Warum wir in Hollabrunn einen Glockenturm bauen

Ist es heute überhaupt noch ethisch vertretbar, einen Glockenturm zu bauen? Oder sollte man das Geld nicht lieber anders einsetzen?

Vor einigen Jahren war ich in Stockerau am katholischen Kirchturm, nicht ganz oben, aber immerhin bei den Glocken. Was ich nicht beachtet hatte: Es war kurz vor 12 Uhr mittags. Als die Glocken zu läuten begannen, durchdrangen die Schwingungen alles: meinen Kopf, meinen Bauch, mein Herz und den ganzen Turm, der mitzuschwingen schien. Es war laut, aber nicht unangenehm. Selbst die Tauben blieben während des Läutens sitzen. Irgendwie fühlte ich mich beim Klang der Glocken ein wenig der Welt entrückt und dem Himmel näher.

Als ich gebeten wurde, einen Beitrag darüber zu schreiben, weshalb wir in Hollabrunn einen Glockenturm bauen wollen, dachte ich zuerst: „Das wird ein kurzer Beitrag.“ Die Antwort auf diese Frage schien mir offensichtlich, ja banal: Wir brauchen einen Glockenturm, um unsere beiden Glocken aufzuhängen. Dieser sehr pragmatische Zugang zur Frage eines Glockenturms ließ mich nachdenken, ob Glockentürme nicht doch eine theologische Bedeutung haben. Aber nein, Glockentürme haben keine besondere theologische Bedeutung. Dafür aber die Glocken.

Von der religiösen Bedeutung der Glocken

12 Glöckchen am Saum des priesterlichen Gewandes im Judentum sollten Böses fernhalten. 12 ist mehr, als man mit Fingern zeigen kann, also „unbegreiflich“. Die Zahl wurde in der jüdischen Zahlenmagie als mystisch Gott und die Welt vereinend verstanden. Der Kirchenvater Origines sah die 12 Glocken am Saum des Priesters als Zeichen für ewige Glaubensverkündigung – vom Anfang bis zum Ende. Die Zahl 12 stand nun für die 12 Apostel. Immer mehr gewann die Glocke schließlich die Bedeutung, die mystische Einheit von Gott und Welt zu zeigen, wie sie uns Christen durch das Leben Jesu in besonderer Weise offenbar wurde. Kann man nicht den Himmel auf der Erde wähnen, wenn man sich das Werden einer großen Glocke vor Augen führt? Wie aus irdischen Erzen und dem Können eines Glockengießers der perfekte Klang, etwas Unsichtbares und Einmaliges, entsteht, etwas Unbegreifliches, das in die ganze Welt hinaus klingt und unser Innerstes zum Schwingen bringt?

Ab dem 4. Jahrhundert fand die Glocke langsam als „Zeichengeber“ (lat. signum dare) auch ihren Platz im (klösterlichen) Alltag. Glocken und ihre Türme erfüllten dann im Laufe der Jahrhunderte vielerlei Funktionen. Die Menschen wurden von Glocken zum Gottesdienst gerufen, vor Feuer oder anderen Gefahren gewarnt oder über die Uhrzeit informiert. Auch als Ausdruck der Klage (Totenglocke) oder der Mahnung (z.B. Aktion „Läuten für das Klima“) dienen Glocken bis heute.

Häufig werden Glocken auch mit Engeln als von Gott gesandte Geistwesen in Verbindung gebracht. Der erstaunliche Klang einer Glocke schwingt in uns nach. Wir werden davon durchdrungen wie von keinem anderen Instrument.

Glocken erinnern uns Menschen daran, dass es etwas Höheres gibt, dass unsere Leben in Gottes Hand liegen. Sie rufen „Hier wird Gottes Gegenwart gefeiert, hier wird Gottesdienst gefeiert“ und mahnen uns, daran zu denken, dass die Gegenwart Gottes, des Höchsten, die Schöpfung erfüllt.

Deshalb läuten wir beim Vater Unser eine Glocke, weil wir damit zeigen, dass wir an die Macht dieses heiligen Gebets des Jesus von Nazareth glauben und daran, dass der Klang unserer Worte und Gedanken von Gott wahrgenommen wird – von Gott, dessen Gegenwart Himmel und Erde erfüllt. So wie der Klang der 12 Glocken schon im frühen Judentum anzeigte, dass Gott und Welt vereint sind.

Glocken sind für mich also ein Zeichen der Hoffnung. Ein Zeichen des Lebens. Ein Zeichen, dass Gott in der Welt ist. Glocken geben Zeichen für alle Menschen, die sie hören: Gott ist in der Welt! Alles wird gut. Und: Hier feiern Menschen Gottesdienst! Sie loben Gott, danken und leben Gemeinschaft.

Ich denke, dass viele Hollabrunnerinnen und Hollabrunner das verstehen und Gottes heilsames Wirken auch in ihrem Leben irgendwie spüren, wenn sie Kirchenglocken hören. Da ist eine große Verbindung, zwischen der Welt und Gott, der alles durchwebt. Gott ist auch in unseren Mitmenschen, für die wie für uns gilt: Am Ende bleibt die Liebe.

Wozu aber einen Turm?

Nun: Ohne Turm können unsere Glocken nun mal nicht läuten. Zumindest nicht so, dass sie auch gehört werden. Die wenigen Evangelischen in und um Hollabrunn werden in der katholisch oder konfessionslos geprägten Öffentlichkeit ohnehin schon wenig wahrgenommen. Es gibt uns aber – und wir wollen das auch zeigen. Dass Evangelische in Österreich Glockentürme bauen und Glocken läuten dürfen, ist noch eine recht neue, hart erkämpfte Errungenschaft.  

Deshalb brauchen wir in Hollabrunn einen Glockenturm. Keinen mächtigen, keinen hohen, aber einen zweckmäßigen, sichtbaren Turm, an dem unsere wunderbaren beiden Glocken wieder ihren Platz haben können und Menschen mit ihrem Klang Gott näherbringen können – sichtbar und hörbar evangelisch!

Kurator Gert Lauermann

Psalm 150

Halleluja! Lobet Gott in seinem Heiligtum,
lobet ihn in der Feste seiner Macht!

Lobet ihn für seine Taten,
lobet ihn in seiner großen Herrlichkeit!

Lobet ihn mit Posaunen,
lobet ihn mit Psalter und Harfen!

Lobet ihn mit Pauken und Reigen,
lobet ihn mit Saiten und Pfeifen!

Lobet ihn mit hellen Zimbeln,
lobet ihn mit klingenden Zimbeln!

Alles, was Odem hat, lobe den HERRN!
Halleluja!

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