13. April: Der Auferstandene – Gedanken zu einer Ikone von Leo Pfisterer

Die Auferstehung ist der Angelpunkt des christlichen Glaubens.

Christen aller Konfessionen ist der Glaube an die Auferstehung Jesu gemeinsam. Niemand von uns hat gesehen oder miterlebt, was konkret bei der Auferstehung Jesu geschehen ist. Paparazzi und Reporter mit Liveschaltung gab es noch nicht. Auch auf youtube finden sich keine Videoclips davon.

Unsere Quelle für den Glauben an Jesu Sieg über den Tod sind die Evangelien.

Sie halten fest, dass Jesus auferstanden ist, schweigen jedoch weitgehend über das Wie des Geschehens. Die Begründung dafür kann natürlich ganz einfach sein: Es war niemand dabei, der davon erzählen hätte können. Die Evangelien berichten, dass Christus auferstanden ist, schweigen aber über das Wie.

Der Auferstehungsbericht im Nikodemus-Evangelium

Literarisch beeinflusst von der griechischen Philosophie entstand im 6. Jh. ein „Bericht“ des Auferstehungsgeschehens in Wort und bald auch als Bild.

Der anonyme Verfasser des sogenannten Nikodemus-Evangeliums lässt Zeugen zu Wort kommen, die angeben, selbst beim Geschehen anwesend gewesen zu sein. Hören wir, was diese Zeugen zu Protokoll geben:

… Herr Jesus Christus, Auferstehung und Leben der Welt, gib uns die Gnade, dass wir deine Auferstehung schildern dürfen und die Wunder, die du im Hades gewirkt hast! 

Wir weilten also in der Unterwelt … Zu mitternächtlicher Stunde drang nun in die dortige Finsternis etwas wie Sonnenlicht und glänzte, und Licht fiel auf uns alle, und wir sahen einander.

Nach einem Gespräch zwischen Satan und dem (personifizierten) Hades „... ertönte wie Donner eine gewaltige Stimme: Öffnet, ihr Herrscher, eure Tore, gehet auf ewige Pforten! Einziehen wird der König der Herrlichkeit (Psalm 23). Als Hades das hörte, sprach er zu Satan: Geh hinaus, wenn du kannst, und tritt ihm entgegen! Satan ging nun hinaus. Dann befahl Hades seinen Dienern: Verrammelt gut und kräftig die ehernen Tore, … Denn kommt er herein, wird Wehe über uns kommen. …“

Hades verhielt „sich wie ein Ahnungsloser und fragte: Wer ist dieser König der Herrlichkeit? Die Engel des Herrn erwiderten: Ein mächtiger und gewaltiger Herr, ein Herr, machtvoll im Kriege! (Psalm 24). Und zugleich mit diesem Bescheid wurden die ehernen Tore zerschlagen und die eisernen Querbalken zerbrochen und die gefesselten Toten alle von ihren Banden gelöst und wir mit ihnen. 

Und es zog ein der König der Herrlichkeit wie ein Mensch, und alle dunklen Winkel des Hades wurden licht. Sofort schrie Hades: Wir wurden besiegt, wehe uns! … Da packte der König der Herrlichkeit den Obersatrapen Satan am Kopfe und übergab ihn den Engeln mit den Worten: Mit Eisenketten fesselt ihm Hände und Füße, Hals und Mund! …“Darauf „streckte der König der Herrlichkeit seine rechte Hand aus, ergriff den Urvater Adam und richtete ihn auf. Dann wandte er sich auch zu den übrigen und sprach: Her zu mir alle, die ihr durch das Holz, nach dem dieser griff, sterben musstet! Denn seht, ich erwecke euch alle wieder durch das Holz des Kreuzes. Darauf ließ er sie alle hinaus. Und der Urvater Adam, dem man ansah, dass er voller Freude war, sprach: Ich danke deiner Majestät, Herr, dass du mich aus der tiefsten Unterwelt hinaufgeführt hast. Ebenso sprachen auch alle Propheten und Heiligen. Wir danken dir, Christus, Heiland der Welt, dass du unser Leben aus dem Verderben hinaufgeführt hast.… Dann stieg er mit ihnen aus der Unterwelt empor. Während er ging, folgten ihm die heiligen Väter und stimmten den Lobgesang an: gesegnet sei, der da kommt im Namen des Herrn! Alleluja! (Psalm 118,26). Ihm gebührt Ehre und Lob von allen Heiligen. Der Herr ging also zum Paradiese. Er hielt den Urvater Adam bei der Hand und übergab ihn und alle Gerechten dem Erzengel Michael. …“

Gedanken zur Ikone

Vor uns sehen wir eine Ikone, die dieser alten Erzählung folgt und damit sagen will, was Auferstehung ist. Wie alle Ikonen dieses Themas trägt sie die Aufschrift „Auferstehung“ – nicht wie wir vielleicht erwarten würden „Auferstehung Jesu“. – Es geht nämlich nicht um seine, sondern um unsere Auferstehung.

Schauen wir uns das Bild an. Zwischen Felsen steht Christus über zwei Torflügeln. Darunter eine gefesselte Gestalt, Nägel, Schrauben, Beschläge und ein Schloss. An den Händen fasst er Adam und Eva – hinter diesen Figuren stehen mehrere Personen. 

