Vom Präludium zum Tango

Foto: Peter Nagl

Frau Maria Düchler spielt auf dem Akkordeon und Frau Melitta Ebenbauer, eine unserer Organisten, spielt auf der Orgel. Orgel und Akkordeon – davon habe ich noch nie was gehört, und es hat mich neugierig gemacht.

Die beiden Hauptakteurinnen erzählen mir, dass sie bereits im vergangenen Sommer die Idee dazu hatten und die Musikstücke selbst ausgesucht, zusammengestellt und für ihre beiden Instrumente adaptiert haben, da es Akkordeon und Orgel zusammen tatsächlich noch nicht gibt. Weiters erfahre ich, dass Frau Düchler eine Schülerin von Frau Ebenbauer in Orgel- und Kirchenmusik im Studium der Kirchenmusik am Konservatorium in Wien ist.

Und eine dritte Dame wird mir vorgestellt, Frau Olga Shenderman, ebenfalls eine Schülerin von Melitta Ebenbauer. Sie wird kurzfristig bei zwei der Musikstücke den Gesangsteil übernehmen.

Christian Brost gibt zu jedem Stück eine kurze Einführung und ein wenig Hintergrundinfo. Das erste Stück, das wir an diesem Abend hören, ist DER Klassiker der Orgelmusik schlechthin. Johann Sebastian Bach, Toccata in d-Moll, BWV 565. Dieses Stück präsentiert uns Maria Düchler auf der Kirchenorgel. Mit viel Einfühlungsvermögen für ihr Instrument und unter Mithilfe der guten Akustik in Stockerau reichen die erste 7 sehr bekannten Töne, um alle 16 Besucher an diesem Abend sofort in ihren Bann zu ziehen. 

Auf das zweite Stück an diesem Abend, Praeludium und Fuga in E-Dur von Vincent Lübeck, war ich nach dem Lesen des Programms persönlich am meisten gespannt. Vincent Lübeck nahm Unterricht bei so namhaften Lehrern wie Schnitger in Hamburg und hatte selbst wieder enormen Einfluss auf Persönlichkeiten wie J.S. Bach.

Melitta Ebenbauer präsentiert uns dieses außergewöhnliche Stück und bringt die Orgel dazu, Phantasien und Emotionen in ihren Zuhörern zu wecken, wie ich es kaum je von Orgelmusik gehört habe. Die schnellen Wechsel von fröhlich und heiter zu dunkel und traurig sind gekonnt in Szene gesetzt. Die Zuhörer sind versunken in der Musik und in die vor dem inneren Auge gemalten Bilder und können so für den Moment komplett abschalten und nur der Musik lauschen.

Nach diesen beiden klassischen Stücken kommt nun das Akkordeon, gespielt von Frau Düchler, das erste Mal zum Einsatz. Sie präsentiert uns Uttlykt med Damcykel von L. Hollmer. Bei den ersten Tönen des Akkordeons schreckt vielleicht noch so mancher zusammen angesichts der ungewohnten und fremdartigen Töne. Doch mit den typisch nordischen Klängen, der guten Akustik und einer gekonnten Präsentation des Instruments und der schnellen Übergänge des Stückes ist es nicht verwunderlich, dass Frau Düchler ihr Publikum schnell auf ihre Seite zieht und die Köpfe und Füße im Takt mitwippen.

Als nächstes wird „Mozart changes“ von Z. Gardonyi präsentiert. Der berühmte und bekannte Ungar nahm sich Mozarts Klavierkonzert in D-Dur vor und bearbeitete es für die Orgel und hat es gleichzeitig modernisiert und aufgepeppt. Dies ist nun das erste Stück, das beide, Düchler und Ebenbauer, Akkordeon und Orgel, präsentieren. 

Als fünftes Stück des Abends spielt Frau Ebenbauer eine von V. Bräutigam überarbeitete Version des Kirchenliedes „Nun freut euch, liebe Christen’gmein“. Die Sopranistin Olga Shenderman beginnt das Stück mit einem Solo-Gesang. Ihre unglaubliche Stimme in Verbindung mit der tollen Akustik unserer Kirche macht Gänsehaut! Dann setzt das Orgelspiel ein und präsentiert uns Bräutigams Interpretation. Gleichzeitig führt uns Frau Ebenbauer vor, was ein guter Spieler mit unserer tollen Orgel für ein breit gefächertes Repertoire erklingen lassen kann, denn Bräutigams Interpretation hat einen deutlichen Jazz-Einschlag. 

Im sechsten Stück, A. Pizzollas „Liber Tango“ und „Novi Tango“, das von vielen mit Spannung erwartet wurde, erklingen wieder Akkordeon und Orgel gemeinsam. Man kann sofort die deutlichen Tango Argentio-Klänge vernehmen, und so verwandeln sich bildlich Akkordeon und Orgel zu einem eng umschlungen tanzenden Pärchen, das federnd und wiegend auf der Straße in Boenos Aires tanzt- die beiden Instrumente verschmelzen in völliger Harmonie und werden gemeinsam zu etwas viel größerem. Diese Stück war das absolute Highlight des Abends.

Das nächste, weitgehend unbekannte Stück „In dich hab ich gehofft, o Herr“ von J. N. David beginnt wieder mit einer Solo-Einlage der Sopranistin, welche abermals Gänsehaut hervorzaubert. Das Stück selbst präsentiert Frau Ebenbauer auf der Orgel, und es wirkt im Vergleich zum vorigen Stück bleiern und trübsinnig. Doch dann wird es schneller und wird versöhnlich, ganz als wollte uns J. N. David das Bild eines klagenden Betenden beschreiben, der am Ende seines Gebetes mit sich Frieden geschlossen hat, nun da er seine Sorgen und Nöte Gott dem Herrn geklagt hat. So wird die Orgelmusik selbst zu einem Gebet und Ausdruck sowohl für Sorgen als auch für den Frieden.

Als Ausdruck von innerem Frieden und Freude kann man auch das nächste Stück bezeichnen. Frau Düchler präsentiert uns „The Klezmer’s Freilach“, wobei Freilach mit glücklich zu übersetzen ist. Das tolle Publikum heute Abend erkennt das sofort und wippt wieder spontan mit. 

Was Josef Rheinberger für eine Vision im Kopf hatte, als er das folgende Stück schrieb, weis man nicht. Der größten Erfolg hatte „Vision op. 156/6“ wohl in Amerika, wo es häufig in Konzerten gespielt wird. Dieses Stück ist durchaus als fröhlich und romantisch zu bezeichnen; gut, dass unsere Orgel auch solche Klänge zur Verfügung hat, ein Vorteil der Digitalorgel. 

Zum Schluss spielen uns Düchler und Ebenbauer den 3. und 4. Satz der Sonate Nr. 1 in f-Moll von Felix Mendelssohn Bartholdy. Auch diese beiden Sätze seiner Orgelsonate erzählen eine Geschichte. So plaudern anfangs noch 2 Stimmen, Akkordeon und Orgel, recht fragend und traurig miteinander, so werden sie doch immer öfter von prächtigen Klängen unterbrochen. Schließlich löst sich aller Zweifel im prächtigen letzten Satz der Sonate auf, aus der die Orgelstimme alleine hervorgeht, regelrecht jubelnd und triumphierend. Der Sieg über Verdruss und Zweifel, über Klagen und Raunzen, malt ein überschwängliches und überquellendes Bild der Freude.

Claudia Lambeck

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