Gemeindereise nach Andalusien, oder: Was ist ein Sufi?

Vier Tage und 4  Nächte in Andalusien mit der Evangelischen Pfarre Stockerau

Ein Sufi ist ein islamischer Asket, ein Mystiker, ein Missionar, im weitesten Sinn ein Mönch in unserem heutigen Sprachverständnis. Es gibt viele Geschichten und Erzählungen von solchen Sufis. Jeden Tag hörten wir Mitreisenden eine davon bei der Morgenbetrachtung von dem einen unserer beiden Reiseleiter, Pfarrer Christian Brost. Feinsinnige, nachdenklich machende Aussagen zu tiefst menschlichen Situationen, treffend damals wie heute.

Die Wahl von Sufi-Geschichten lag nahe, denn wer in Granada, Cordoba und Sevilla unterwegs ist, der kann keine hundert Meter gehen, ohne über einen Stein aus der islamisch-maurischen Vergangenheit dieser Region zu stolpern, die sie fast 700 Jahre prägte, aber schon vor über 500 Jahren durch die „Katholischen Könige“ Isabella von Kastilien und Ferdinand von Aragon 1492 endgültig beendet wurde.

Bauten für die Ewigkeit, erhalten, weil man damals schon deren Schönheit, Nützlichkeit und Dauerhaftigkeit erkannte und sie nicht dem Triumpf des Sieges des Christentums über den Islam opferte. Und das keine 40 Jahre nach dem völligen Untergang des oströmisch-christlichen Konstantinopel/Byzanz mit Feuer, Kanonen und Schwert, als Rache und Vergeltung eigentlich logische Konsequenz hätten sein können. So manchem von uns drängten sich da Parallelen zum aktuellen Zeitgeschehen auf…

Mittwoch, 9. Oktober: Sierra Nevada

19 Uhr: Landung in Malaga und Empfang durch unseren ständigen Reisebegleiter Raimund. Mit dem Bus ging es in Sichtweite der 100 km entfernten Sierra Nevada mit ihren Dreitausendern vom Meeresniveau auf die andalusische Hochebene, rund 750m hoch gelegen. Schon die ersten 100 km überwältigte uns der Rundumblick in ein geschlossenes, ökologisch völlig ausgeräumtes, 1 Million ha (!) großes Olivenanbaugebiet, weiter als das Auge reicht. (Ganz Österreich hat insgesamt rund 1,2 Millionen ha Ackerland.) Das Hotel Luna de Granada empfing uns mit einem exzellenten Abendbuffet. Einige von uns lernten schnell, dass die Andalusier nicht nur Olivenbauern, Stierkämpfer und Reiseführer sind, sondern auch hervorragende Biere brauen.

Donnerstag, 10. Oktober: Granada

Dass der Tourismus Spaniens wichtigster Wirtschaftszweig ist, erkannten wir spätestens beim minutiös getakteten Einlass in die Alhambra, dieser grandiosen maurischen Festungsstadt mit dem Nassridenpalast und den Gärten der Generalife, deren Wasserversorgung ohne Pumpen unverändert seit Jahrhunderten noch immer voll funktioniert. Mitten in dieser orientalischen Pracht begegneten wir auch zum ersten, aber nicht letzten Mal einem Stück Habsburger Geschichte, dem nie fertig gestellten Palast Karl des Fünften, ursprünglich als seine Residenz geplant.

Der anschließende Rundgang durch die malerische historische Altstadt führte uns auch zur mitten hinein gebauten Kathedrale, der Grabstätte der „Katholischen Könige“, für die Granada offensichtlich wichtiger war als die von ihnen finanzierte Entdeckung der Neuen Welt durch Christoph Columbus, die eigentlich in Sevilla ihren Ausgangspunkt hatte.

Beim Mittagessen machten wir Bekanntschaft mit „Tapas“, der spanischen Spezialität schlechthin. Diese ursprünglich als essbare Trinkgefäßdeckel zum Schutz gegen Fliegen entwickelten „Häppchen“ gibt es mittlerweile in unzähligen Variationen für kleinen und großen Hunger.

Gegen Abend ging es weiter zu unserem Nachtquartier, dem wunderschönen, im Oliven-Nirgendwo gelegenen Hotel MS Fuenta Las Piedras. Der noch in Betrieb befindliche Swimmingpool inmitten eines hoteleigenen Parks lud viele von uns zu einem gemeinsamen „Sundowner“ mit Frizzante am Poolrand, bevor wir uns zum abschließenden Abendessen im Hotelrestaurant zusammensetzten.

Freitag, 11. Oktober: Cordoba

Neuerlich ging die Fahrt durch schier endlos scheinende Olivenlandschaften direkt nach Cordoba, der Stadt mit der weltberühmten Moschee-Kathedrale.