Die Felsen formen einen Rahmen um das Zentrum des Bildes. Sie streben aufeinander zu, suchen das Eins-sein und sind doch gespalten, kein grüner Spross, der von Leben zeugt, ist zu sehen. Unfruchtbares Felsengebiet ist im Orient das traditionelle Gebiet Friedhöfe anzulegen – es ist ein Ort des Todes. 

Matthäus berichtet in seinem Evangelium beim Sterben Jesu von einem Erdbeben und dass sich die Felsen spalteten (Matthäus 27,51). Auch darauf spielen die Felsen im Bild an. 

Optisch verbunden sind Felsen durch die Mandorla – eine Art Heiligenschein – hinter Christus. Diese Mandorla ist vulva-förmig und weist damit auf Gottes Mutterschoß hin, in den wir heimgeholt werden. Diese Mandorla hat Abstufungen von Weiß bis Schwarz. Weiß gilt als Farbe des Lichtes, der Farbe der Erkenntnis des Göttlichen. Wer Gott und seinen Willen kennt, fromm und gottesfürchtig lebt, wähnt sich in diesem Licht. Und doch ist die weiße „Erkenntnisfarbe“ jene, die der Person des Auferstandenen am fernsten ist. Je mehr wir uns Christus nähern, umso schwärzer, ärmer an Wissen und spiritueller Ekstase, wird dieser Schein der Heiligkeit. Physikalisch ist Schwarz die absolute Abwesenheit von Licht und Sehmöglichkeit. Wir sehen nichts, wenn wir Schwarz sehen. 

Aus der Mitte dieses Nichts springt uns die strahlende Gestalt des Auferstandenen entgegen. Er ist in Bewegung nach oben, wirkt fast hektisch in seinem Agieren. Das Zentrum – gleichzeitig auch die geometrische Mitte der Ikone – ist die Leibesmitte Jesu, jener Körperbereich, den die japanische Philosophie Hara nennt. Hara ist das gesamtmenschliche Zentrum, in dem alles zusammenläuft, der innerste Kern unseres Selbst. Aus dem Hara heraus werden Geist, Körper und Tun gesteuert, denn im Rumpfbereich unterhalb des Nabels liege die empfindsamste Stelle, die Seele des Menschen.

Auch Christus auf der Ikone agiert, kämpft aus dieser Mitte. Bodenverwurzelt steht er breitbeinig in der Position eines Karatekämpfers. Unter ihm brechen die Pforten der Unterwelt auf. Beschläge, Nägel und das Höllenschloss schießen wirr herum. Die Gestalt unter seinen Füßen – der „Fürst der Unterwelt“, der Teufel – ist gefesselt, gedemütigt und entmachtet.

Verlassen wir die Mitte und schauen wir seitlich zu den Personen. Es sind Vertreter des jüdischen Gottesvolkes, die den Messias erhoffen und erwarten: David, Salomon, Daniel, Johannes der Täufer, Gerechte des alten Bundes, Ahnen Jesu. Im erster Reihe sind Adam und Eva, die mythologischen Ureltern der Menschheit. Adam ist in den Farben der Schöpfung – blau und grün – dargestellt, Evas Farben weisen hin auf den erlösten Menschen: ihr blaues Untergewand ist überdeckt vom einem roten Übergewand. Rot war jene Farbe, die in der Antike nur hochgestellten Persönlichkeiten zustand. Evas Purpur weist hin auf die hohe Würde jedes Menschen, den Gott als sein Abbild geschaffen hat (1. Mose 1). Etwas unbeholfen versuchen sie ihren Särgen zu entkommen.

Christus reicht ihnen nicht freundlich die Hand und sagt unverbindlich „Grüß Gott“ – er greift zu und fasst beide am Handgelenk. Es ist ein Rettungsgriff, den auch Bergsteiger einsetzen. Mit diesem Rettungsgriff zieht Jesus Adam und Eva zu sich, hinein ins Paradies, symbolisiert durch vulvaförmige Mandorla. Der Mensch wird wieder zurückgeführt zu seinem Ursprung, wo er absolute Gemeinschaft mit Gott hat. Gott, Christus handelt barmherzig – im tiefsten Wortsinn – an Adam und an uns. In der Sprache Jesu lautet das Wort für Barmherzigkeit „Racham“. Der Plural davon ist „Rächäm“. Rächäm ist auch der Mutterschoß, die Gebärmutter aus der alles Leben kommt. 

Und wenn der Koran und der gläubige Moslem von Gott als den „Allbarmherzigen“ spricht verwendet er das Wort „Rahim“. Und auch hier finden wir diese Parallele: das arabische Wort „al-rahim“ heißt übersetzt nicht nur Barmherzigkeit, sondern auch Gebärmutter. 

Die Ikone der Auferstehung Jesu ist damit auch ein Bild der Auferstehung Adams, ein Bild der Auferstehung des Menschen.

Sie ist ein Bild des Überganges von der Finsternis zum Licht, vom Tod zum Leben. Eine Einladung sich auf diesen Weg einzulassen.

Leo Pfisterer

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