Was die Pandemie mich lehrt

Schnell waren wir unterwegs – auf Konsum und Wachstum in allen Branchen gepolt – als Covid-19 uns wie ein Blitz aus heiterem Himmel getroffen hat.

Mit einem Mal war nichts mehr selbstverständlich. Schutzmaßnahmen mussten getroffen werden, das öffentliche Leben war auf das Notwendigste beschränkt.

Wir fragten drei Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens – unsere Stockerauer Bürgermeisterin Mag.(FH) Andrea Völkl, Komm.R. Prof. Hubert Culik, Geschäftsführer der Rembrandtin Lack und Executive Director der Kansai Helios Coatings GmbH, sowie den österreichischen Historiker und Wissenschaftsjournalisten Prof. Erich Witzmann, der bis 2009 als Ressortleiter für Bildungs- und Wissenschaftspolitik bei der Zeitung ‚Die Presse’ tätig war –wie sie diese Zeit erleben und was die Pandemie sie lehrt…

Die persönlichen Gespräche gibt es nicht mehr

Prof. Erich Witzmann

„Jeder fünfte Österreicher leidet unter Depression und Angst. – Diese Mitte Juli vom Gesundheitsministerium veröffentlichte Zahl sollte einen deutlichen Anstieg der psychischen Erkrankungen infolge der Coronakrise dokumentieren.

Nun gut, ich litt und leide nicht an Angstzuständen. Aber wie war es um die berufliche Situation in meiner Dienststelle (in der ich trotz Pensionsalter immer noch tätig bin) bestellt? Eine große Zeitungsredaktion in Wien, gemeinsam mit den organisatorischen Abteilungen an die 200 Personen. Von einer Woche auf die andere wurden von der Chefredaktion Maßnahmen verhängt: Kurzarbeit für jene, die nichts oder kaum etwas zu tun hatten. Das waren die Sportjournalisten, denn es gab plötzlich keine Sportveranstaltungen mehr. Oder jene, deren Berichte auf Veranstaltungen aufbauten. Und die übrigen sollten tunlichst von zu Hause aus arbeiten.

Wenn man hin und wieder in der Redaktion vorbeischaute, dann empfing einem eine öde und kalte Atmosphäre. Manche Ressorts waren völlig verweist, in anderen war vielleicht einer von zehn Schreibtischen besetzt. Aber die Zeitung erschien täglich. Die Mitglieder der einzelnen Ressorts stimmten sich via online in Konferenzschaltungen ab, es funktionierte fast stets reibungslos.

Also alles paletti, keine Klagen? Chefredaktion und Geschäftsführung waren erfreut, dass kein Covid-19-Fall das tägliche Erscheinen beeinträchtigte.

Auf der Strecke blieb aber der Plausch,

der gegenseitige Meinungsaustausch, auch und vor allem über Ressortgrenzen hinweg. Ich weiß nicht, was den Außenpolitikredakteur bewegt, mit welchen Problemen die Kulturredakteurin konfrontiert ist. Es gibt keine Hintergrundinformationen mehr. Und die Befürchtung ist da, dass angesichts der leeren Hallen künftig der Platz verknappt wird und vielleicht zwei Personen einen Schreibtisch teilen müssen – weil man dann jeden zweiten Tag von zu Hause arbeiten kann bzw. wird. Auf die tägliche Arbeit würde sich das verheerend auswirken. Von den Problemen jener, die zu Hause über keinen separaten Arbeitsraum verfügen, rede ich gar nicht.

Für meinen Berufsstand ist es sicher besser, wenn die Vor-Corona-Zeit wieder zur Normalzeit wird.

Erich Witzmann
Die Presse, Wissenschaftsredaktion

Nichts ist sicher!

Mag.(FH) Andrea Völkl

Corona steht nicht nur für eine kaum erforschte Infektionskrankheit, Corona entblößt auch die Verletzlichkeit unserer Lebenswelt. Vor dem Virus sind wir alle gleich! Wir alle haben Ängste.

Wie ein Leben ohne gemütliches Zusammensein, ohne Nähe, ohne die gewohnten Umarmungen aussieht – alles Dinge, die wir im Normalleben nicht groß bereden – erleben wir jetzt alle. Wir nehmen unser Leben als gegeben wahr, ganz so, als hätten wir einen Anspruch, ein Anrecht auf unseren Lebensstil, auf die üblichen Kontakte, auf Menschen, denen wir nahe sein dürfen. Wir lernen jetzt: Das ist gar nicht selbstverständlich! Es wird uns vor Augen geführt, was wirklich zählt in unserem Leben.

