Kolumne „Gott und die Welt“

Aufgrund des Einsatzes meiner beiden Vorgänger Hellmut Santer und Paul Weiland ist es gelungen, die evangelische Kirche als Teil der Öffentlichkeit zu etablieren. Es gehört dazu, dass Repräsentanten der evangelischen Kirche bei wichtigen Ereignissen anwesend sind. Insbesondere bei Eröffnungen („Segnungen“) besteht auch die Chance, mit einigen Minuten Redezeit etwas Hilfreiches oder Merkenswertes über Gott und das Leben zu sagen. Sowohl Präsenz zu zeigen als auch von Zeit zu Zeit einen Wortbeitrag zu haben, ist viel wert. Ich bin sicher, die Termine sind sinnvoll und lohnenswert. Umgekehrt frage ich aber, was sich Veranstalter von der evangelischen Präsenz erwarten? Sind wir Teil des Bühnenbildes? Oder wird ein (ggf. auch kritischer) Beitrag erwartet oder zumindest in Kauf genommen?

Ungeklärt ist für mich die Frage, wie mit der schiefen Situation umzugehen ist, dass Evangelische als viertgrößte Religionsgemeinschaft eingeladen werden – die zweit- und drittgrößten, also Muslime und Orthodoxe, aber nicht. Nehmen wir als Evangelische die derzeitige Situation als Glücksfall hin? Oder erklären wir uns mit Muslimen und Orthodoxen solidarisch und akzeptieren Einladungen nur mehr, wenn auch sie eingeladen sind? Von politischer Seite orte ich große Hilflosigkeit, wie mit der religiös bunter werdenden Gesellschaft umzugehen sei.

Ein besonderes Ereignis war in diesem Zusammenhang der Pfarrgemeinderats- und Gemeindevertretungstag, zu dem die Landeshauptfrau Anfang November eingeladen hat. Ja, es war ein Akt der Wertschätzung, für 2000 Menschen einen lustvollen Nachmittag und Abend zu gestalten. Und ja, es war ein Akt der Selbstvorstellung der Landeshauptfrau 2½ Monate vor der Wahl. Viele haben den Tag genossen, manche waren darüber entsetzt. Wenn wir als Evangelische in der Öffentlichkeit präsent sind, wird uns wohl auch in Zukunft ähnliches begegnen: Situationen, in denen man nicht genau weiß, ob man gerade wertgeschätzt wird oder man gerade nützlich ist.

SI Lars Müller-Marienburg

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