Geistliches Wort

(c) Marion Leineweber

Jesus lehrte in einer Synagoge am Sabbat. Und siehe, eine Frau war da, die hatte seit achtzehn Jahren einen Geist, der sie krankmachte; und sie war verkrümmt und konnte sich nicht mehr aufrichten. Als aber Jesus sie sah, rief er sie zu sich und sprach zu ihr: Frau, du bist erlöst von deiner Krankheit! Und legte die Hände auf sie; und sogleich richtete sie sich auf und pries Gott.

Lukas 13,10 ff.

Die verkrümmte Frau, von der Lukas in seinem Evangelium erzählt, steht für mich für alle gebeugten Menschen zu allen Zeiten: für die missbrauchten Frauen und Kinder, die – von Stärkeren zu Objekten degradiert –  Schaden genommen haben an Leib und Seele. Oder auch für die alten Menschen, die in unserer reichen, selbstsüchtigen Gesellschaft zunehmend als Belastung empfunden werden. Wir nehmen uns nicht mehr die Zeit, uns um sie zu kümmern und von ihren Lebenserfahrungen zu lernen. Sie werden degradiert zu Kostenfaktoren. Zeit ist Geld, die Pflege muss ich lohnen. Das verletzt, verkrümmt und macht einsam.

Der Sozialpakt wankt

Die Frau aus Lukas‘ Geschichte steht für mich auch für die Armen, die zunehmend an den Rand gedrängt werden und den Boden unter den Füßen verlieren. Wir schämen uns ihrer Armut und wollen möglichst wenig damit zu tun haben. Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.

Der Sozialpakt wankt. Gestärkt gehen die Reichen aus der Auseinandersetzung hervor. Die Wirtschaft hat Priorität, sie ist wichtiger, als dass alle genug zum Leben haben.

Und auch unter uns Christen wird kräftig polarisiert: Die „Frommen“ grenzen diejenigen aus, die anders glauben und anders leben, als sie es aus ihrer Bibel herauslesen. Homosexuelle, die darum ringen ihre Liebe zu leben, werden dämonisiert und verletzt.

Wie anders Jesus

Jesus ruft uns: Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken!

Unsere Aufgabe als Christen ist es, in der Nachfolge Jesu einen Schutzraum für alle zu bieten, die an den Rand gedrängt werden und in unserer satten, selbstsüchtigen und engstirnigen Gesellschaft unterzugehen drohen.

Wir wollen nicht polarisieren und ausgrenzen, sondern die einladen und einbeziehen, die Hilfe und Zuflucht brauchen und suchen. Sie gilt es aufzurichten – wie Jesus die verkrümmte Frau aufgerichtet und ihr wieder eine Perspektive verschafft hat.

In Gottes Reich soll niemand unter die Räder kommen. Alle sollen aufrecht und möglichst ohne Angst ihren Weg gehen können. Das Leben ist reich genug für uns alle und die, die ihr Leben großzügig mit anderen teilen, machen die Erfahrung, dass sie dadurch nicht ärmer, sondern reicher werden.

Pfr. Christian Brost

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