Das Herz und Ein Jahr – Predigten zu Bildern von Irmgard Moldaschl

Es ist schon lange her: Am 1. März eröffneten wir mit einer Vernissage die Ausstellung der Textilbilder von Irmgard Moldaschl, und wir starteten eine Predigtreihe mit der Künstlerin selbst und unserem Pfarrer Christian Brost. Doch dann kam Corona mit all seinen Einschränkungen auch unseres gemeindlichen Lebens. Es war daher ein ermutigendes Zeichen, dass wir im Juni die Predigtreihe fortsetzen konnten.

Das zerfledderte Herz

I. Moldaschl: Das Herz

Zunächst predigt unser neues Gemeindeglied, SI Lars Müller-Marienburg, über „das Herz“. Wobei, so stellt Lars fest, es bei einer Predigt über ein Kunstwerk immer zwei Predigttexte sind, die vorgegeben sind: der Bibeltext und das Kunstwerk.

Das Herz-Bild, so schildert Lars seinen Blick auf das Kunstwerk, zeigt ein filigranes Herz – ein Herz, dessen Teile sich aufzulösen scheinen; man hat Angst um jeden Teil dieser Herzwand. Ein hartes Kunstwerk.

Hart sind auch die  Wahrheiten, mit denen Jesus seine Jünger konfrontiert, die ihm nachfolgen wollen: der Verzicht auf ein Heim; das Verlassen des Hier und Jetzt („lasst die Toten ihre Toten begraben“; „schaut nicht zurück“ –  Lk 9,57-62).

In unserer Zeit wird der Glaube von Generation zu Generation in den Familien weitergegeben (so das denn noch passiert), jedenfalls sind die Rahmenbedingungen dazu hierzulande, wo Glaubensfreiheit herrscht, optimal gegeben. Das stellte sich vor 2000 Jahren für die christliche Urgemeinde anders dar: ihre leidenschaftliche Liebe zu Jesus war lebensgefährlich.

Damals wie heute kann die Leidenschaft zur Botschaft Jesu plötzlich entflammen. Lars erzählt von seiner entflammten Liebe zu Gott, die ihn als 18-Jährigen bis zu drei Gottesdienste an einem Sonntag besuchen ließ. Die Leidenschaft zu Gott kann das Herz aber auch zerfleddern lassen, so wie es das Bild von Moldaschl darstellt. In bewegend-offener Weise stellt Lars seinem erfolgreichen Werdegang vom Theologiestudenten bis zum Superintendenten die „harten“ Seiten dieses leidenschaftlichen Weges gegenüber – die Last ständig steigender Verantwortung, Konflikte, Einsamkeit…

Und dennoch: Lars ist davon überzeugt, dass Gott für uns Menschen den Ernst der Nachfolge UND ein gelingendes, gutes Leben will. Die Liebe Gottes will kein zerfleddertes, zerreißendes Herz – sie will ein intaktes Herz für uns Menschen.

Ein Jahr

I. Moldaschl: Ein Jahr

Leo Pfisterer hat als Künstler die herausfordernde Aufgabe übernommen, in Anwesenheit der Künstlerin Irmgard Moldaschl über deren Bild „Ein Jahr“ zu predigen. Und natürlich ist er sich dessen bewusst, dass seine Interpretation des Bildes nicht unbedingt den Ideen entsprechen muss, die die Künstlerin selbst hatte.

Leo macht uns auf das Material des Untergrunds des Bildes besonders aufmerksam. Es ist ein grob gewebter Leinenstoff, ein Gebilde aus vertikalen und horizontalen Fäden, die nur gemeinsam in ihrer Verschränkung einen festen, stabilen Untergrund bilden können. Leo überträgt das Bild auf eine Kirchengemeinde und deutet einerseits die vertikalen Kettfäden mit der Spiritualität, also der Verbindung von unten nach oben (zu Gott), während er die horizontalen Schussfäden mit der konkreten Umsetzung des Glaubens (in Diakonie, täglichen Arbeiten in und für die Gemeinde) gleichsetzt.

Die vielen collagehaft montierten Elemente stellen für Leo vielfache Erlebnisse und Herausforderungen im Laufe eines Jahres dar, erfreuliche (die kleinen Perlen am unteren Rand) ebenso wie schwierige (der Verbandmull im linken oberen Eck).

Die Finissage

Leo Pfisterer und Irmgard Moldaschl

Lieb gewordene, gute Freunde sind sie für Pfr. Christian Brost geworden, die Bilder der Irmgard Moldaschl, die im Gemeindesaal ausgestellt sind (und bald für eine weitere Ausstellung abgehängt werden). Sie waren – gemeinsam mit den zu den Bildern gestellten Texten – für Christian gerade in den Wochen Corona-bedingter Isolierung zu „beredten Begleitern“ geworden. Und nur der Gedanke, dass nun auch andere Menschen die Chance bekommen, sich mit diesen Bildern und Texten auseinanderzusetzen, versöhnen mit dem Ende der Ausstellung in unserer Gemeinde. Aber wer weiß: Vielleicht findet ja das eine oder andere Bild künftig in unserem Gemeindesaal eine bleibende Heimat …

Andreas Andel

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