Der neunschiffige Bau, dessen Decke von mehr als 1000 Säulen mit Doppelbögen getragen wird, erweckt einen fast unwirklich erscheinenden Eindruck. Man begann schon 1236, nach der Rückeroberung Cordobas, mit dem Einbau einer Kirche, die allmählich zu einer Kathedrale erweitert wurde.

Die beeindruckende Größe dieser Kathedrale geht aber in den umgebenden 23.000 m² der Moschee sowohl von außen als auch von innen beinahe unter. Mit diesen Ausmaßen ist sie weltweit die drittgrößte ehemalige Moschee und die größte ehemalige Moschee auf europäischem Boden. Nirgendwo sonst wurde der damalige Umgang der Spanier mit den so verschiedenen Religionen sichtbarer als in der Mezquita von Cordoba. Ursprünglich seit dem neunten Jahrhundert von Christen und Muslimen als Gotteshaus gemeinsam genutzt, wurde es mit der Zunahme der maurischen Bevölkerung zur Moschee, um sich schließlich ohne Zerstörung wieder zur christlichen Kathedrale zu wandeln. Ebenso beeindruckend war der anschließende Rundgang durch die Altstadt mit ihren weltberühmten Innenhöfen, den Patios.

Am Nachmittag ging es mit dem Bus weiter. Schon nach kurzer Zeit verschwanden plötzlich die Olivenhaine und machten abgeernteten Sonnenblumen-, Sojabohnen- und Weizenfeldern Platz, auch ein paar Weingärten bereicherten die herbstdürre Landschaft. Mitten drin erhob sich ein einzelner Hügel, gesäumt von dem Städtchen Carmona und hoch oben ein Palast Peter I., des „Grausamen“, König von Kastilien und Leon, einem Reconquistor des 14. Jahrhunderts, der das in der Nähe liegende Sevilla rückerobert hatte.

Dass Südspaniens Wirtschaft doch nicht nur aus Tourismus besteht bemerkten wir, als wir uns auf die kurze Fahrt nach Sevilla begaben. Immer mehr Handels- und Industriezonen begleiteten uns zu Andalusiens Hauptstadt, das Hotel Melia Lebreros wurde unser letztes Quartier, diesmal für zwei Nächte

Samstag, 12. Oktober: Sevilla I

Sevilla ist nicht nur die Stadt zweier Weltausstellungen (1929 mit dem Generalthema Aussöhnung und Neubeginn mit der Neuen Welt sowie 1992), sondern auch die Stadt des „Barbiers“, des „Don Juan“ und der „Carmen“. Sie ist aber auch die Stadt der Eroberung Amerikas, vor allem Zentral- und Südamerikas. Steht man heute am Ufer des Guadalquivir, kann man sich kaum vorstellen, dass hier die Segelschiffe des 16. und 17. Jahrhunderts jene Unmengen an Gold, Silber und anderer Wunderwaren entluden, die Spanien kurzfristig so unendlich reich machten.

Die gotische Kathedrale, die größte der Welt, beherbergt das Grabmal von Christoph Kolumbus. Die Giralda ist ein 1568 zum Glockenturm umfunktioniertes, ursprünglich 86m hohes Minarett aus dem 12. Jahrhundert, das bis zu einer Höhe von rund 60m mit Pferden beritten werden konnte.

Der Alcázar von Sevilla, der Königspalast Peters I., wurde im 14. Jahrhundert in einem 1170 errichteten maurischen Palastes erbaut und von Karl V. und Philipp II. erweitert. Er überwältigt durch seine maurische, gotische und barocke Architektur, seine Klimatisierung und die Gartenanlagen.

Beeindruckend sind auch die Parkanlagen mit den Bauten der Weltausstellung von 1929, vor allem der Plaza de Espana im Maria Luisa Park. Der Abend schloss mit einer Flamenco-Show – immerhin gilt Sevilla als seine Hauptstadt – und einem Tapas-Dinner.

Sonntag, 13. Oktober: Sevilla II

Nachdem wir in den vergangenen 3 Tagen rund 37 km zu Fuß durch die Straßen und über die Plätze gewandert waren, durften wir diesmal mit dem Bus zum „Parasol“ fahren, dem größten Holzbauwerk der Welt mit 125 x 60 x 26 Metern, das zwischen 2005 und 2011 an Stelle einer alten Markthalle errichtet wurde.

Nach einer abschließenden kleinen Busrundfahrt verabschiedete uns Raimund am Flughafen von Sevilla, von dem aus wir über Barcelona den Heimflug antraten.

Galt unsere Aufmerksamkeit am Anfang des Berichts unserem Pfarrer, so soll er am Ende unserem zweiten Reiseleiter Martin Lauermann gelten, der als organisatorischer und logistischer Betreuer diese Sonderreise der evangelischen Pfarre Stockerau zu einem unvergesslichen Erlebnis für alle 44 Teilnehmer werden ließ.

Hannes Schmidt

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