Indien, mein Indien

Liebe Leserin, lieber Leser, wenn Sie einen kurzen, sachlichen Artikel erwarten, sollten Sie gleich auf die nächste Seite weiterblättern – das wird jetzt ein längerer, sehr persönlicher Bericht. Ich kann über Indien nicht anders schreiben, denn es hat mich vollkommen überwältigt, gefangen, fasziniert, erschreckt, begeistert.
Doch alles der Reihe nach.

Der Beginn der Reise

Am 21. September brechen 36 Menschen zur Gemeindereise der evangelischen Pfarre Stockerau nach Indien auf. Eine spannende Truppe – verschiedenste Altersstufen, aus diversen Wohnorten in Niederösterreich, Wien, sogar Deutschland, mit unterschiedlichsten Berufen und Interessen. Organisiert und begleitet wird die Reise von Martin Lauermann (Raiffeisen-Reisen) und von Pfarrer Christian Brost.

Nach dem völlig problemlosen Flug die erste Überraschung: Das Flugzeug landet etwa eine halbe Stunde vor der geplanten Ankunftszeit. War da nicht was mit Unpünktlichkeit? Aber gut, wer zu früh kommt, ist auch unpünktlich… Jedenfalls werden wir pünktlichst von unserem jungen indischen Reiseführer Sahiil am Flughafen abgeholt. Er wirkt gleich sehr souverän und sympathisch auf uns und wird einen wesentlichen Anteil am Gelingen der Reise haben. Die Temperatur in Delhi liegt bei ca. 30 Grad, das wird auch die ganze Zeit zumindest tagsüber so bleiben. Dazu ist es schwül, was einigen aus unserer Gruppe ziemlich zu schaffen macht. Sahiil bring uns zum Bus, der für uns in den nächsten acht Tagen nicht nur zum Transportmittel, sondern auch zum kühlen Zufluchtsort, zum fahrenden Kino und zur Labestation werden soll. Ein Begleiter fährt die ganze Zeit mit uns und hält stets kühle Wasserflaschen und eine kleine Treppe zum Aussteigen bereit.

Im ersten Restaurant beginnt gleich das kulinarische Abenteuer mit würzigen Gemüse- und Linsengerichten, Chicken Curry, Basmati-Reis und Naan, dem köstlichen, meist ganz frisch gebackenen indischen Fladenbrot. Für die meisten von uns Österreichern und Deutschen ist die Schärfe der indischen Gerichte eine Herausforderung und einer der wichtigsten Sätze der nächsten Tage lautet „Is this really not spicy?“ Zur Sicherheit haben wir Hochprozentiges mitgebracht – natürlich nur zur Desinfektion.

Qutub

Nach der Stärkung und dem Einchecken im sehr gut ausgestatteten Hotel geht es zur ersten Besichtigung in Delhi, dem Qutub Komplex. Es handelt sich dabei um ein riesiges Gelände, auf dem sich die Ruinen mehrerer historischer Tempel, die älteste Moschee Indiens, eine der weltweit ältesten Säulen aus Metall und ein Minarett aus dem 13. Jahrhundert befinden.

Wow, ich bin schwer beeindruckt. Indien, dort gibt’s doch Slums und Armut und … ja, was eigentlich noch? Zum Beispiel freundliche Menschen in wunderschönen bunten Gewändern ohne Berührungsängste, die uns genauso neugierig betrachten wie wir sie. Zum Glück haben wir unseren Reiseführer, der nicht nur gut Deutsch spricht und in historischen und religiösen Fragen äußerst bewandert ist, sondern auch ein großartiger Organisator ist. Er kennt überall die richtigen Leute, lotst uns an den Warteschlangen vorbei und findet in den Erklärungen und Einzelgesprächen zu jedem/jeder einzelnen von uns den perfekten Draht.

Mathura

Am nächsten Tag verlassen wir Delhi auch schon wieder und fahren mit dem Bus Richtung Mathura. Auf der Fahrt liest Pfarrer Christian Brost zu ersten Mal eine Bapu-ji Geschichte vor. Dabei handelt es sich um Auszüge aus einem Buch von Arun Gandhi, einem Enkel von Mahatma Gandhi. Die täglichen Geschichten werden uns im Laufe der Woche begleiten und sind eines der Elemente, durch die diese Reise nicht nur für mich so einzigartig wird.

Unser Ziel ist der Geburtstempel des Gottes Krishna. Das ist zwar nicht der einzige Gott der Hindus, da gibt es noch ein paar Millionen andere Götter, aber er ist wohl einer der wichtigsten. Wir sehen heilige Badestellen – genau, nächste Überraschung für mich, die gibt es nicht nur am Ganges, sondern auch an anderen Flüssen – Affen, geschmückte Kühe, Hunde, jede Menge Hindu-Priester und gefühlt eine Million indischer Pilger. In einem Tempel erleben wir eine Hare Krishna-Zeremonie, befremdlich und interessant zugleich für mich.