Die Pandemie lehrt mich auch Zuversicht und Vertrauen:

Vertrauen in die Menschen dieser Stadt. Viele haben sich zur Hilfe bereit erklärt, einfach so, nicht für den großen Vorhang, nur um das zu tun was notwendig ist für den Nächsten. Nur gemeinsam kommen wir aus der Krise und dafür ist der Beitrag eines jeden notwendig.

Zuversicht und Vertrauen sind notwendig, um während einer Pandemie Verantwortung für eine ganze Stadt zu tragen. Beim Tragen dieser Verantwortung stehen mir zahlreiche Menschen zur Seite, die mich unterstützen, auch dabei, die richtigen Entscheidungen zu finden.

Im Glauben dürfen wir darauf vertrauen, dass Gott uns in unseren Anstrengungen begleitet und wir gemeinsam gut durch diese schwierige Zeit kommen.

Andrea Völkl

Unser Glaube an das – IMMER WEITER, IMMER MEHR UND GRÖSSER – ist schwer erschüttert worden.

Komm.R. Prof. Hubert Culik

Viele Autoren und Wirtschaftsforscher beschäftigen sich mit den Auswirkungen der Pandemie in zahlreichen Büchern und Veröffentlichungen.

Was sind aber meine „LESSONS LEARNED“ aus der Pandemie?

Als ich mich am 12. März in Quarantäne begab, dachte ich, in 2 Wochen würde der Spuk vorbei sein. Termine werden halt verschoben und dann geht’s weiter, weil geplante Reisen und Treffen abgehalten werden müssen.

Nichts muss!

Nein, es ging und wird auch in Zukunft anders gehen.

Nicht alles so wichtig nehmen!

Weniger Reisen zu Treffen, bei denen sich oft sehr rasch herausstellt, dass sich der Aufwand nicht lohnt. Man muss die Notwendigkeit von Terminen genau hinterfragen und mehr Konferenzen per Telefon oder Internet ansetzen. Aber dies gilt nicht nur im geschäftlichen Bereich. Auch mit der privaten Lebenszeit sollte man haushalten. 

Natur wieder entdecken!

Am Beginn der Quarantäne waren der Garten und auch die Au, in die wir gerne gehen, sehr kahl. Ich musste 69 Jahre alt werden, um das Erwachen der Natur im Frühling bewusst wieder zu erleben.

War ich doch als Kind viel in der Au unterwegs und habe die Jahreszeiten intensiv wahrgenommen.

Kontakte und Freundschaften pflegen!

Meine Frau Marianne und ich mussten feststellen, dass es Freunde, die alleine leben in der Quarantänezeit doppelt so schwer hatten. Die Einsamkeit ist ein großes Problem unserer Zeit.

Unsere Kinder helfen und unterstützen uns.

Wir haben in der Pandemie, aber auch jetzt, viel mehr und öfter mit Freunden und Bekannten telefonisch Kontakt gehalten. Ich bin zur Ruhe gekommen und konnte über viele Dinge aus der Vergangenheit nachdenken, habe mit einem langjährigen Geschäftsfreund wieder nach 15 Jahren Kontakt aufgenommen. Ich habe den ersten Schritt gesetzt, da es alte Missverständnisse gab. Es hat sich gelohnt.

Mit meinem   Bruder Hans telefoniere ich nun täglich. 

Wir finden nun Zeit dazu. Wir besprechen Ereignisse aus unsere Jugend und Themen, die wir nie vorher besprochen haben. 

Wenn ich mir die Frage stelle, was mich die Pandemie gelehrt hat, dann ist es noch mehr Augenmerk auf Dinge wie z.B. geändertes Konsumverhalten, regionales Einkaufen, Natur und Umweltschutz zu richten.

Tatsache ist, Corona macht uns alle betroffen. So etwas wie die Covid -19-Pandemie war vorher undenkbar, Tschernobyl und Fukushima waren auch undenkbar.

Wenn wir uns nicht ändern, wird uns die Welt ändern. Es geht auch kleiner, sorgfältiger. 

Qualität statt Quantität. 

Hubert Culik

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