Der Friede wächst

Bläst du in die Funken, wird ein Feuer daraus; doch spukst du auf sie, verlöschen die Funken; und beides kann aus deinem Munde kommen. 

Sirach 28, 12

Ist Ihnen aufgefallen, dass die farbigen Steine auf unserer Friedenssäule immer mehr werden? Das bunte Mosaik zeugt inzwischen von einer ganzen Menge Menschen, in deren Herzen der Wunsch nach Frieden wächst.

Einige Steine kamen im September dazu, als der Gemeinderat der Stadt Stockerau über Einladung der Bürgermeisterin Andrea Völkl an einer interreligiösen Friedensandacht teilnahm. Am Ende der Andacht klebten ganz verschieden denkende Menschen verschiedenster Religionen und Weltanschauungen „ihren“ Stein auf die Säule – als gemeinsames Zeichen, sich für Frieden in Stockerau und in der Welt einsetzen zu wollen.

Von jeder im Gemeinderat vertretenen politischen Partei war jemand da, als der katholische Pfarrer Tom Kruczynski und der evangelische Pfarrer Christian Brost für das Christentum sprachen. Der Friede will in uns beginnen, um von da aus ausstrahlen zu können.

Der als Gast in Stockerau weilende tibetische Mönch Lama Nima wünschte der Welt und Stockerau auf Englisch Frieden. Im orangegelben Mönchsgewand stand er vor uns, die personifizierte Freundlichkeit und mit offenem Herzen. Dann schloss er die Augen, und ungewohnter Gesang erfüllte den Platz vor der evangelischen Kirche. Der Mönch betete singend um Segen und Frieden. 

Ali Öktem sprach für den Islam. Und es war schon etwas Besonderes, als der moslemische Hodscha (Imam) Naim Gümüser anschließend singend Koranverse auf Arabisch rezitierte.

Ich fragte mich, ob es so etwas Ähnliches in Stockerau bisher jemals gegeben hatte: die hohe Politik einem musikalisch betenden, tibetischen Mönch und einem zur Ehre Gottes singenden Imam und christlichen Worten der Bibel andächtig lauschend, vor einer ehemaligen Synagoge im Wunsch nach Frieden vereint.

Alle drei Weltreligionen Islam, Buddhismus und Christentum treten für den Frieden ein.

Alle beteten dafür, dass bei uns und in uns Friede beginnen möge. Jede Religion tat das auf ihre Art, ohne den anderen Religionen dabei ihre Berechtigung abzusprechen. Es war offenbar, dass in diesen Minuten alle dankbar dafür waren, dass (auch) „die Anderen“ da waren und mitfeierten, Christen und Moslems, Freiheitliche und Grüne, Sozialdemokraten und türkis-schwarze Volksvertreter, Männer und Frauen usw.

An diesem Nachmittag wuchs der Friede tatsächlich – nicht an der Säule, sondern in den Herzen.

Es freut uns sehr, dass der Stadtrat unter dem Eindruck der Friedensandacht tags darauf dem Platz vor der evangelischen Kirche über unseren Wunsch offiziell den Namen „Friedensplatz“ gab.

Kurator Gert Lauermann

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