Biodiversität im Ackerbau – geht das?

Die Vielfalt des Lebens auf unserer Erde – dazu zählt die Vielfalt der Lebensräume, die Vielfalt der dort lebenden Tiere und Pflanzen und deren genetische Vielfalt- nennt man „Biologische Vielfalt“ oder kurz genannt „Biodiversität“. Vielfalt heißt Leben, Vielfalt  heißt Stabilität, Vielfalt heißt Vorsorge. Biologische Vielfalt ist die Voraussetzung für unser Leben und Überleben.

Und was kann die Landwirtschaft dazu beitragen?

Stockerau zählt zu den Trockengebieten Niederösterreichs, mit einem durchschnittlichen Jahresniederschlag von 520 Liter (mm) pro Quadratmeter. Diese geringen Regenmengen erfordern eine Minimierung der Bodenbearbeitung, Maximierung der Pflanzenvielfalt, die den Boden geschützt und das ganze Jahr lebende Wurzeln im Boden halten.

Unsere Schwerpunkte im Ackerbau sind Frühkartoffel, Kürbis, Mais und Getreide für Lebensmittel sowie Saatguterzeugung (Weizen, Mais und Leguminosen). Wir achten auf eine abwechslungsreiche Fruchtfolge.

Wie werden Nützlinge im Ackerbau geschützt?

Ca. 50 % der Flächen werden nach der Ernte der Hauptfrüchte mit Begrünungsmischungen aus verschiedenen Arten von Leguminosen (Hülsenfrüchte), wie Wintererbse, Platterbse, Sommerwicke und Winterackerbohne und vielen anderen Pflanzen „begrünt“. Diese Gemenge sind vitaler und stabiler als Monokulturen. Der Rest wird mit Wintersaaten (Winterungen) wie Weizen, Roggen oder Triticale bebaut. Das heißt, unsere Felder überwintern praktisch zur Gänze bewachsen. Genau damit wird das Bodenleben – von Regenwürmern bis zu den Pilzen und Bakterien – auch über den Winter „gefüttert“. Nährstoffauswaschung und Bodenerosion werden damit verhindert und das Grundwasser wird geschützt.
Unsere großen Felder werden in Schläge geteilt. Zwischen diesen Schlägen wird Nützlingen durch Blühstreifen eine Heimat gegeben. Randstreifen werden gezielt angelegt und Waldbegleitstreifen stillgelegt. Damit wird der natürliche Pflanzenschutz gefördert und vielen Wildtieren und Insekten eine Heimat gegeben. 

Behutsame Bodenbearbeitung ist wichtig!

Die Bodenbearbeitung erfolgt nach der Ernte so oft wie notwendig und so flach wie möglich, um die Ernterückstände gut in den Boden einzumischen. Die „wichtigsten“ Geräte dabei sind ein Spaten und eine Sonde zur Überprüfung der Notwendigkeit von Maßnahmen. Der Herbstanbau der Winterungen erfolgt sehr oft in Direktsaat, eine tiefere Bearbeitung mit dem Pflug kommt nur mehr im Notfall zum Einsatz. Im Spätherbst oder im zeitigen Frühjahr werden die abgefrosteten Begrünungen gewalzt, um die Pflanzen für die bessere Verrottung mürbe zu machen. Gibt es im zeitigen Frühjahr noch Bodenfrost kann auf den Böden ohne Bodenverdichtung ein Grubber (eine Art schwere Egge) zum Einsatz kommen, um die Reste der Zwischenfrüchte in den Boden einzumischen. Sind die Begrünungen sehr stark entwickelt, erfolgt auch ein flacher Umbruch mit der Fräse.

Wir düngen mit Pferdemist, Luzernegrünschnitt und zugekauftem Biodünger. Außerdem bringen die angebauten Leguminosen Stickstoff in den Boden. „Wir düngen nicht die Pflanzen, sondern den Boden“ (W.Hartl, Bioforschung Österreich)

Beim Pflanzenschutz steht das Vorbeugen im Vordergrund. Alle Kulturmaßnahmen sind so gewählt, dass die Pflanzen gesund und widerstandsfähig sind. Es kommen lebende Organismen (Nützlinge, Bakterien), biologische Präparate und Pflanzenstärkungsmittel zum Einsatz.

Bei Un(Bei)krautregulierung gilt der wichtige Grundsatz: Ursachen beheben statt Symptome bekämpfen. Besonders mit durchdachter Fruchtfolge, kombiniert mit sorgfältiger Bodenbearbeitung kann man massenhaftes Auftreten von Beikräutern verhindern. Neben den vorbeugenden Maßnahmen kommen mechanische Maßnahmen zum Einsatz, hauptsächlich mit Striegel und Hackgeräten, im Notfall auch mit „menschlicher“ Hacke, bei uns sch(m)erzhaft „Scheronal“ genannt. Im Biolandbau wird aber nicht der „reine Tisch“ angestrebt. Man muss nicht immer das Neue suchen. Oft reicht es, das Bestehende zu verbessern und etwas Vergessenes frisch zu etablieren!

Einer unserer Grundsätze, frei nach John F. Kennedy, lautet: Frage nicht, was dein Boden für dich tun kann, sondern was du für deinen Boden tun kannst.

Die Biodiversität dankt es uns. Zwar nicht mit Rekorderträgen, aber mit zunehmend krisenfesten Ernten in schwierigen Zeiten eines spürbaren Klimawandels.

Unsere Familie bewirtschaftet schon in 5. Generation einen Ackerbaubetrieb in Stockerau, der 1999 auf biologische Wirtschaftsweise umgestellt wurde. Die Betriebsführer sind unser Sohn Stefan und seine Frau Doris. Mein Mann und ich sind mittlerweile in Pension.

Renate Schmidt

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