Der Nachhall des Klatschens

Heute ist Donnerstag. Mitten in der Schul-und Arbeitswoche also. Ich sitze im Wohnzimmer und schaue meinen Kindern beim Sport zu. Ich würde ja mitmachen, bin aber nicht ganz gesund.

Die Ausgangsbeschränkungen werden bis nach Ostern dauern. Der Bischof kündigt an, Osterliturgien für zu Hause auszusenden. Eine seltsame Zeit.

Draußen ist es so still wie noch nie. Selbst die Geräusche der Natur wurden von einer Kältewelle ausgebremst, und die Singvögel und die Apfelblüten kämpfen mit nächtlichem Frost.

In den Zeitungen und im Fernsehen werden Politiker nicht müde, Geduld einzumahnen. Es wäre nicht das 21. Jahrhundert, gäbe es nicht schon ein englischsprachiges Modewort für die neuen Regeln: social distancing.

Noch ein Phänomen ist aber dieser Tage zu beobachten: Es wird geklatscht; verbal und auch öffentlich von Balkonen und Fenstern. Plötzlich, ganz plötzlich, erinnern sich viele daran, wovon unser aller Leben auch abhängt. Nämlich von den – plötzlich oft als Heldinnen und Helden bezeichneten – Beschäftigten im Supermarkt, in den Lebensmittellagern, hinter den Steuern der LKWs, in den Pflegeheimen, Krankenhäusern und Behindertenheimen, bei der Polizei, den Feuerwehren und den Energieversorgern. Erntehelfer, Hauspflegerinnen und Soldaten werden beklatscht, Apotheker, Lehrerinnen und Kindergartenpädagogen.

Im „Standard“ wird heute darauf hingewiesen, dass es sich bei vielen dieser Berufe um schlecht bezahlte und wenig angesehene Tätigkeiten handelt. Häufig stammen Erntehelfer, Pflegerinnen, LKW-Fahrer oder Supermarktmitarbeiterinnen auch nicht aus Österreich. Nach der Krise – so der Standard – wird das Klatschen schnell verhallen. Stimmt das? Wird der Rhythmus des globalisierten Kapitalismus, der Abtausch von Zeit, Zuwendung und Demut gegen Geld, das Klatschen verstummen lassen

Liebe Leserin, lieber Leser, ich glaube, es ist unsere Aufgabe als evangelische Christinnen und Christen, die Welt immer mit den Augen der Zuwendung, des Mitgefühls und der Dankbarkeit zu sehen. Lassen Sie uns doch auch die normalerweise im Alltag scheinbar unsichtbaren Menschen als unsere Nächsten achten! Lassen Sie uns doch nicht vergessen, was alles und wer aller dazu beiträgt, dass wir so leben, wie wir leben! Seien wir achtsam, wertschätzend und liebevoll!

Wenn wir das beherzigen, also mit dem Herzen sehen, folgen wir Jesus nach. Dann vergessen wir auch nicht, dass alles, einfach die ganze Schöpfung, in Gottes liebender Hand geborgen liegt. Schon aus Dankbarkeit Gott gegenüber werden wir uns dann liebevoller begegnen und unsere ganze Umwelt bewahren.

Kurator Gert Lauermann

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