Anschließend besuchen wir noch den „Tempel der göttlichen Liebe“ auf Hindu „Prem Mandir“. Alle aktiven Tempel darf man in Indien nur ohne Schuhe betreten und so werden die Tempelsocken unsere ständigen Begleiter. Der Prem Mandir wird bei Dunkelheit spektakulär beleuchtet – wenn nicht gerade der Strom ausfällt. Auch das ist Indien. Dort sind wir übrigens anscheinend die einzigen Europäer unter Tausenden InderInnen, werden bestaunt und unentwegt um Selfies gebeten. Ich fühle mich fast wie ein Filmstar hier – aber so etwas wie Angst habe ich bisher noch nicht gehabt. Im Gegenteil, die Leute hier wirken extrem entspannt, ruhig und nett auf mich. Zudem lerne ich die Mitreisenden im Bus, beim Essen und während der Besichtigungen immer besser kennen, wir führen Gespräche, tauschen Erfahrungen aus, achten aufeinander im Gedränge – auch ein sehr schöner Aspekt dieser Gemeindereise.

Ein bisschen auf die Probe wird meine Gelassenheit am nächsten Tag gestellt, wo wir uns in der Altstadt von Mathura zu Fuß durch ein unfassbar dichtes Gedränge von Tuk-Tuks – die indischen Dreirad-Taxis – Autos, Menschen, Kühen bewegen. Das Ganze ist begleitet von einem permanenten Lärmgemisch aus Gehupe, Verkehrsgeräuschen und Stimmengewirr, die diversen Gerüchen habe ich da noch gar nicht erwähnt. So ungefähr habe ich mir Indien immer vorgestellt – und doch fühlt es sich dann ganz anders an, wenn man mitten drinsteckt.

Agra

Als größtmögliches Kontrastprogramm besuchen wir anschließend ein Mutter Teresa-Haus in Agra. Dort leben in einer wunderschönen, gepflegten, ruhigen Anlage etwa 80 Kinder und Erwachsene mit und ohne Behinderungen, mit und ohne Eltern und werden von den Schwestern und ihren Helferinnen versorgt. Ein sehr berührendes Erlebnis für uns alle.

Und wenn wir schon in Agra sind, können wir doch auch das Taj Mahal besichtigen, das sich dort befindet! Natürlich nicht, ohne auf der Fahrt dorthin eine Bapu-ji-Geschichte gehört zu haben. Dann stehen wir vor einem der berühmtesten Gebäude der Welt, das man von unzähligen Fotos kennt. Und nicht nur ich, alle Reisegruppenmitglieder sind überwältigt. Strahlend weiß, gigantisch groß und doch leicht und zart wie ein Scherenschnitt. Wir können uns kaum satt sehen an dieser einzigartigen Anlage, die zu Recht als architektonisches Wunder gilt.

Der Herrscher Shah Jahan, der das Taj Mahal als Grabmal für seine verstorbene Lieblingsfrau erbauen ließ, wurde später von seinem Sohn entmachtet und musste seine letzten Jahre als Gefangener im roten Fort verbringen. Das ist eine riesige Burganlage in der Nähe und mit Sicherheit das schönste Gefängnis, das ich je gesehen habe.

Fatehpur Sikri und Karauli

Nach den Besucherströmen in Agra besichtigen wir Fatehpur Sikri, eine verlassene Palaststadt zwischen Agra und unserem nächsten Ziel Karauli. Es ist scheint zunächst eine ruhige Besichtigung zu werden, doch nur so lange, bis uns die Verkäufer entdecken. Sie bieten Souvenirs aller Art an und der eine oder die andere werden auch schwach und kaufen etwas, natürlich nicht, ohne über den Preis zu verhandeln. Das muss man in Indien so machen. Ich mag das nicht und daher kaufe ich lieber nichts. Trotzdem werde ich von einem „engagierten“ Verkäufer von der Gruppe abgedrängt und bekomme erstmals ein etwas mulmiges Gefühl – jedoch nur so lange, bis ich dem Rat folge, den uns Sahiil schon im Bus gegeben hat. Einfach freundlich und bestimmt „Nein“ sagen, weitergehen, kein Interesse signalisieren. So schwer ist das ja gar nicht.

