Was machen die Corona-Maßnahmen mit uns?

Und welche Möglichkeiten finden wir, damit gut umzugehen?

Die Pandemie und die von der Regierung gesetzten Maßnahmen beeinflussen unser Leben auf sehr unterschiedliche Art und Weise. So unterschiedlich sie uns betreffen – so unterschiedlich erleben wir sie auch. Wir haben 3 Frauen zur aktuellen Situation befragt. Herta Klune – stellvertretend für die ältere Generation, die schon in Pension ist, häufig alleinstehend mit oder ohne Enkelkindern; Karin Brost – stellvertretend für eine Berufsgruppe, die derzeit ganz besonders gefordert ist, nämlich die KrankenpflegerInnen. Sie arbeitet in einem Landespflegeheim; und schließlich Tina Lauermann – stellvertretend für die kleinen Kinder und auch für ihre KollegInnen, denen die Kinder anvertraut sind. Sie ist Leiterin eines 4-gruppigen Kindergartens in Wien. Die Interviews wurden Anfang Jänner durch Irmi Lenius geführt.

Herta

Wie erlebst du in deinem Umfeld den Einfluss der Corona-Situation und der Corona-Maßnahmen auf die jeweiligen Personen, vor allem, was das soziale Leben betrifft?

HERTA: Ich muss sagen, Corona hat Positives und Negatives. Positiv habe ich es besonders im 1. Lockdown gesehen, dass z.B. meine Nachbarn über den Zaun oder auf der Straße viel offener und freier sprechen konnten. Das war für mich tröstlich.

Was weißt du von anderen? Auch Alleinstehenden?

HERTA: Bei den älteren Leuten sind wenige so positiv eingestellt wie ich. Die meisten waren schon früher negativ und sind es jetzt in der Corona-Zeit geblieben.
Es gehen ihnen Konzerte ab; sie klagen, dass sie die Enkelkinder nicht sehen können, dass sie nicht so reisen können. Ich finde, dass da die älteren Menschen viel kritischer sind als die Jugend. Sie beklagen sich mehr.
Mir gehen schon gewisse Sachen ab, aber ich sage mir, das ist halt jetzt so und so finde ich mich auch zurecht. Meine grundpositive Einstellung ist das, was mir am meisten hilft. 

Warum glaubst du, sind Menschen negativ?

HERTA: Die glauben, dass sie etwas im Leben versäumt haben. Oder sie haben ein schlechtes Gewissen, wenn sie an einem Tag etwas nicht erledigen. Ich sage zu meinem Leben, es war ok so, wie es war.

Karin

Wenn du an eure Teamarbeit denkst: Leidet das Miteinander? 

KARIN: Was die Besetzung mit Pflegekräften betrifft, waren wir schon vor Corona am Limit. Das heißt die Besetzung ist nicht krisenfest. Und jetzt in der Ausnahmesituation kommt das zum Tragen.
Unser Miteinander leidet daher extrem. Wir sind gewohnt in einem bestimmten Tagesablauf zu arbeiten, in einer bestimmten Struktur.
Gut, der Tagesablauf ist eigentlich gleich geblieben. Aber der Betreuungsablauf verändert sich jeden Tag. Die Routineabläufe fehlen – und damit die individuelle Betreuung für die Bewohner.

Wieso ist das so?

KARIN: Es werden die Bewohner ständig verlegt; Infizierte in die Quarantäneabteilung, die Gefährdeten woanders hin usw. Die Belegungspositionen verschieben sich ständig.
Das geht so weit, dass manche PflegerInnen sagen, sie können nicht mehr schlafen, weil sie nicht wissen, was sie am nächsten Tag erwartet. Unter dem Druck kommt das Personal schon ins Haus. 
Und bei den vielen positiv Getesteten können wir uns schon ausrechnen, wer das nicht überlebt. Das zehrt auch an der Kraft. Da sind Bewohner, die wir jahrelang betreut haben. Wo wir schon wissen, das sind zarte Pflänzchen. Und jetzt kommt der blöde Virus und … weg sind sie. Das ist echt schiach. Das kommt als psychische Belastung für das Personal noch dazu. 
Das Schlimmste, was dann noch dazu kommt, ist: viele Bewohner sind schon aggressiv auf uns. Wir rennen dauernd mit Masken herum, ständig verkleidet. Sie wissen nicht mehr, mit wem sie es zu tun haben und sind in ihren Zimmern isoliert.
Wenn keine Sonne scheint, so wie es viele Wochen war, sitzen sie im Finstern in ihren Zimmern. 

