Martin Niemöller

Die neuesten Niemöller-Biografie (von Michael Heymel)

Ein evangelischer Preuße

Martin Niemöller wurde am 14. Jänner 1892 in Lippstadt/Westfalen geboren. Das ist zu der Zeit, als Wilhelm II. von Hohenzollern König von Preußen und deutscher Kaiser ist. Zugleich ist dieser Kaiser auch oberster Bischof der evangelischen Kirchen der altpreußischen Union.

Er erhält den Vornamen Martin als Bekenntnis zu Martin Luther und der Reformation. Sein Vater ist lutherischer Pfarrer in Lippstadt und dessen und später auch seine politische Haltung war kaisertreu und national.

Martin wächst in einem typisch lutherischen Haushalt mit Hausandachten und Gebeten auf. Er ist ein wildes Kind, das den Dingen auf den Grund gehen will. Er ist begabt, und es zeigt sich früh, dass er weiß, was er will. Auch seine Führungsqualitäten zeigen sich früh. Meine ganze Moral habe ich aus einem Gespräch als 18-Jähriger mit meinem Vater: ,Junge, Du darfst alles tun, wofür du hinterher Gott danken kannst.‘

Der Geist des frommen Elternhauses gehörte für ihn zu den entscheidenden Gestaltungskräften. Als Neunjähriger begleitet er seinen Vater zu einem Sterbenden. Dort fällt ihm ein Wandspruch in einem Rahmen auf: „Was würde Jesus dazu sagen?“ Dass dieser Spruch zu einem Leitmotiv seiner Frömmigkeit wurde, resümiert er in seinen letzten Lebensjahren: Ich bin Punkto christlicher Ethik heute nicht schlauer als damals.

Der Marineoffizier

Schon als 5-Jähriger will er Marineoffizier werden. Er maturiert 1910 als Jahrgangsbester und erfüllt sich zielstrebig diesen Wunsch. Dass er aus einer Pfarrersfamilie stammend Offizier wird, ist damals durchaus üblich und gern gesehen. Im Juni 1918 hat er sein erstes U-Boot-Kommando. Das Boot legt Minen, weicht feindlichen Flugzeugen und Schiffen aus und versenkt mehrere Schiffe.

Niemöller war von der Kriegstechnik fasziniert; das wird dem Leser seiner Selbstbiografie „Vom U-Boot zur Kanzel“ klar. Mit Stolz berichtet er von den U-Boot-Jahren und man erkennt, wie sehr ihn die Niederlage des kaiserlichen Deutschland, also das Ende der Herrschaft der Hohenzoller mit der Novemberrevolution von 1918 getroffen hat. Damals versank in mir eine Welt.

Mit der neuen, demokratischen Staatsform kann er sich nicht abfinden. Er steht der Weimarer Republik ablehnend gegenüber. Er fühlt sich in seinem Gewissen immer noch dem Kaiser verpflichtet, weshalb er sich auch weigert, die U-Boote nach England auszuliefern. Er widersetzt sich mit folgenden Worten: Herr Kommodore, ich bin 3 Jahre auf U-Booten gegen England gefahren; ich habe diesen Waffenstillstand nicht gewollt und nicht geschlossen. Meinetwegen können die Leute unsere U-Boote nach England bringen, die das versprochen haben. Ich tue das nicht!

Er quittiert seinen aktiven Dienst bei der Marine 1919, weil er der neuen Republik nicht dienen will. Am liebsten wäre er nach Argentinien als Schafzüchter ausgewandert. Er begann sogar Spanisch zu lernen. Jedoch die Inflation und damit die Abwertung seiner spärlichen Offizierspension vereitelten diesen Plan.

Zu Ostern 1919 heiratete er Else Bremer, die Schwester eines im Krieg gefallenen Freundes.  Else hatte in Bonn und Berlin studiert, um Studienrätin zu werden. Nach der Eheschließung musste sich Else also gegen den Lehrberuf entscheiden, weil es damals eine Zölibatsklausel für Beamtinnen gab. Sie hatte am beruflichen Weg ihres Mannes aber wesentlichen Anteil und spielte als Pfarrfrau und Frau der Bekennenden Kirche eine wesentliche Rolle.

Der Bauernknecht

Frisch verheiratet arbeitet Niemöller als Bauernknecht: Es war mir wie ein Traum, als ich so das erste Mal hinter dem Pfluge ging und meine Furche über den Acker zog…Noch ahnte ich nicht, dass hier für mich die Heimkehr, die Rückkehr zu Volk und Heimat begann!

