Menschen des Friedens: Sophie Scholl

In der Rubrik Menschen des Friedens möchten wir Ihnen diesmal eine junge Frau vorstellen, die unerschrocken und charakterfest gegen die furchtbare Ideologie des Nationalsozialismus gekämpft und dafür mit ihrem Leben bezahlt hat. Gemeinsam mit ihrem Bruder Hans gehörte Sophie Scholl (9. Mai 1921 – 22. Februar 1943) zur Widerstandsgruppe der Weißen Rose, die mit der Hinrichtung ihrer Mitglieder 1943 zerschlagen wurde. 

Vor 100 Jahren, im Mai 1921, kommt in dem schwäbischen Städtchen Forchtenberg Sophie Scholl zur Welt. Sie ist das vierte Kind der ehemaligen Diakonisse Lina und ihres zehn Jahre jüngeren Ehemannes, des Verwaltungsbeamten und frisch zum Bürgermeister gewählten Robert Scholl. Sophie wächst gemeinsam mit ihren Geschwistern Inge, Hans, Elisabeth und Werner, sowie ihrem Halbbruder Ernst in der nicht leichten Zeit nach dem 1. Weltkrieg auf. Beide Eltern sind entschiedene Kriegsgegner, dass ihr Mann sich von der Kirche gelöst hat stört Lina nicht – sie betet mit den Kindern und geht mit ihnen am Sonntagvormittag zum Gottesdienst in die evangelische Michaelskirche. So ausgerüstet können die Kinder als junge Erwachsene das Christentum neu für sich entdecken.

Als Jugendliche tritt die burschikose Sophie feierlich dem Bund Deutscher Mädel (BDM) bei. Sie glaubt an das von den Nationalsozialisten propagierte Gemeinschaftsideal, bringt es bis zur Gruppenführerin und ist für 120 Mädchen verantwortlich. Ob die Hiltlerjugend ihr außer der Möglichkeit sich auf Fahrten auszutoben noch etwas anderes gibt, wissen wir nicht. Schon wenige Jahre später spielt sie jedenfalls für ihr Leben keine entscheidende Rolle mehr. Als Erwachsene wird sie zur entschiedenen Gegnerin des Hitlerregimes.

Ein harter Geist und ein weiches Herz

Das Jahr 1937 ist ein wichtiges Jahr für Sophie Scholl: sie wird konfirmiert und beginnt mit dem Tagebuchschreiben. Ihre Aufzeichnungen spiegeln das Bild einer jungen Frau, die die Natur liebt und für ihre Schönheit empfindsam ist. Ihr christlicher Glaube spielt für sie eine wichtige Rolle, doch er ist umkämpft: immer wieder hadert sie mit Gott und ringt verzweifelt um ein Zeichen von ihm. In diesem Jahr verliebt sich die 16-jährige in Fritz Hartnagel, den vier Jahre älteren Sohn eines Ulmer Kleinunternehmers. Während seiner Offiziersausbildung und auch später als er im Feld ist, blieben beide brieflich in Verbindung. 

Als der Zweite Weltkrieg ausbricht, ist aus dem fröhlichen und lebenshungrigen Mädchen eine junge Frau geworden, die ganz klare Vorstellungen von dem hat, was richtig und was falsch ist. In den Briefen an ihren Freund wird Sophies bedingungsloser Pazifismus sichtbar: 

Nun werdet ihr ja genug zu tun haben. Ich kann es nicht begreifen, dass nun dauernd Menschen in Lebensgefahr gebracht werden von anderen Menschen. Ich kann es nie begreifen und finde es entsetzlich. Sag nicht, es ist fürs Vaterland.

Aus einem Brief Sophies an ihren Freund

Sie schreibt ihm auch, er solle den Krieg überstehen „ohne sein Geschöpf zu werden“. Immer wieder taucht in ihrer Korrespondenz ein Zitat des französischen Philosophen Jacques Maritain auf: ‚Il faut avoir l’esprit dur et le cœur tendre.‘ (‚Man muss einen harten Geist und ein weiches Herz haben‘). 

Im März 1940 macht Sophie Scholl ihr Abitur und beginnt anschließend eine Ausbildung zur Kindergärtnerin. Weil diese Ausbildung aber nicht als Ersatz für den Reichsarbeitsdienst (RAD) anerkannt wird, muss sie im Frühjahr 1941 zum RAD nach Krauchenwies bei Sigmaringen und anschließend zu einem sechsmonatigen Kriegshilfsdienst, in dem sie einen NS – Kindergarten in Blumberg bei Donaueschingen leitet.

