11. April: Der Schmerzensmann, der Bräutigam – Gedanken zu einer Ikone von Leo Pfisterer

Christus in einen Purpurmantel gehüllt, eine Dornenkrone am Kopf, Rohrstab in der Hand und die Hände gefesselt.

Mit dem Motiv dieser Ikone können sich alle christlichen Konfessionen identifizieren – jedoch mit unterschiedlichen Schwerpunkten.

Der bibelfeste Protestant zitiert die Bibelstelle aus der Passion Christi: „Sie zogen ihn aus und legten ihm einen purpurroten Mantel um. Dann flochten sie einen Kranz aus Dornen; den setzten sie ihm auf und gaben ihm einen Stock in die rechte Hand. Sie fielen vor ihm auf die Knie und verhöhnten ihn, indem sie riefen: Heil dir, König der Juden! (Matthäusevangelium 27, 28-29)

Vielleicht kommt traditionsbewussten Lutheranern die 7. Kantate aus Buxtehudes „Membra Jesu nostri“ in Erinnerung: „Lass dein Angesicht leuchten über deinem Knecht, hilf mir in deiner Güte!“ – ein Zitat aus Psalm 31.

Der Katholik stimmt bei diesem Bild sofort eine Melodie an, die ursprünglich ein Liebeslied war. – Die Melodie von „Mein G’müt ist mir verwirret“ wurde im 17. Jahrhundert von dem evangelischen Dichter Paul Gerhardt für die Vertonung eines ursprünglich lateinischen Hymnus verwendet und wurde kurz nach der Entstehung zu der katholischen Passionshymne schlechthin:

„O Haupt voll Blut und Wunden,
voll Schmerz und voller Hohn,
o Haupt, zum Spott gebunden
mit einer Dornenkron,
o Haupt, sonst schön gezieret
mit höchster Ehr und Zier,
jetzt aber frech verhöhnet,
gegrüßet seist du mir! …“

Der orthodoxe Christ denkt nicht an Bibelstellen oder leidensverherrlichende melancholische Lieder und jubelt den Hymnus: 

„Siehe, der Bräutigam kommt in der Mitte der Nacht, 
und selig ist der Knecht, den Er wachend findet, 
doch unwürdig ist der, den Er schlafend findet. 
Siehe also zu, meine Seele, dass Du nicht vom Schlaf befallen wirst, 
damit du nicht dem Tode übergeben und vom Reiche ausgeschlossen wirst; 
sondern sei nüchtern und rufe: „Heilig, Heilig, Heilig bist Du, o Gott …“  

Wahrscheinlich übersieht er dabei, dass er damit das Evangelium von den klugen Jungfrauen aus Matthäus 25 zitiert.

Der 2011 verstorbene griechisch-orthodoxe Metropolit Miachael Staikos sagt im Blick auf die Leidensmystik der westlichen Kirchen: „Im Westen liegt ein derartiges Übergewicht auf den Tod Jesu für unsere Sünden, dass Schuldgefühle in den Menschen beinahe zwangsweise erwachen. Im Osten ist das nicht so…. 

Mit Kirchenliedern wie „O Haupt voll Blut und Wunden“ würde man wohl jeden orthodoxen Kirchenbesucher zutiefst verstören, man würde schuldbeladene, komplexhafte Verhaltensweisen auslösen.“

Leo Pfisterer

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