Er wollte seinem Volk dienen. Es war kein eigentlich theologisches Interesse, was dahintersteckte und den Ausschlag gegeben hätte: für Theologie als Wissenschaft, die Probleme lösen will, hatte ich von Hause aus keine Ader. Aber, dass das Hören auf die Christusbotschaft und der Glaube an Jesus Christus als den Herrn und Heiland neue, freie und starke Menschen macht, dafür hatte ich in meinem Leben Beispiele gesehen. (…) Damit konnte ich, das war meine Überzeugung, meinem Volk aus ehrlichem und geradem Herzen dienen; und damit konnte ich ihm vielleicht mehr und besser helfen in seiner trostlosen völkischen Lage, als wenn ich still und zurückgezogen nur einen Hof bewirtschaftet hätte, wie ich mir das gedacht hatte.“

Er will – so sein volksmissionarischer Anspruch – das Christentum als konservative Ordnungsmacht zur Geltung bringen. Nach seinem Verständnis musste jeder Deutsche seinem Vaterland mit Hingabe und Opferbereitschaft dienen. Dieser Patriotismus bleibt eine treibende Kraft auch für sein späteres Handeln.

Der Theologe

Ein Teil seines Lehrvikariatsjahres in Münster wird ihm erlassen, da er zum zweiten Geschäftsführer der Inneren Mission für die Westfälische Provinz ernannt wird. Der neue Staat hatte sich die Wohlfahrtspflege zum Verfassungsziel gesetzt. So erhielt die Innere Mission – Vorläufer des Diakonischen Werkes – Konkurrenz. Und es gab viel zu tun: Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot und weit verbreitete Armut.

Immer noch hatte er eine antidemokratische Einstellung und erkannte nicht, dass der demokratische Staat ein Partner im Kampf gegen Armut und Elend war und hätte sein können. Aber anders als sein Bruder Wilhelm trat er nicht der NSDAP bei.

Martin Niemöller wollte jedoch in die Ruhe eines Gemeindepfarrers eintauchen. Schließlich wird er 1931 dritter Pfarrer in Berlin-Dahlem mit ca. 12.000 Protestanten, einer der reichsten Gemeinden der altpreußischen Union.

1933 will er einen Pfarrernotbund gründen, der sich gegen die Ausgrenzung der Christen jüdischer Herkunft wehren soll. Der sogenannte Arier-Paragraph ist ihm ein Dorn im Auge. Zusammen mit anderen Pastoren gründet er 1934 die „Bekennende Kirche“, der auch Dietrich Bonhoeffer angehört. Als er während einer Audienz beim Reichsbischof, bei der auch Adolf Hitler anwesend ist, dem Führer widerspricht, erhält er Redeverbot, doch Niemöller predigt weiter, wissend, dass ihm Gestapoleute zuhören und weiter anschwärzen. Im Herbst 1934 erscheint sein Buch „Vom U-Boot zur Kanzel“, das später von Goebbels verboten wird.

Der Inhaftierte

Am 1. Juli 1937 wird Martin Niemöller von der Gestapo verhaftet. Damit war die Bekennende Kirche ihrer führenden Kraft beraubt. Während seiner Inhaftierung – letztlich bis 1945 – werden seine Predigten aus Dahlem in mehrere Sprachen übersetzt. Er wird – trotz Gefängnis – zu einer international angesehenen Person, was der führenden Schicht um Hitler ein Dorn im Auge war. Man kann aber annehmen, dass das auch verhindert hat, dass er frühzeitig liquidiert wurde.

Ein Beispiel für seine Bekanntheit sei hier angeführt: Zwei Tage nach seiner Verhaftung erscheint in der „Times“ ein Brief des Lordbischofs von Chichester, Dr. George Bell: Ich kenne Dr. Niemöller. Er ist ein Mann, den jeder Christ mit Stolz seinen Freund nennen würde. Ich habe nie einen Christen gesehen, der tapferer wäre und in dem die Lampe des Glaubens heller brennte. Dies ist eine kritische Stunde. Es geht nicht allein um das Geschick eines einzelnen Pfarrers, es geht um die Haltung des deutschen Staates gegenüber dem Christentum und der christlichen Ethik.

Im Februar 1938 findet der Prozess vor dem Berliner Sondergericht statt. Kein Kirchenvertreter wird zugelassen. Es wird ihm vorgeworfen, den Führer karikiert und die herrschende Politik kritisiert und angegriffen zu haben. In seiner Verteidigung wies er u.a. darauf hin, dass ihm zwar die Juden unsympathisch seien, aber dass es der Kirche verwehrt sei, Gott nach unserem Bilde, dem arischen Bilde, zu formen.

Im Nachhinein ist diese „Nähe“ zu Hitlers Antisemitismus häufig Grund für Diskussion. Er selbst hat nach 1945 erkannt, dass er bis zu seiner Verhaftung kein Widerstandskämpfer war.

