzblut und Engagement, mit Freude und Zuversicht aber auch mit Demut und Gelassenheit – weil wir uns in Gottes Geborgenheit getragen wissen dürfen.

Das wünscht Ihnen herzlichst

Irmi Lenius

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