Kräuterwanderung mit Frau Seisl

Voller Erwartungen und Vorfreude radelte ich den Berg hinauf zum Friedhofsparkplatz. Dort sollten wir einander treffen, um mit Kräuterfrau und TCM-Ernährungsberaterin Andrea Seisl eine Kräuterwanderung zu machen. Und welch schöne Überraschung! Es waren viele da! Außer mir noch 11 TeilnehmerInnen – das ist in diesen Zeiten eine große Gruppe. Aber im Freien und bei hervorragenden spätsommerlichen Temperaturen waren Corona und seine Bedingungen Gott sei Dank gar kein Thema.

Und wir wurden sofort in Medias Res geführt. Gleich neben der Mauer vom jüdischen Friedhof wachsen nämlich die schönsten Brennnesseln von ganz Stockerau. Und diese Pflanze kennen zwar alle, aber dass man jetzt die Samen ernten und verwenden kann, war zumindest für mich neu.

Apropos Kräuterwanderung im späten September: der beginnende Herbst ist auch die Wurzelzeit. Also der Zeitraum im Jahr – von Ende September bis Anfang November – wo Wurzeln gesammelt werden. Aber auch Samen kann man jetzt finden. Wie eben von der Brennnessel, aber auch vom Breitwegerich – für Ohren hilfreich, und vom Spitzwegerich – gegen Husten.

Frau Seisl ist ein wandelndes Pflanzenlexikon und ihr Wissen über Wirkstoffe, Sammeltipps sowie Zubereitungsweisen ist schier grenzenlos. Also für mich ist das sehr hilfreich – ist doch meine Pfadfinderzeit schon sehr lange her. Obwohl es um sehr weit verbreitete Pflanzen und Kräuter geht, ist ein fundiertes Wissen hilfreich, denn man kann schon auch ungenießbare oder giftige Pflanzen erwischen.
Wir wanderten, oder besser wir bewegten uns langsam die Felder entlang. Immer wieder machten wir Halt und eine andere Pflanze gab sich ein Stelldichein. Z.B. die zweijährige Klette, bei der nach der Blüte – also jetzt – die Wurzel geerntet werden kann. Niemals sollte man die ganze Wurzel ausgraben, das würde der Pflanze den Lebensatem nehmen. Immer soll man einen Teil der Wurzel stehen lassen. Wurzel klein schneiden, dann trocknen lassen und z.B. zu einem Tee verarbeiten. Klette wirkt blutreinigend und harntreibend.

Frau Seisl bezeichnete sich als Beerenliebhaberin. Da gibt es im Spätsommer, aber auch im Herbst noch einiges zu finden. Sanddorn – als Kaltmarmelade oder eingekocht, aber auch, Holunder (da ist die beste Sammelzeit schon vorüber), alles Beeren mit hohem Vitamin C-Gehalt und besonders in dieser Jahreszeit gut für das Immunsystem.

Die roten Beeren des Weißdorn haben herzstärkende Wirkung.

Die blauen Beeren des Schlehdorn – geerntet nach dem ersten Frost – dienen mit ihrer adstringierenden Wirkung dem Nieren-Qi und damit unterstützend bei Belastung, sei es psychisch oder physisch im Herbst durch die kältere Jahreszeit.

Während der knappen 2 Stunden, in denen wir unendlich viel Neues über zu kennen geglaubte Pflanzen erfahren konnten, dachte ich mir mehrmals, was soll ich denn jetzt mit dem neuen Wissen anfangen?

Frau Seisl konnte scheinbar Gedanken lesen. Denn kurz bevor wir den Rückweg einschlugen, weil es schon dunkel wurde, gab sie uns einen äußerst praktikablen Rat.

Erstens: jede/jeder soll mit etwas beginnen, was er oder sie im eigenen Garten hat. Bei mir sind das definitiv die Brennnesseln, deren Samen ich ernten und mit einem Sesamsalz vermischen werde.

Zweitens: die 5er-Regel: mit fünf Kräutern (oder Wurzeln oder Beeren) beginnen und nicht gleich alles, was möglich ist einsammeln. Da kann man leicht den Überblick verlieren. Das dürfte jetzt im Herbst nicht so schwierig sein, da jetzt weniger zu sammeln ist als im Frühjahr. Apropos Frühjahr: da könnten wir wieder eine Kräuterwanderung machen. 

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