Die Bäume haben Angst

Wir wissen zwar grundsätzlich, dass Leben und Sterben oft nahe beieinander liegen.
Auch der Blick in die Natur lehrt uns das. 

Wir freuen uns am üppigen Blühen der Bäume und Sträucher im Frühling, und in diesem Jahr besonders. Wir erkennen darin den Sieg des Lebens über den Tod und nehmen diese Zeichen der Natur als österliche Auferstehungssymbole wahr. Und gerade in der momentanen Krisensituation unserer Welt sind solche Erfahrungen doppelt wohltuend.

Umso betroffener und nachdenklicher haben mich die Gedanken des Ökologen Johannes Gepp in der Kleinen Zeitung gemacht (18.4.2020, S. 20/21). Die Tatsache, dass Pflanzen blühen wie nie zuvor, erfüllt ihn mit großer Sorge. Solche „Mastjahre“ kämen zwar alle sieben bis elf Jahre vor. Jetzt aber haben wir diese Situation schon das dritte Jahr hintereinander. „Die Bäume und Sträucher stehen massiv unter Stress.“ Der Grund sei die überdurchschnittliche Erwärmung der vergangenen Jahre.“ Der Ökologe spricht von einer Angstblüte: Offensichtlich versuchen die Bäume, mit unzähligen Samen dafür zu sorgen, dass für die Zukunft vorgesorgt ist – auch wenn diese Zukunft nicht rosig ist.“

Auch wenn die Reaktion – aus Sicht der Bäume – vernünftig erscheinen mag: Angst ist oft ein schlechter Berater. Denn anstatt in den Zeiten der Dürre die Kräfte zu schonen, schädigen sich die Bäume durch dieses Verhalten selbst, verlieren an Widerstandskraft und werden anfälliger für Borkenkäfer und Krankheiten. Es gibt bereits erste Berichte, wonach auch Wurzeln geschädigt seien. „Dann stehen wir vor einer Megakatastrophe.“
Die Bäume haben Todesangst. Das ist also die Kehrseite der überbordenden Blüte dieser Tage.

Ostern begleitet uns über Pfingsten hinaus

Zugleich aber denke ich mir: Wenn mit dem blühenden Leben der drohende Tod so eng verknüpft ist, ist es dann nicht auch umgekehrt so, dass in jedem Sterben schon der Keim des Lebens liegt? Ostern ist kein Fest, dass man schnell wieder beiseitelegen und hinter sich lassen kann. Es begleitet uns mit seiner Botschaft vom engen Ineinander des Sterbens und Lebens in unserem Alltag.

Außerdem ist die Osterzeit ja noch lange nicht zu Ende. Die Botschaft vom leeren Grab und von der lebendigen Begegnung mit dem, der doch für unser vordergründiges Begreifen tot sein müsste, begleiten uns bis Pfingsten – und darüber hinaus.

Hans Waltersdorfer ist theologischer Mitarbeiter im Haus der Stille. Die kleine franziskanische Gemeinschaft im steirischen Haus der Stille musste mit dem Beginn der Corona-Maßnahmen auf ungewisse Zeit die Pforten des Hauses für Gäste und Kurse schließen. Über tägliche Online-Impulse kann man auch aus der Ferne an den Gebeten und Gedanken aus dem Haus teilhaben.

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