In Karauli erkunden wir einen Maharadscha-Palast, der für manche von uns das Highlight der Reise darstellt. Der riesige Komplex ist aus Stein gebaut und wirkt dennoch wie filigrane Holzschnitzerei. Die Anlage ist irgendwie symmetrisch und dennoch wie ein Labyrinth, und dass auch noch ein Sonnenuntergang den Besuch abschließt, macht es unvergesslich. Um die Romantik komplett zu machen, nächtigen wir in einem anderen Palast des Maharadschas, der mittlerweile als Hotel verwendet wird und seinen kolonialen Charme über Jahrzehnte bewahrt hat. Ja genau – ich hatte vor lauter indo-islamischer Pracht schon fast vergessen, dass Indien auch eine ehemalige britische Kolonie ist.

Jaipur

Den nächsten Tag verbringen wir in Jaipur, der Hauptstadt des größten indischen Bundesstaates. Mit Schrecken stelle ich fest, dass uns nur noch 3 Tage bleiben. Wie schnell die Zeit vergeht, wenn jeder Tag gefüllt ist mit unzähligen neuen Eindrücken! All diese Pracht, neben der Schloss Schönbrunn fast wie eine Hütte wirkt. All die Menschen – Wien ist dagegen ja fast ausgestorben. Der Lärm, die Gerüche, das Klima, das Essen – alles anders. Aber ich vertrage es erstaunlich gut und es gefällt mir. Man muss nur die europäische Brille abnehmen und darauf verzichten, die Dinge zu bewerten. Die meisten aus unserer Gruppe sind ähnlich fasziniert, obwohl es auch ein paar kleinere gesundheitliche Probleme gibt, aber zum Glück nichts Dramatisches.

Wir fahren durch die „Pink City“, die rosa bemalte Altstadt von Jaipur und machen einen Ausflug zum Amber Fort. Nach einem Ritt auf einem Elefanten gelangen wir in eine weit sich über einen Hügel erstreckende Burganlage. Bei deren Besichtigung ist es dann endgültig um mich geschehen. Die Schönheit des Spielgelpalastes, ein mit einer Unzahl kleinster Spiegelteilchen und Edelsteinen verzierter Raum, treibt mir die Tränen in die Augen. Ich muss im früheren Leben eine Inderin gewesen sein …

Was wir in Jaipur sonst noch sehen, ist auch nicht übel: Ein Tempel aus dem 15. Jahrhundert, in dem ein alter Priester lebt, eine astronomische Sternwarte aus dem 17. Jahrhundert mit einer Sonnenuhr, die die Zeit auf 2 Sekunden genau misst, der Stadtpalast mit einem Museum voller kostbarer Gewänder und Gegenstände des Maharadschas Jai Singh und den weltberühmten Palast der Winde.

Zurück nach Delhi

An unserem vorletzten Tag steht die mehrstündige Rückfahrt nach Delhi auf dem Programm. Zum Glück gibt es eine Bapu-ji Geschichte und ausführliche Erklärungen von Sahiil, der uns wie jeden Tag mit Informationen über Geschichte und modernen Alltag in Indien versorgt. Und es gibt im Vorbeifahren genug zu sehen: Zuckerrohrplantagen, Reis- und Hirsefelder, Kamelherden, bunt gekleidete Menschen mit unglaublichen Lasten auf dem Kopf, … incredible India, nie langweilig. In Delhi angekommen besuchen wir zunächst das Gandhi-Museum. In diesem Gebäude verbrachte die „große Seele“ die letzten Tage seines Lebens und dort wurde er auch ermordet. Schon wieder ein zutiefst bewegender Eindruck. Anschließend sehen wir noch die größte Moschee Indiens, Jama Masjid und fahren durch das Regierungsviertel mit imposanten Gebäuden. Und dann naht endgültig der Abschied vom Land und von unserem großartigen Reiseführer. Sahiil wird sowohl von Martin Lauermann als auch von Pfarrer Christian Brost gebührend gewürdigt und unter tosendem Applaus und der einen oder anderen Träne von uns verabschiedet. Auch darin drückt sich aus, was für ein einzigartiges Erlebnis diese Reise für unsere ganze Gemeinschaft war.

So vieles hätte ich noch zu erzählen über dieses Land voller Fremdheit – schöne und abstoßende Erlebnisse, Erstaunliches und irgendwie Vertrautes, Erfahrungen mit einer ganz besonderen Spiritualität der Menschen, mit nie gesehenen Alltagsszenen, mit dem Leben in seiner ganzen Vielfalt.

Ich weiß nicht, ob Ihnen jetzt klar ist, wie Indien für mich war. Es ist mir selbst ja auch noch nicht völlig klar. Sicher ist für mich nur eins: Ich will dort wieder hin.

Christine Andel

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