Am 2. März 1938 kommt es zur Urteilsverkündigung, aufgrund der er unmittelbar aus der Haft entlassen hätte werden müssen. Stattdessen wird er ins KZ Sachsenhausen gebracht, wo er als persönlicher Gefangener von Adolf Hitler in Einzelhaft untergebracht wird. Bis 1941 ist er dort, dann bis 1945 in Dachau.

Martin Niemöllers persönliche Krise

In Einzelhaft kommt er auch an seine Glaubensgrenzen. Er findet in der lateinischen Messe das lebendige, fleischgewordene Wort Gottes in seiner tröstenden und stärkenden Objektivität. Der Protestantismus gibt ihm keinen Halt.

In der Öffentlichkeit kursiert das Gerücht seiner angeblichen Konversion zum Katholizismus. Er befasst sich mit der Frage, wie eine christliche Kirche sein muss, damit sie in der Welt wirklich Kirche ist. Er konvertiert nicht und sagt selbst, er habe den richtigen Zeitpunkt dafür verpasst.

Ab 1941 in Dachau erlebt er dort an Weihnachten 1944 die Geburtsstunde seines ökumenischen Verständnisses. Im April 1945 werden 163 Sonderhäftlinge, darunter auch Niemöller, nach Südtirol abtransportiert.

Die Befreiung

Statt wie von Himmler befohlen – nämlich liquidiert und in einem See versenkt zu werden – gelingt die Rettung durch Hauptmann Wichard von Alvensleben und schließlich durch die Amerikaner. Nach der Befreiung wird er 1945 Mitglied des Rates der „Evangelischen Kirchen in Deutschland“ (EKD) und zum Präsidenten des Kirchlichen Außenamtes gewählt. Er ist eine unbequeme Stimme der Kirche, denn er vertritt die These von der Mitschuld der evangelischen Kirche am Nationalsozialismus. 1947 wird er Kirchenpräsident der evangelischen Landeskirche in Hessen und Nassau.

Pazifist und Vorbild

1967 wird ihm der Lenin-Friedenspreis verliehen, und 1971 erhält er das Bundesverdienstkreuz. Von 1961 bis 1968 ist Niemöller einer der sechs Präsidenten des Weltkirchenrates.

Ende der 70er Jahre gründet er die Martin-Niemöller-Stiftung. Er kämpft gegen die Einführung der Neutronenbombe und gegen den NATO-Doppelbeschluss, durch den Atomraketen auf deutschem Boden stationiert werden sollten. In den 80er Jahren wird Niemöller einer der prominentesten Vertreter der bundesdeutschen Friedensbewegung. Am 6. März 1984 stirbt Martin Niemöller in Wiesbaden.

Was Martin Niemöller mit Luther verbindet, ist neben dem Vornamen die Einsicht, dass der Mut aus dem Glauben kommt. Mut, den es braucht, um jederzeit bereit zu sein, um Umkehr und Sinnesänderung zuzulassen. Mut, den es braucht, im Denken sich neu zu orientieren. Der Glaube, der Jesus aufs Wort folgt, macht mutig. So möge Niemöller als „Bekenner des Glaubens“ und „Kämpfer für den Frieden“ im Gedächtnis bleiben.

Irmi Lenius

Niemöller Zitate

Wir haben nicht zu fragen, wieviel wir uns zutrauen; sondern wir werden gefragt, ob wir Gottes Wort zutrauen, dass es Gottes Wort ist und tut, was es sagt!

Hier hört die Totalität auf, hier hört die Totalität des Staates wie die Totalität des Menschen wie die Totalität der Welt auf, und Staat, Mensch und Welt bringen sich selbst um ihre eigentliche Bestimmung und ihr letztes Ziel, wenn sie hier die gezogene Grenze nicht erkennen, wenn sie hier nicht mit uns bekennen, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebt, und irgendwo findet sich das Wort des Herrn Jesus Christus bestätigt, dass das Wort Gottes das Salz der Erde ist.

Aus seiner Verteidigung

Wie kann Brot und Wein Leib und Blut Jesu Christi sein? – Die große Spaltung in der Reformationskirche rührt großenteils von der verschiedenen Beantwortung dieser Frage her: Luther lehrte darin anders als Zwingli, und dieser wieder anders als Calvin, alle nur einig in der Ablehnung der mittelalterlichen Verwandlungslehre der römisch-katholischen Kirche. – Heute sind diese theologischen Differenzen schon so fein geworden, dass man ein überdurchschnittlich geschulter Philosoph sein muss, um sie in ihrer Verschiedenartigkeit noch zu erkennen. Und wenn von solcher Erkenntnis unsere Seligkeit abhinge, dann wäre das Himmelreich nur für gelehrte Denker zugänglich, was ja aber offensichtlich im Gegensatz zu Jesu eigener Auffassung und zu seinen eigenen Worten steht.

Zur Ökumene
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