Das Krisenjahr 1941

Das Jahr 1941 ist für Sophie ein Krisenjahr. Der Zweite Weltkrieg tobt und beunruhigende Nachrichten von Kriegsgräueln erreichen die Menschen, die sie hören wollen.

Lesend sucht Sophie Orientierung, und Antwort auf ihre Lebensfragen in schwieriger Zeit. 

Sie liest die Werke von Autoren, die nicht mit den Nationalsozialisten gemeinsame Sache machen, jedoch in Deutschland geblieben sind: Hans Carossa, Werner Bergengruen und Reinhold Schneider. Neben ihrer Augustinus-lektüre beeindruckt Sophie auch das Buch ‚Tagebuch eines Landpfarrers‘ von Georges Bernano. Sie will den Glauben, den das Buch vermittelt, „für ihr Leben erschließen“. Doch es fällt ihr nicht leicht Gott zu vertrauen. 

Das Jahr endet für sie in tiefer Verzagtheit. Ihrem Tagebuch vertraut sie an: 

Ich kann es nicht, Gedanken nüchtern aufzeichnen; das alles, was ich früher besaß, das kritische Sehen, ist mir verloren gegangen. Bloß meine Seele hat Hunger, o das will kein Buch mehr stillen.

Aus dem Tagebuch

Die Flugblätter der Weißen Rose

Im Juni 1942 bezieht Sophie eine Studentenzimmer in München nahe dem Englischen Garten und beginnt Biologie und Philosophie zu studieren. Ihr Bruder Hans, der an der Ludwig-Maximilians-Universität Medizin studiert, ist ihr eine große Hilfe beim Einleben in dieser neuen Welt. Hans ist „ein guter Bruder für mich, ich gewinne ihn immer lieber“.

Durch Hans lernt Sophie Studenten kennen, die sie in ihrer Ablehnung der NS-Herrschaft bestärken. Obwohl ihr Bruder sie aus dem Zirkel der Widerständler gegen das national-sozialistische Regime heraushalten will, gelingt es Sophie, sich der Gruppe anzuschließen. 

Als Sophie zum ersten Mal ein Flugblatt der ‚Weißen Rose‘ in der Hand hält, liest sie endlich das, was sie selbst auch denkt: die Deutschen leben unter einer verbrecherischen Diktatur, gegen die sie sich wehren müssen. Sophie braucht nicht lange, um herauszufinden, dass das Flugblatt von ihrem Bruder Hans stammt. Gemeinsam mit seinem Studienkollegen Alexander Schmorell hat Hans vier Flugblätter verfasst, die zu klaren Entscheidungen gegen die Diktatur Hitlers aufrufen. Auf Matrizen getippt, werden diese anfangs in einer Auflage von 1000 Stück an Freunde, Bekannte und an Münchner Bürger geschickt, deren Adressen aus dem Telefonbuch stammen. Die Autoren hoffen, dass die Flugblätter weitergeben werden; sie rechnen nicht damit, dass ein Drittel der Empfänger diese sofort zur Polizei bringt.

Nichts ist eines Kulturvolkes unwürdiger, als sich ohne Widerstand von einer verantwortungslosen und dunklen Trieben ergebenen Herrscherclique regieren zu lassen. Ist es nicht so, dass sich jeder ehrliche Deutsche heute seiner Regierung schämt, und wer von uns ahnt das Ausmaß der Schmach, die über uns und unsere Kinder kommen wird, wenn einst der Schleier von unseren Augen gefallen ist und die grauenvollsten und jegliches Maß unendlich überschreitenden Verbrechen ans Tageslicht treten? 

Der erste Satz des ersten Flugblatts

Als einzige Widerstandsgruppe in der NS Zeit klagt die Weiße Rose den Holocaust öffentlich an: „… als Beispiel wollen wir die Tatsache anführen, die Tatsache, dass seit der Eroberung Polens dreihunderttausend Juden in diesem Land auf bestialischste Art ermordet worden sind… Auch die Juden sind doch Menschen – man mag sich zur Judenfrage stellen, wie man will – und an Menschen wurde solches verübt.“

Im Widerstand

Die Mitglieder der Weißen Rose verschicken ihre Flugblätter per Post, legen sie in Telefonzellen und geben sie zur Verteilung an Kommilitonen in anderen Städten. 

