Die „Reformation“ der eingeprägten Vorstellungen

Reisen verändert vielfach ganz entscheidend unseren Blick. Wer eine Reise ins Heilige Land, an die Stätten der Bibel macht, muss tief eingeprägte Vorstellungen meist gründlich revidieren. Wer die Städte der Reformation in Sachsen und Thüringen besucht, dem wird es ähnlich ergehen. Wer noch dazu als Katholik und Pfarrer solch eine Reise miterlebt, muss seine eingeprägten Vorstellungen einer gründlichen „Reformation“ unterziehen.

Diese Reise mit der evangelischen Gemeinde Stockerau mitzumachen, war eine last-minute-Entscheidung. Danke, dass ich als spät entschlossener Katholik so selbstverständlich und freundlich aufgenommen wurde. Danke für diese herzliche Reiseatmosphäre. Danke, dass wir gegen alle Wettervorhersage in diesen 4 Tage trocken, wenn auch ein wenig abgekühlt, geblieben sind. Umso dankbarer waren wir für die Sonnenstrahlen an den ersten beiden Tagen. Danke für die kürzeren, aber auch längeren Gespräche über Fragen der Bibel, der kirchlichen Praxis und auch über manche sehr persönliche Dinge. Danke für die umfassende Reiseleitung: Martin Lauermann, Pfarrer Christian Brost und Kurator Gert Lauermann.

Es fällt mir schwer einzelne Dinge hervorzuheben, die mich ganz besonders beeindruckt haben. Die Fülle des Gehörten und Gesehenen muss ich erst langsam in der Nacharbeit in kleine Portionen zerlegen. Am 1. Tage nach der vielstündigen Anfahrt durch das frostige Tschechien hat sich mir die Lutherstadt Wittenberg in völlig anderer Gestalt gezeigt, als ich sie von der Literatur her zu kennen meinte. Und das, obwohl ich schon sehr viel über Luther und seine Katharina gelesen habe. Die stattliche Häuserzeile zwischen der Schlosskirche und dem schwarzen Kloster, der späteren Wohnstätte der Großfamilie Luther, war eine erste „Reformation“ der Bilder, die ich im Kopf hatte.

Der 2. Tag brachte uns nach Eisleben, den Geburts- und auch Sterbeort von Martin Luther. Hier faszinierte mich ganz besonders die restaurierte Taufkirche Marin Luthers. Hier spürte ich die ökumenische Weite durch die Verbindung des alten Ortes mit der Neugestaltung des kirchlichen Innenraumes: da sind die beiden Tauf-Orte, der überarbeitete Taufstein, an dem Martinus getauft wurde, und das große in den Fußboden eingelassene Taufbecken und das den Wellen des Wassers nachempfundene Muster am Fußboden; und die aus edlen Hölzern gefertigten Bänke, der Ambo (Verkündigungsort) und der Altar. Das alles bildet für mich, der mit Kirchenraumgestaltung doch schon einige Erfahrung hat, eine beglückende Bereicherung. Ein historischer Kirchenraum wurde souverän mit Neuem zu einer stimmigen Komposition verbunden.

Weiter ging es nach Weimar, die Stadt der deutschen Dichterfürsten Goethe und Schiller. Gerade hier war ich neuerlich beeindruckt von der Art, wie uns die Dame führte. Durchwegs waren unsere Guides ein zusätzliches Geschenk der Reise: äußerst kompetent, humorvoll, die Dinge auf den „Punkt“ bringend.

Der kühle Samstag brachte uns in die Hauptstadt Thüringens, nach Erfurt. Nach einer kurzen Stadtführung gab es die wesentlichen Pole zu erleben: das Augustinereremitenkloster, in das der junge Luther eintrat, und der katholische Dom auf der anderen Seite der Altstadt. Im historisch erhaltenen Kapitelsaal des Klosters feierten wir Abendmahl-Eucharistie, eine ganz besondere Stunde für unsere Reisegesellschaft. Im riesigen Dom auf dem Berg erwartete uns der Obersakristan der Bischofskirche und brachte in seinen Ausführungen alles auf den „Punkt“.

Zwei katholische Bischöfe dieser Stadt aus den letzten Jahrzehnten sind mir aus der liturgischen Literatur besonders wichtig geworden: Hugo Aufderbeck und Joachim Wanke. Letzterer wurde mit seinen ungewöhnlichen Pastoralmethoden im atheistischen Umfeld weit über seine Diözese hinaus bekannt und auch vielfach nachgeahmt.

Die letzte Station vor der Heimreise am 4. Tag war die Wartburg. Hier lebte Elisabeth von Thüringen, die eine konfessionsübergreifende Gestalt geblieben ist. Hier befindet sich Martin Luthers „Schutzexil“, wo er in ganz kurzer Zeit das Neue Testament aus dem Urtext, dem Griechischen, in eine deutsche Sprachform übersetzte, die unser heutiges gemeinsames Deutsch als Hochsprache geprägt hat.

Danke auch für das viele, das uns Christian Brost vorausschauend und nacharbeitend auf den langen Busfahrten erzählt hat. Für mich darf ich das Resümee aus dieser Lutherfahrt etwa so ausdrücken: Die vielen neuen Eindrücke, die geänderten Ein- und Ansichten haben mich in meiner ökumenischen Grundeinstellung befruchtet, bestärkt und mit neuer Sicherheit beschenkt. Meine Sehnsucht nach der „versöhnten Verschiedenheit“ der Konfessionen ist weiter gewachsen.

Franz Forsthuber, emeritierter katholische Pfarrer

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