Pfarrersein in Zeiten der Pandemie

Dieses kleine fiese Virus hat uns alle überrascht. 

Beinahe über Nacht war plötzlich alles anders: Statt Menschen zum Miteinander in der Pfarre einzuladen, ging es mit einem Mal darum sie fernzuhalten. Händeschütteln, Umarmungen, Singen, Abendmahl – alles ausgesetzt, um niemanden zu gefährden. Keine Besuche mehr zum Geburtstag oder im Pflegeheim, niemand konnte mehr die Ausstellung der textilen Kunstwerke von Irmgard Moldaschl im Gemeindesaal bewundern…

Ein winziges Virus erinnerte uns an die Existenz des Todes und – schlimmer noch – an unsere eigene Vergänglichkeit. Eine beunruhigende Vorstellung, die wir mehr oder weniger erfolgreich im Alltag verdrängt hatten. 

Apropos Alltag: Ich sehnte mich in den vergangenen Wochen und Monaten nach ihm. Vieles Alltägliche war mit einem Mal gefährlich. Für mich als kommunikativen Menschen eine schwierige Situation.

Und mir fehlten die Gottesdienste. Natürlich gab und gibt es die Möglichkeit, unter unzähligen Gottesdienstangeboten im Internet zu wählen und so wertvolle Impulse für den Glauben und die Bewältigung der Krise zu erhalten. Doch für mein Empfinden können diese digitalen Angebote das Miteinander beim Singen, Beten und Abendmahlfeiern sowie die Möglichkeit beim Segen, den Gesegneten in die Augen zu schauen, nicht ersetzen.

Dankbar bin ich für unser Presbyterium. Wie gut, in der Krise (und nicht nur in ihr!) miteinander zu überlegen, was nötig, hilfreich und möglich ist: an der Kirchentür hängt ein Briefkasten für Gebetsanliegen und daneben eine Box mit guten, heilsamen Worten und Gedanken; via Telefon habe ich mit möglichst vielen Menschen Kontakt gehalten, mich erkundigt wie es geht, ob jemand Hilfe braucht – ein offenes Ohr oder eine helfende Hand.

Unsere Homepage wurde zu einem vielbesuchten Ort.

Auf unserer Website lassen sich Bilder unseres Künstlers Leo Pfisterer, Choralvorspiele von Melitta Ebenbauer zu den jeweiligen Wochenliedern und gesprochene Grußbotschaften des Pfarrers per Mausklick abrufen. Es lohnt sich nach wie vor, der Homepage regelmäßig einen Besuch abzustatten. Auf ihr erfahren Sie auch als erstes, was sich Neues ergibt im Blick auf das Feiern von Gottesdiensten und die Durchführung von kleineren Veranstaltungen…

In den letzten Wochen habe ich außerdem viel gelesen, nachgedacht, gebetet und meditiert. Wenn ich ehrlich bin, war mir hauptsächlich vor der Karwoche bange. Wie sollte ich unter diesen Bedingungen Ostern feiern? 

Aber dann hielten ausgerechnet die stillen und sehr besinnlichen Tage der Karwoche viele ermutigende Zeichen von Gemeinschaft und menschlicher Nähe für mich bereit. 
Eine junge Familie bastelte mit viel Liebe Osternester für die Bewohner des Pflegeheims, die große Freude auslösten.

Mich erreichte die gute Nachricht, dass die Behandlung bei einem kranken Menschen, der mir sehr am Herzen liegt, endlich Fortschritte macht. Jemand aus der Gemeinde kopierte liebevoll Mut machende Texte und Geschichten für ältere Menschen, die keinen Computer haben. Familien lasen sich gegenseitig die Ostergeschichten vor, beteten miteinander und teilten Brot und Traubensaft zum Zeichen der Nähe Gottes. Nachbarn gaben sich in der Osternacht über den Zaun das Osterlicht weiter und sangen gemeinsam Auferstehungslieder.

Und ganz besonders schön und überraschend: Wohlmeinende Menschen schmückten liebevoll unsere Friedenssäule mit Blumen, einem selbst gebastelten Kreuz, Ostereiern und bunt bemalten Steinen mit Ostergrüßen darauf…

Was für eine Freude!
Und ich als Pfarrer stand staunend daneben und durfte erleben, wie das Evangelium ganz ohne mein Zutun Hand und Fuß bekam.

Gott sieht das Herz und kommt uns zur Hilfe!

Wenn ihr mich fragt: Mir ist nicht bange um unseren Glauben, unsere Gemeinschaft und unsere Kirche – weder in Corona-Zeiten noch danach. Solange jede und jeder tut, was er kann, kommt Gott, der das Herz ansieht, uns dabei zu Hilfe. Wir sind in seiner Hand und bleiben behütet auf unserer Wanderung durchs Leben.

Ich wünsche uns in den kommenden Wochen und Monaten Mut machende Gottesdienste, Zeichen der Liebe Gottes und Erfahrungen menschlicher Nähe und Verbundenheit.

Christian Brost

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