Tina

TINA: Ich arbeite im Kindergarten mit sehr jungen Kindern ab einem Jahr. Grundsätzlich kann ich sagen, die Kinder sind so drauf, wie ihre Eltern. Sind die Eltern entspannt, dann sind es die Kinder auch. 
Im ersten Lockdown waren nur wenige Kinder da. Ich habe alle Eltern angerufen und die Reaktionen waren sehr unterschiedlich. Von: wir haben noch nie so viel Zeit miteinander gehabt und das ist super bis zu den extrem überforderten Eltern, die an ihre Grenzen gelangt sind. Für Eltern, die ein 2-jähriges Kind bei sich haben, ist es schwierig daneben zu arbeiten. Diese Anspannung spüren alle. Manche Eltern waren damals den Tränen nahe. 
Im 2. Und 3. Lockdown war das anders, da hieß es, jeder darf seine Kinder bringen. Da hatten wir von 21 Kindern pro Gruppe etwa 18. Ich glaube, da haben die Kinder viel Normalität erlebt. Einige, wenige Eltern sind noch panisch, aber das ist eine Minderheit. Die anderen sind eher zu entspannt. Sehen also kaum ein, warum wir Maßnahmen beibehalten.

Welche Auswirkungen bemerkst du im Miteinander der Pädagoginnen?

TINA: Die KollegInnen untereinander haben jetzt weniger Kontakt – sie sehen einander nur bei Online-Besprechungen. Das macht den Austausch, die pädagogische Planung und die kollegiale Beratung schwierig. 
Die Pädagoginnen müssen Schichtdienste machen, weil es keine Sammelgruppen geben soll und daher jede Gruppe während unserer Öffnungszeiten besetzt sein muss. Für die Pädagoginnen ist es also weitaus anstrengender als bisher, weil sie oft mit den Kindern alleine sind. 
Daneben erleben wir, dass Eltern ihre Kinder abholen, um die Ecke gehen und gemeinsam bis zum Abend am Spielplatz bleiben, was unsere Trennung ad absurdum führt.
Den Babyelefanten gibt es im Kindergarten nicht. Unsere Pädagoginnen tragen keine Masken, da die Mimik für junge Kinder besonders wichtig ist. Die Kinder werden getröstet wie bisher. Die Pädagoginnen putzen laufende Nasen und werden von den Kindern angehustet. Trotzdem gibt es derzeit keine regelmäßigen Testungen.
 

Inwiefern verändert Corona die gewohnten Strukturen des Alltags und liebgewonnener Rituale?

HERTA: Dass ich nicht mehr so unbekümmert jemandem begegnen kann. Die Unabhängigkeit beim Inkontaktkommen fehlt mir. Zum Glück habe ich meine Söhne, die mich unterstützen. Das finde ich lieb.
Jeden Tag gehe ich in die Natur. 1 bis 1,5 Stunden gehe ich da den Weg, der mein Schulweg war. Wir haben am Grummethof gewohnt. Da sind die Gedanken frei und ich bin froh, dass ich das machen kann.

Ist das eine Kraftquelle?

Ja, dieses Ritual hat sich intensiviert. Auch wenn man Leute trifft, man grüßt sich. Das ist nett. Man ist nicht so allein.

Wie geht es anderen, was weißt du?

Dass keine GD sind, ist für andere ein Problem. Nicht nur wegen Corona, auch aus gesundheitlichen Gründen.

