Tanz als Gebet

Aufgrund der Erfahrungen, die an den regelmäßigen Übungsabenden mit dem Tanz als Gebet in Stockerau gesammelt wurden, entstand der Wunsch, diese Form des „Betens mit Leib und Seele“ in den Gemeindegottesdienst einzubringen. Also werden im aktuellen Kirchenjahr erstmalig auch Gottesdienste mit Sakralem Tanz gefeiert, die von Ulli Bixa mitgestaltet werden.

Den 2. Tanzgottesdienst am 1. Sonntag nach Epiphanias durfte ich als Lektorin mit Ulli Bixa vorbereiten und mit der Gemeinde feiern. Das Thema war vorgegeben: „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“.

Das großteils unvoreingenommene Mitmachen der Gemeinde hat mich fast überrascht. Wenn Gottes Wort – dem wir uns verpflichtet fühlen – Fleisch werden soll, dann darf es auch der Körper sein, der betet. Das wurde doch von vielen angenommen.

Dabei muss ich gestehen, dass ich vor einigen Jahren noch äußerst skeptisch war. Was können denn einfache Schritte im Kreis getanzt schon bewirken?

Ich wurde eines Besseren belehrt. Dass man nämlich sakralen Tanz von außen gar nicht beurteilen kann. Der Tanz mit transzendentem Hintergrund erschließt sich nicht durch Zuschauen oder Sich-erzählen-lassen.

Erste Erfahrungen

Meine erste Erfahrung mit Sakralem Tanz war im Zusammenhang mit dem Thema Sterben auf einem Ausbildungskurs. Das ist ein schweres Thema, und in unserer 21-köpfigen Gruppe gab es einige Menschen, die von diesem Thema persönlich schwer betroffen waren. Sterben, wenn man so will die höchste Stufe des Abschiednehmens, kann man zwar ein Leben lang lernen, aber es ist immer noch tabuisiert. Es wird wenig darüber gesprochen, und daher wird es gerne verdrängt. Nun haben wir uns damals einen Tag lang mit diesem Thema auseinandergesetzt und es galt nun, einen guten Abschluss zu finden. Keine einfache Angelegenheit.

Es wurde ein Kreistanz getanzt. Einer, der den Weg des Lebens mit seinem vorwärts und rückwärts zum Inhalt hatte. Wo das Stehenbleiben vorkam und die Erfahrung, dass auch scheinbar rückwärtsgegangene Strecken uns weiterbringen.

Auf Wunsch der Gruppe wurde dieser Tanz 3 Mal wiederholt. Alle spürten, dass er irgendwie guttat.
Ich hatte folgende Erkenntnis: Da, wo Worte nichts mehr ausrichten können oder schon verbraucht sind, können wir durch unseren Leib Erfahrungen machen. Der Tanz, der das Leben mit all seinen Facetten spiegelte, ermöglichte eine ganzheitliche Erfahrung von Leben und Sterben. Das bedeutet, Trost zu finden.

Im Gespräch

Liebe Ulli, du bist seit vielen Jahren mit dem Sakralen Tanz befasst. Tanzen und Gott. Welche Verbindung gibt es da?

Tanz ist so alt wie die Menschheit selbst. In der hebräischen Bibel gibt es zahlreiche Hinweise auf den Tanz als kultisches Ereignis. Zum Lob Gottes oder als Dankopfer gehörten Musik und Tanz einfach dazu.
Vieles an religiöser Tanztradition ist im Laufe der Zeit verschwunden. Das Bewusstsein für die Bedeutung des Leibes ist verloren gegangen. Die Wiederentdeckung des Leibes gehört daher mit zu den spannendsten Aufgaben im Bereich der Spiritualität. „Eins zu werden mit dem Schritt oder der Gebärde, das hat die gleiche Wirkung wie das Eins Werden mit dem Atem oder dem Laut. Der Körper ist das Instrument in dem Gott erklingt“ (Willigis Jäger).

Noch eine Frage, die unsere Gottesdienstbesucher, die es noch nicht erlebt haben, interessieren könnte: Tanz als Gebet. Was kann man sich darunter vorstellen?

Sakraler Tanz bzw. Tanz als Gebet meint einen Übungsweg, der Gebet in der Bewegungssprache des Körpers lebendig werden lässt. Dieser Weg ist nicht von Leistung bestimmt. Ähnlich wie bei der Meditation liegt der Wert der Übung im Tun selbst. Es sind auch keinerlei Vorkenntnisse notwendig. Es geht um die Bereitschaft der Hinwendung zu Gott und um die Einübung in die leibliche Präsenz.

So wie Gesang gesteigerte Sprache ist, kann der getanzte Gesang höchster Ausdruck des Glaubens sein, indem er das Ausgespannt-Sein des ganzen menschlichen Wesens auf Gott hin verkörpert. Die Erlebniskräfte, die beim Tanzen freigesetzt werden, lassen den Menschen hinauswachsen über das rein Persönliche, indem sie ihn mit dem schöpferischen Grund verbinden. Alle Symbolformen des Sakralen Tanzes eröffnen in ihrem bewegten Nachvollzug die Möglichkeit einer Wandlung des Menschen, der so seine Verbindung mit Gott und das Eingebunden-Sein in die Schöpfung neu erfahren kann.

Für die Glaubenspraxis der christlichen Ökumene bietet der Tanz die Möglichkeit einer einfachen Gebärdensprache, die eingebunden ist in die Form des Kreistanzes. Der musikalische Rahmen, die Bild- und Bewegungselemente sind so aufeinander abgestimmt, dass sie die Glaubensinhalte ganzheitlich vermitteln. Die Erfahrung zeigt, dass auch Nicht-Tanzende am Geschehen teilhaben, sofern sie bereit sind, sich durch die gebotenen Inhalte und Formen innerlich berühren und bewegen zu lassen.

Liebe Ulli, ich danke für das Gespräch.

Wer neugierig geworden ist, kann am 10. März 2019 im Gottesdienst in der Lutherkirche Tanz als Gebet erleben und im Anschluss einige weitere Stunden Erfahrungen mit dem Sakralen Tanz sammeln.

Ulli Bixa, Irmi Lenius

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