Im Januar 1943 ist Sophie Scholl, die inzwischen gemeinsam mit ihrem Bruder eine kleine Hinterhauswohnung bezogen hat, erstmals an der Herstellung eines Flugblattes beteiligt. 

Das neue Domizil der Scholls wird schnell zum beliebten Treffpunkt des Freundes- und Widerstandskreises. Sophie hat inzwischen eine wichtige Funktion in der Weißen Rose: sie besorgt Papier und Briefmarken und tippt die Adressen auf die Umschläge. 

Das fünfte Flugblatt beginnt mit einem Aufruf an alle Deutschen „den Mantel der Gleichgültigkeit“ zu zerreißen und endlich Widerstand zu leisten. Es wird in einer Auflage von 6000 bis 9000 Stück hergestellt und auch in Köln, Stuttgart, Berlin und Wien verteilt. 

Die Flugschriften erregen inzwischen Aufsehen und führen zu einer intensivierten Fahndung nach den Urhebern. Die Gestapo vermutet die Autoren der Flugblätter in Münchner Studentenkreisen. 

Die Katastrophe von Stalingrad Anfang Februar 1943 ist der Auslöser für das sechste Flugblatt: „Im Namen der ganzen deutschen Jugend fordern wir von dem Staat Adolf Hitlers die persönliche Freiheit, das kostbarste Gut des Deutschen zurück, um das er uns in der erbärmlichsten Weise betrogen hat.“ Die Begriffe Freiheit und Ehre müssen den Nazis entrissen werden, die sie „bis zum Ekel ausgequetscht, abgedroschen, verdreht“ haben. Durch Helmuth James Graf von Moltke gelangt das Flugblatt nach Großbritannien. 

Im Herbst 1943 wird es dort nachgedruckt und hunderttausendfach von britischen Flugzeugen über Deutschland abgeworfen.

Das Ende der Weißen Rose

Am 18.2.1943 verteilen Sophie und ihr Bruder 1700 Exemplare des Flugblattes in der Münchner Universität, „weil wir die Auffassung vertraten, dass die meisten Studenten revolutionär und begeisterungsfähig sind, sich vor allem aber etwas zu unternehmen getrauen“. Bei ihrer Aktion werden sie vom Hausschlosser und Hörsaaldiener Jakob Schmid entdeckt und festgehalten. Nach mehrstündigem Verhör durch den Universitätssyndikus Ernst Haeffner und den Rektor der Universität, Professor Walther Wüst, werden beide von der Gestapo festgenommen und inhaftiert.

In der Münchner Gestapo-Zentrale im Wittelsbacher Palais in der Brienner Straße wird Sophie Scholl durch Kriminalobersekretär Robert Mohr vom 18. bis 20. Februar verhört. Wie sich aus dem Vernehmungsprotokoll der Gestapo ergibt, versucht sie konsequent, ihre Freunde zu schützen, indem sie sich und Hans als die Hauptakteure darstellt.

Allerdings ist inzwischen Christoph Probst verhaftet worden – nachdem Polizeibeamte den Entwurf des 7. Flugblattes der Weißen Rose, den Hans Scholl bei seiner Verhaftung bei sich gehabt und zu vernichten versucht hat, wieder zusammengesetzt hatten.

Am Montag, den 22. Februar, werden Sophie und Hans Scholl, sowie Christoph Probst vom Präsidenten des Volksgerichtshofes Roland Freisler wegen „landesverräterischer Feindbegünstigung, Vorbereitung zum Hochverrat und Wehrkraftzersetzung“ zum Tode verurteilt. Die 21-jährige Sophie Scholl schreibt in schönster Schrift das Wort ‚Freiheit‘ auf die Rückseite ihrer Anklageschrift und stirbt wenige Stunden später unter dem Fallbeil.

P.S.: Im April fand der zweite Prozess gegen die Weiße Rose statt, nach dem Alexander Schmorell und Professor Kurt Huber in Stadelheim enthauptet werden. Im Oktober wird Willi Graf von den Nazis ermordet. Bis zuletzt hat die Gestapo erfolglos versucht, mehr Informationen aus ihm herauszupressen.

Dieses Portrait ist in Anlehnung an die sehr lesenswerte Biographie von Maren Gottschalk ‚Sophie Scholl – Wie schwer ein Menschenleben wiegt‘ (erschienen bei C.H.Beck) entstanden.

Dieser Beitrag wurde unter Menschen des Friedens veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.