KARIN: Wir dürfen als Personal zwar gemeinsam Pause machen, aber sitzen dann 3 m entfernt voneinander. Quasi wie isoliert. Uns als Personal wird das Gemeinschaftsgefüge genommen. Und die Bewohner sind seit 31. Dezember alle in ihren Zimmern. 
Über Weihnachten war das noch lockerer. Wir haben als einzige Station Weihnachten miteinander gefeiert. Da haben wir zur Gitarre gesungen, das Weihnachtsevangelium gelesen und die Krippe aufgebaut, Bewohner haben Geschichten oder Gedichte gelesen. Das war echt nett. Aber das war das letzte gemeinschaftliche Ereignis, das wir gehabt haben. Dann haben wir uns noch bemüht, Besucher herein zu lassen. Da ist ein extra Team abgestellt worden – auf unserer Station, damit die Angehörigen Weihnachtsbesuche machen konnten. Da wurden alle getestet zwischen 13 und 18 Uhr und im Halbstundentakt sind die Besucher hereingelassen worden. Damit ein bisschen das Gefühl von Normalität erhalten blieb.

TINA: Hände schütteln zur Begrüßung gibt es nicht mehr. Stattdessen beginnt der Kindergartenalltag mit dem Händewaschen. Das war anfangs irritierend, vor allem für große Kinder, die es schon lange anders gewohnt waren. Jetzt ist es problemlos.
Derzeit haben wir kein offenes Haus, wo Kinder Räume wechseln können. Das hat unser Konzept der Kindergartenpädagogik grundsätzlich etwas verändert. (Anm.d.Red.: alle Kinder konnten sich im ganzen Haus bewegen und auch Kinder der anderen Gruppen treffen – jetzt sind die einzelnen Gruppen isoliert). In jedem einzelnen Gruppenraum muss sich jetzt jeder pädagogische Schwerpunkt wiederfinden. Für die Erwachsenen ist die Veränderung stärker spürbar als für die Kinder, die sich überraschend schnell umgestellt haben. Bereits nach 2 Tagen haben sie nicht mehr nachgefragt, ob sie z.B. in das Bauzimmer gehen dürfen. 

Was kann helfen die Rituale zu halten?

Alle Änderungen funktionieren besser, als wir es vermutet haben.
Die Kinder sind viel anpassungsfähiger als wir Erwachsenen. Wichtig ist, dass man ihnen erklärt, warum was gemacht wird und dass man keine Panik verbreitet. Der wichtigste Job der Erwachsenen ist es, der Fels in der Brandung zu sein, Sicherheit zu vermitteln. Ja schau, wir haben diese Situation, aber das wird auch wieder vorbeigehen und dann können wir wieder so wie früher. Auch wenn es sich zäh anfühlt – irgendwann wird das vorbei sein.

Können das alle Pädagoginnen? Oder gibt es auch unter ihnen die Besorgten, Panischen?

Die gibt es sicher. Die stecken sich gegenseitig mit der Panik an. Ältere Kolleginnen mit Vorerkrankungen betrifft es eher. Aber ich erlebe, dass auch die, die privat panisch sind, das den Kindern gegenüber nicht zeigen, Gott sei Dank.
Klare Ansagen, was zu machen ist, stündliches Lüften usw. ist hilfreich. Es gibt Hygienevorschriften, die so gut wie möglich zu erfüllen sind. Klare Handlungsanweisungen geben Sicherheit.

Wie stark erlebst du Antriebs- und Perspektivenlosigkeit in deinem Umfeld? Kennst du das?

HERTA: Ja, doch, das erlebe ich manchmal bei anderen. Antriebslosigkeit hört man immer wieder heraus.
Noch eher Unzufriedenheit, die hört man, so wie: Das haben wir nicht gebraucht.
Ich selbst habe sie nicht erlebt. Im Gegenteil: ich suche mir immer eine Beschäftigung oder lese. Ich hoffe, dass die Menschheit mit Corona etwas lernt: Aufmerksamkeit den Nächsten gegenüber, dass der Konsumrausch auch nicht glücklich macht und umweltbewusster leben.

Was kann helfen Zuversicht und Optimismus zu erlangen?

HERTA: Man kann nicht direkt raten. Das ist schwierig. Ich rede von mir, wie ich das sehe. Am wichtigsten ist es, miteinander zu reden und einander zuzuhören.

In deinem Leben bist du auch nicht immer auf die Butterseite gefallen?

HERTA: Und dennoch, was jeder daraus macht, das ist unterschiedlich.
Dass man etwas macht ist wichtig. Dass man etwas unternimmt. Wenigstens anrufen.
Wenn man die Menschen mitnimmt, mit ihnen in Kontakt bleibt, wenn Menschen etwas bewegen können, geht es ihnen besser.

