Wer kennt Angst vor einer ungewissen Zukunft?

Bild: Diakonie

Die vergangenen Wochen und Monate haben uns alle gelehrt was Warten, aber auch existentielle Angst bedeuten kann; wie es sich anfühlt vor einer ungewissen Zukunft zu stehen.

Dabei gerieten zunehmend die Menschen in unserer Gesellschaft aus dem Blickfeld für die Warten, Angst, Unsicherheit und Verzweiflung seit Jahren ein essentialer Bestandteil ihres Lebens ist.

Monate- oft jahrelanges Warten auf einen Interviewtermin im Zuge ihres Asylverfahrens. Die Unsicherheit, ob ihre persönliche Geschichte und ihre Erfahrungen geglaubt werden. Die Angst, ob der darauffolgende Asylbescheid positiv, oder negativ ausfällt, ob sie bleiben dürfen, oder abgeschoben werden. Die Verzweiflung, wenn sie in Berufung gehen müssen, Die Sorge um das finanzielle Überleben, aber auch um einen etwaigen Arbeits-, oder Ausbildungsplatz.

In vielen persönlichen Begegnungen mit AsylwerberInnen konnte ich diese Gefühle mitschwingen spüren. Obwohl, es dauert lange, bis diese Menschen nach all dem was sie in ihren Heimatländern, auf der Flucht, in diversen Lagern, aber auch in Unterkünften und mit Behörden hier in Österreich erlebt haben, offen aussprechen können was sie bewegt.

Es rührt und berührt, macht betroffen!

Bild: Diakonie

Die zunehmend negative Haltung gegenüber Flüchtlingen und in der Folge auch gegenüber NGOs, wie der Diakonie, in unserem Bundesland ist sowohl für haupt- und ehrenamtliche MitarbeiterInnen der Diakonie als auch für Mitglieder der evangelischen Kirche unverständlich und nicht nachvollziehbar.

Und dennoch, trotz aller Schwierigkeiten, sollen und werden wir uns in unserem Engagement nicht unterkriegen lassen und nicht zurücknehmen. Es gilt weiterhin Menschen, egal woher sie auch kommen, mit Respekt, Wertschätzung und auf Augenhöhe zu begegnen. Viele von ihnen haben es geschafft sich ein neues, selbstbestimmtes und tragfähiges Leben aufzubauen. Exemplarisch möchte ich ihnen die Geschichte einer Familie erzählen.

Sie kamen im Frühjahr 2012 nach Österreich. 

Geflüchtet in einer Nacht- und Nebelaktion als verfolgte Christen aus dem Iran.

Keiner von ihnen sprach bei ihrer Ankunft ein Wort Deutsch, weder Hossein der Vater, ein Geschäftsmann, noch Leila seine Frau, die mit ihm das Textilgeschäft betrieb, noch ihr Sohn und Maturant Mahyar, noch die 14-jährige Tochter Shirin.

Kennengelernt habe ich sie als ehrenamtliche Lehrerin in einem Deutschkurs. Betrieben von Freiwilligen unter organisatorischer Mithilfe des Diakonie Flüchtlingsdienstes.

Die Familie nahm schon bald Kontakt zu der katholischen Pfarrgemeinde vor Ort auf, brachte sich ein und engagierte sich. Ob beim Kirchenputz, beim Kochen für Veranstaltungen, oder beim Schleppen von Kisten für den Flohmarkt, sie waren da, wenn sie gebraucht wurden.

Sie besuchten ein Jahr lang den Taufunterricht und waren stolz, nach der Taufe endlich, und vor allem gefahrlos, frei und offen ihren Glauben leben zu können.

Nach 15 Monaten Wartefrist wurde ihnen der Aufenthaltsstatus zugesprochen.

Die Kinder besuchten zunächst als Gastschüler das örtliche Gymnasium. Dann wurden sie als reguläre Schüler aufgenommen. Für den 18-jährigen Mahyar bedeutete das zurück in die 7. Klasse und noch einmal 2 Jahre Unterricht, um zur Matura zugelassen zu werden.

Er absolvierte sie 2015, nach 3 Jahren in Österreich, mit Bravour und studiert seither an der TU Wien technische Mathematik.

Hossein, der Vater, arbeitet seit dieser Zeit in einem metallverarbeitenden Betrieb als Schichtarbeiter. Seine Frau Leila hat im Gastgewerbe Arbeit gefunden.

Bald schon wurde, durch Unterstützung vieler engagierter Mitmenschen, die Anmietung und Einrichtung einer eigenen Wohnung möglich. Vater Hossein absolvierte die österreichische Führerscheinprüfung.

Langsam kehrte so etwas wie Normalität und Zukunftsperspektive in der Familie ein.

Im Sommer 2017 bestand auch die Tochter Shirin problemlos die Matura.

Mit der Aufnahmeprüfung zum Medizinstudium hat es im ersten Anlauf leider nicht funktioniert.

Ihre Aussage: „Jetzt studiere ich ein Jahr Pharmazie und dann probiere ich es mit der Medizin selbstverständlich noch einmal“, sagt viel über die Zielstrebigkeit der jungen Frau aus.

In den letzten beiden Jahren machten die Eltern viele Überstunden und Wochenenddienste. Die Kinder arbeiteten neben dem Studium und natürlich auch in den Ferien.

Das dadurch extra verdiente Geld wurde zu einem einzigen Zweck in einen gemeinsamen Topf gelegt.

Das Ziel war kein Auto, kein Urlaub, keine Luxusartikel. Der einzige Zweck der Ersparnisse diente der Erlangung der österreichischen Staatsbürgerschaft.

Als sie die benötigten 5600,-€ beisammen hatten, absolvierten sie die vorgeschriebenen Prüfungen.

Unter dem Christbaum 2017 lagen als einzige Geschenke 4 neue österreichische Reisepässe.

Der Sohn hat mittlerweile sein Studium abgeschlossen und arbeitet bei einer namhaften österreichischen Firma, die Tochter studiert im 4. Semester Medizin.

Ein schönes Märchen? Nein, Realität! Möglich für Menschen, die ihre Chancen nutzen.

Möglich aber nur für Menschen, die ihre Chancen auch bekommen!

Viele evangelische Pfarrgemeinden machten ähnlich gute Erfahrungen mit ihren neuen Mitbrüdern und Mitschwestern, die sie vorbehaltlos aufgenommen hatten. Gemäß dem Wort aus dem 3. Buch Mose: „Wenn ein Fremdling bei dir in eurem Lande wohnen wird, den sollt ihr nicht schinden. Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst.“

Möglichkeiten und Fähigkeiten, aber auch Träume und Visionen bringen viele dieser Heimatsuchenden mit. Um daraus Perspektiven für eine gelungene Zukunft zu entwickeln, sind wir gefragt. Ob in Deutschsprach-, oder zunehmend auch in Konversationskursen, ob in Aufgaben- und Lernhilfe für die Kinder, ob in freundlicher und freundschaftlicher Inklusion in unsere Pfarrgemeinden, es gibt vielerlei Möglichkeiten zu unterstützen und sich dabei selbst bereichern zu lassen. 

Falls es ihnen an der Zeit mangelt, bleibt immer noch die Chance einer finanziellen Spende an den Diakonie- Flüchtlingsdienst, oder direkt für das Projekt JEFIRA.

Gemäß unserem Auftrag „Was du einem der geringsten deiner Brüder und Schwestern getan hast, das hast du mir getan“, werden wir nicht müde an der Seite derer zu stehen, die unsere
Unterstützung benötigen.

Gisela Malekpour

 

Dieser Beitrag wurde unter Gott & die Welt veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.