Geistliches Wort zum Reformationsjubiläum

Wenn wir in diesem Jahr das 500. Reformationsjubiläum feiern, laufen wir Evangelischen immer Gefahr zu betonen, woGEGEN die Reformatoren ihre Stimme erhoben haben.

Auch wenn es durchaus einiges gab, wogegen sie zu Recht (in manchen Fällen womöglich auch zu Unrecht) aufbegehrt haben, kann es für uns fünf Jahrhunderte später nicht genügen, einer Konfession anzugehören, die sich nur durch den Protest gegen etwas anderes definiert. Denn erstens ist die Rolle einer Opposition aus Prinzip unerfreulich, unsympathisch und humorlos. Und zweitens ist es gefährlich, nur gegen etwas zu sein. Denn auf diese Weise verliert man die Existenzberechtigung, wenn einmal alle Missstände abgestellt sind, die man angeprangert hat. (Oder noch schlimmer: Man möchte insgeheim, dass die Missstände bestehen bleiben, damit es einen weiterhin geben kann.)

Natürlich gibt es unzählige Dinge, woFÜR die Reformatoren vor 500 Jahren und wir Evangelischen von heute sind. Ganze Bibliotheken voller Bücher der evangelischen Theologie und des evangelischen Glaubenslebens wurden geschrieben, die ja zum allergrößten Teil von dem handeln, wofür wir sind. Aber wenn wir schnell gefragt werden, worum es bei der Reformation ging, reden wir meist nicht von den komplizierten Gedankengängen des evangelischen Glaubens, sondern sagen wir doch immer wieder: Es ging damals gegen Papst und Kaiser.

Ich habe mir angewöhnt, eine andere Zusammenfassung der Reformation und des evangelischen Glaubens zu nennen. Sie lautet: Wir sind für Gott und für die Menschen. Das hört sich etwas banal an und ist ehrlich gesagt nicht ursprünglich evangelisch, sondern stammt aus dem Mund von Jesus selbst (Mt 22,37-40). Evangelisch ist für mich aber der Umgang damit. Es geht darum, kritisch andere zu befragen: Geht es bei dem, was ihr tut und wie ihr es tut, um Gott und um die Menschen und ihr Wohl? Das haben die Reformatoren getan – und wir tun es bis heute, wenn wir uns in die Diskussionen der Ökumene und der Öffentlichkeit einbringen. Evangelisch ist aber noch viel mehr, dass wir uns selbst kritisch hinterfragen. Denn wie jede Organisation sind auch die evangelischen Kirchen nicht davor gefeit, sich doch wieder um sich selbst, um das eigene Ansehen, um finanzielle Interessen, um die Macht als Organisation oder um die Macht einzelner Personen zu kümmern. Evangelisch ist, dass wir uns selbst an unseren Ansprüchen messen und messen lassen – und uns immer wieder fragen: Ist das, was wir tun und sagen, gut für Gott und die Menschen? Deshalb entscheiden wir manches neu und in anderen Fällen verändern wir auch einmal getroffene Entscheidungen, wenn erkennen, wie es eigentlich ginge, wenn wir Gott und die Menschen in den Mittelpunkt stellen.

SI Mag. Lars Müller-Marienburg

Dieser Beitrag wurde unter Geistliches Wort veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.