KARIN: Jeder kämpft und jeder hofft, dass das Impfen etwas verändern wird; dass es besser wird. Die Impfung ist unsere große Hoffnung.

Der Strohhalm ist die Impfung und andere Strohhalme gibt es gar nicht? Gibt es auch ein „Gemeinsam schaffen wir das“?

KARIN: Schon, da haben wir eine gute Chefin, die sagt, das ziehen wir jetzt durch. Die stärkt uns allen den Rücken. Es gab Kolleginnen, die zusammengebrochen sind. Die sind dagesessen und haben geweint. 

Wie wird dann damit umgegangen?

Dann darfst du einmal heulen und es kommt jemand, der dich tröstet und dann geht es einfach wieder weiter. Es ist ein funktionierendes Team.

Gelingt es dir gegenüber den BewohnerInnen deinen eigenen Frust nicht heraushängen zu lassen?

Das hoffe ich! Ich bemühe mich positive Stimmung zu verbreiten – gerade, weil die Situation so angespannt ist. Aber das ist nicht leicht.

Was hilft dir, Karin, das auszuhalten? Was ist deine Ressource?

KARIN: Das hört sich wie Vertrösten an oder wie Ausblenden, aber so wie ich die Weihnachtstage für mich genossen habe, die Krippe aufgestellt habe in der Kirche und in den Raunächten geräuchert habe. Dieses Ganze, den ganzen Ballast nicht so wichtig nehmen. So wie den Rauch aufsteigen und etwas Neues kommen lassen.
So bleibe ich zuversichtlich, richte mich neu aus und arrangiere mich. Es ist wie ein Erneuerungsprozess – wie beim Räuchern – ich lasse Altes gehen und Neues kommen.

Es ist dieses uralte Ritual, das dir da konkret hilft?

KARIN: Ja, so verliere ich nicht die Bodenhaftung. Ich bleibe geerdet und ausgerichtet. Und das auch im Gebet mit Psalmen, mit meiner täglichen Meditation oder mit Weihnachtsliedern. Auch die stimmungsvollen Weihnachtsgottesdienste in unserer Gemeinde haben mir geholfen. 
Da bin ich reich beschenkt, wenn ich diesen Rückhalt habe. Das ist meine Kraftquelle.

Wie stark erlebst du Antriebs- und Perspektivenlosigkeit in deinem Umfeld?

TINA: Ich habe das nicht beobachtet. Das mag aber auch daran liegen, dass für die Kinder bei uns fast alles normal ist. Auch bei den KollegInnen nicht, weil die ja besonders gefordert sind. Unser Ziel ist es, den Kindern Normalität zu bieten, so weit wie nur möglich.
Mit diesem Ziel kommt es nicht zur Antriebslosigkeit.
Perspektivenlosigkeit ist bei Kindern kein Thema. Bei den KollegInnen schon, weil die Arbeit im Schichtdienst sehr anstrengend ist, da ist man am Limit. Und keiner weiß, wie lange das noch so gehen wird.
Aber: Nicht jeden Tag muss alles perfekt sein. Hauptaugenmerk ist, dass die Atmosphäre für die Kinder stimmt. Entspannte Atmosphäre ist wichtiger als ein toll geplantes Angebot.

Was kann helfen Zuversicht und Optimismus zu erlangen? Was hilft?

TINA: Es hilft, sich klar zu machen, dass es eine Ausnahmesituation ist. Und dass wir im Team füreinander da sind. Wir schauen, dass wir uns gegenseitig unterstützen. Die Situation wird auch irgendwann zu Ende gehen. 

Was hilft denn dem Team zur Stabilität?

TINA: Wichtig ist, dass jede/r weiß, er/sie ist nicht allein. Wir sitzen alle im selben Boot und wir helfen einander. Jede/r darf kommen und sagen: ich schaffe es nicht mehr. Dann finden wir gemeinsam eine Lösung.
Wir waren schon vorher ein starkes Team. Das hilft uns jetzt sehr.

HERTA: “Darum hoffe auf den Herrn! Sei stark und fasse neuen Mut! Setze deine Hoffnung auf den Herrn.“ (Ps.27,14)

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