Studientag „Gesetz oder Evangelium?“

Der Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit und die Evangelische Pfarrgemeinde Stockerau luden zu einem Studientag ein, der das – vermeintliche – Gegensatzpaar „Gesetz“ und „Evangelium“ thematisierte.

Regeln und Selbstregulierung

Aber alles der Reihe nach! Am Sonntag um 10 Uhr feierten wir einen Gottesdienst, den Yasuko Yamamoto mit der Fantasie in g-moll von J.S. Bach ganz wunderbar eröffnete.

In der Predigt machte erstmals Thomas Hennefeld, Superintendent der Evang. Kirche H.B., das Spannungsverhältnis von Gesetz und Evangelium anhand eines anschaulichen Beispiels aus dem Straßenverkehr zum Thema: Was, wenn eine Verkehrsampel an einer Kreuzung ausfällt und die Verkehrsteilnehmer den Verkehr unter Rücksichtnahme auf die anderen selbst zu regeln beginnen – und andererseits, wenn ein mit Sprengstoff besetzter LKW unter Mißachtung des Nächsten und jedes Gesetzes in eine Menge rast? Regeln: es gibt sie aus gutem Grund, sie sind notwendig, wir fordern ihre Einhaltung etwa auch von Asylwerbern ein …

In der (Kirchen-)Geschichte gab es über viele Jahrhunderte hinweg – und teilweise bis heute – die viel zu oberflächliche, ja: schlichtweg falsche Zuordnung von Gesetz = rächender Gott = Altes Testament und Evangelium = gnädiger Gott = Neues Testament. Daraus entwickelte sich der Antijudaismus, der (auch) Luther prägte. Doch immer wieder gab es auch Theologen, die sich dieser Sichtweise widersetzten. Einer von ihnen, Kurt Müller, hat 1944 in Stuttgart (!) gepredigt, dass „das Heil von den Juden komme“ und das Licht Gottes hell genug für Juden und (!) Christen sei. Es war schön, ja bewegend, als die Tochter von Kurt Müller im Gottesdienst einige Worte über ihren Vater an uns richtete.

Hennefeld entwickelte seine Predigt bis hin zur Vision einer Gesellschaft, die einerseits viele Regulierungen gar nicht benötigt, in der sich aber andererseits Menschen aufgerufen wissen zu handeln, wenn Gesetze mißbraucht werden. Gesetz UND Evangelium – das könnten die Leitplanken unseres Handelns sein.

Das verlorene Befreiungsgefühl

Am Abend hielt die evangelische Theologin Barbara Rauchwarter den Einführungs-Vortrag zum Studientag. Sie hob u.a. den biographischen Aspekt hervor, dass Luther das befreiende Erlebnis der Rechtfertigungslehre in seinem eigenen Leben immer mehr verlor, als er selbst immer kränker wurde und schmerzliche Verluste in seiner Familie zu beklagen hatte. Auch sei seine Enttäuschung darüber, dass seine Erkenntnis der Gnadengerechtigkeit keineswegs die Juden veranlasste, sich zum Christentum zu bekehren, in Zorn bis Hass umgeschlagen.

Pfarrer Christian Brost und Kurator Gert Lauermann wiesen in ihren Ansprachen auf die im Anschluss eröffnete Ausstellung „Luther und die Juden“ hin, die einige Mitglieder unserer Gemeinde vor zwei Jahren in Salzburg besuchten und die wir um neue bzw. angepasste Rollups ergänzten, um auch Einblick auf das gegenwärtige Aufeinander-Zugehen von Christen und Juden zu geben und den Auftrag für die Zukunft zu formulieren.

Gesetz als Geschenk

Den Studientag am Montag eröffnete Oberrabbiner Arie Folger mit einem Vortrag, der den negativen, einschränkenden Beigeschmack von (religiösen) Gesetzen – zumindest aus jüdischer Sicht – auflöste.  Gesetze, Pflichten werden als etwas Besonderes, als Geschenk, als etwas grundsätzlich Gutes gesehen. Gott benötige nicht die Erfüllung von Geboten, sondern er habe diese den Menschen als Geschenk gegeben, um durch sie eine Richtschnur für ein rechtes, gelingendes Leben zu erhalten. Es sei leichter und besser, von verbindlichen Pflichten geleitet zu werden, als auf (völlige) Freiwilligkeit (Beliebigkeit) zu setzen.

Für Oberrabbiner Folger war es auch wichtig zu betonen, dass das Judentum keine missionarische Religion ist. Die Auserwählung Israels mache die Juden zu einem „Reich der Priester“, einem Art Modellbeispiel für die Welt (Folger sprach vom erwählten Volk als „Marketingagentur“). Nicht sollen alle Menschen Juden werden, sondern sie sollen dem guten Beispiel der Juden folgen. Daraus erwachse  dem Judentum die große Verantwortung, den Anforderungen dieses Modellbeispiels gerecht zu werden.

Wir brauchen Gesetze!

Die evangelische Theologin Annette Schellenberg wies, ähnlich wie Oberrabbiner Folger zuvor, auf den oft negativen Beigeschmack von „Gesetz“ hin, das die persönliche Freiheit (des Handelns) einschränke. Dem gegenüber sei allgemein anerkannt, dass Gesetze die Ordnung aufrecht erhalten, dass sie Schwächere vor Stärkeren schützen sollen, kurz: dass wir Gesetze brauchen. Gottes Gesetze seien also als Weisungen zu verstehen.

Die Begriffe „Gesetz“ und „Evangelium“, so führte Schellenberg weiter aus, seien keineswegs jeweils einem der beiden Testamente allein zuzuordnen. Bei weitem sei es nicht so, dass das Alte Testament nur einen zornigen und das Neue nur einen gnädigen Gott kennen würde. So habe in den Gnadenformeln des Alten Testaments der gnädige Gott ein starkes Übergewicht gegenüber seinem Zorn. Dass beide Aspekte auftreten können, zeige einerseits die Vielschichtigkeit des Alten Testaments, andererseits müsse nicht jedes vermittelte Gottesbild meinem persönlichen entsprechen.

Gesetz wegen/als/oder/trotz Evangelium

Das Gesetz, so folgerte Schellenberg, sei ein Gnadenakt Gottes an den Juden, und weil Gott Israel erwählt habe, sei er mit ihm besonders streng. Gesetz sei mit Evangelium (Frohbotschaft) gleichzusetzen, wenn man etwa an das Gebot des Schuldennachlasses alle 7 Jahre denke.

Auch wenn die Menschen das Gesetz nicht immer einhalten könnten, sei Gott immer wieder gnädig. Der Zorn Gottes behalte nicht das letzte Wort, sondern die Menschen seien zur Umkehr aufgefordert.

Interreligiöse Annäherung

Im Anschluss an die Vorträge sowie in den Workshops am Nachmittag war genug Raum für Diskussionen, die zum Teil auch schon so manches „Aha-Erlebnis“ des zuvor Gehörten zum Ausdruck brachten. Vorträge und Gespräche vermittelten den Teilnehmern des Studientags ein tieferes Verständnis der christlichen wie jüdischen Sichtweise auf das (vermeintliche) Gegensatzpaar „Gesetz“ und „Evangelium“ und ermöglichten so im interreligiösen Dialog einen gelungenen Schritt aufeinander zu.

Andreas Andel

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