Worauf ich mich freue

Bild: privat

Heute ist der 7. Mai, in zwei Wochen werden Gastronomie, Kultur, Sport u.a. wieder zugänglich sein. Zumindest in einem gewissen Ausmaß.

Wenn Sie diese Zeilen lesen, mag sich das, worauf ich mich da freue, schon wieder ziemlich „normal“ geworden sein, wenn uns nicht Corona noch böse dazwischengefunkt hat. Doch heute, kurz vor dem erhofften Ende einer langen Zeit unter ungewohnt eingeschränkten Lebensbedingungen, möchte ich nur nach vorne blicken.

Schmerzlich vermisst

Es sind vor allem lieb und wichtig gewordene Rituale, die ich so vermisst habe: Konzert-, Theater- und Kabarettabende, der Besuch von Museen, aber auch von Fußballspielen meiner Rapid, Restaurantbesuche mit Familie und Freunden… 

Es ist mir bewusst geworden, dass der Stellenwert von gewohnten Fixpunkten im Alltag nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Und gleichzeitig denke ich mir, dass dieses Vermissen irgendwie gepaart ist mit einem Anspruchsdenken, das mir eigentlich überhaupt nicht zusteht. Wer bin ich denn, Konzerte mit den Wiener Philharmonikern zu vermissen, während in Indien liebe Freunde mit dem materiellen und gesundheitlichen Überleben kämpfen?

Ohne Dankbarkeit keine Vorfreude

Vielleicht dient es ja nur der Gewissensberuhigung, doch auch bei nüchterner Betrachtung ist Dankbarkeit geboten für all das, was mich durch diese Pandemiezeit gebracht hat: ein harmonisches schönes Zuhause, ein sicherer Arbeitsplatz, ein vergleichsweise leichter Verlauf meiner Corona-Erkrankung, alle die Möglichkeiten, die liebgewordenen Rituale zumindest ein wenig zu ersetzen…

Und da sind wir auch schon beim Punkt! 

  • Was haben wir uns über die Videomeetings erregt, die doch nie ein persönliches Treffen ersetzen können? – Ja eh, aber was für ein Privileg, zumindest auf diese Weise miteinander kommunizieren zu können.
  • Was haben wir uns nicht über die geschlossene Gastronomie beklagt, deren Besuch für viele von uns zu einem Fixpunkt sozialen Lebens geworden ist? – Ja eh, aber was für ein Privileg, in einem Staat zu leben, in dem die Lebensmittelversorgung nie gefährdet war (selbst Toilettenpapier war ausreichend vorhanden!), und dann gibt es auch noch Botendienste, die uns das Essen bis zur Haustüre bringen.
  • Was haben wir nicht geklagt, dass wir in unserer Reisefreiheit so eingeschränkt waren, und wir hätten doch so dringend wieder einen Ortswechsel benötigt und uns so gerne am Meer erholt? – Ja eh, aber wer von uns hatte kein Dach über dem Kopf, konnte nicht an die frische Luft gehen oder gar seine Zeit in einem Garten verbringen?
  • Und wie viel von den Dingen, die uns wichtig und wertvoll sind, hatten wir zumindest in einer alternativen Form dennoch weiterhin zur Verfügung? Ein Gottesdienst, wenn auch mit Maske und ohne Gesang; ein Konzert im Fernsehen, wenn auch nicht in der Atmosphäre des Konzertsaals; ein Treffen mit Freunden, wenn auch nur in kleiner Runde und „nur“ im Freien?

Zumindest viele von uns – und ich einmal ganz bestimmt – haben allen Grund zur Dankbarkeit! Versetzen wir uns gedanklich nur einmal kurz an einen anderen Fleck auf dieser Erde, wo die Corona-erkrankten Menschen vor dem Spital ihren Tod erwarten, weil es darinnen keinen Platz für sie gibt … 

Natürlich hat es manche von uns hart getroffen, und auch ich habe einen Corona-Todesfall in meinem Bekanntenkreis zu beklagen – und das ist wahrlich schlimm genug -, doch insgesamt betrachtet … 

Das Gewohnte wird besonders

Wie viele tolle Konzerte habe ich schon gehört! Vielleicht sogar schon zu viele, um den Wert jedes einzelnen noch richtig schätzen zu können. Ja, ich habe so manche Konzerte auf Internet-Plattformen mit tollem Bild und Ton „erlebt“, aber mir ist sehr bewusst geworden: Das gemeinsame Erleben vor Ort, die Einzigartigkeit des Live-Erlebnisses, die Atmosphäre des Vor-Ort-Miterlebens – all das kann ein Konzert zu Hause vor dem Bildschirm nicht (oder nur sehr eingeschränkt) bieten. Ich kann es kaum erwarten, beim ersten Konzertbesuch nach langer Zeit dies alles wieder zu spüren – und ich bin sicher, ich werde das schätzen und genießen wie schon lange nicht mehr!

Wie oft war ich schon in Restaurants essen, und kulinarisch werde ich zu Hause wahrlich sehr verwöhnt, aber wie freue ich mich schon auf einen Familientreff bei „meinem Vietnamesen“ in Wien – und ich bin mir sicher, ich werde dieses Essen genießen wie schon lange nicht mehr!

Wie toll waren unsere Gottesdienste unter all den einschränkenden Bedingungen, und wie sehr freue ich mich auf den ersten Gottesdienst ohne Masken, mit Gesang – und bald mal wieder mit einer Umarmung lieber Freundinnen und Freunde!

Ja, das ist es, was immer so „gewohnt normal“ war und auf einmal ganz besonders klingt: einem Menschen wieder die Hand zu geben, ihn zu umarmen, ihn abzubusseln … das habe ich vielleicht am meisten von allem vermisst, und darauf freue ich mich am meisten. Es wird ganz besonders sein!

Andreas Andel

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