Projekt „Sprachrohr“

 

Mehr als 4.000 junge Menschen sind es, die es derzeit aus Krisen- und Kriegsgebieten zu uns nach Österreich verschlagen hat, oder korrekt: die sich unter Lebensgefahr bis hierher durchgeschlagen haben – junge Menschen, die illegal, das heißt, ohne Erlaubnis Grenzen überschritten haben, Grenzen überschreiten mussten, um halbwegs reale Überlebenschancen zu haben.

Das Haus Ibrahim in Stockerau hilft seit über einem Jahr Dutzenden Jugendlichen aus Afghanistan, Syrien, und Somalia – Hilfe im Sinne von: ein Dach überm Kopf, ein Bett, Essen und Betreuung. Betreuung, das heisst da zu sein, so wie gute Eltern da sind und sich sorgen. Nämlich, sich auch um all die Bedürfnisse zu sorgen, die neben den materiellen auch befriedigt werden müssen; etwa: Bildung und Unterstützung die Zukunft betreffend. Wenn es zum Beispiel um einen gesicherten Aufenthalt und um Maßnahmen zur Integration geht. Aber auch sich sorgen um die seelischen Belange dieser Jugendlichen, um ihre Ängste und Nöte im Zusammenhang mit den zurückgelassenen Familien, Sorgen um die psychischen Verletzungen, die Terror und Flucht, aber auch der Kulturschock des Ankommens ausgelöst haben.

Der Verein Vor_allem_Mensch-Punkt, eine Initiative der katholischen und der evangelischen Kirche sowie der islamischen Glaubensgemeinschaft, die die Initiatoren des Hauses Ibrahim sind, wollten auch auf diese seelischen Nöte Antwort geben. Antwort durch ein psychotherapeutisches Angebot.

Sissy Hanke, ein Vorstandsmitglied des Vereins, ist Psychotherapeutin: was lag daher näher, als bei befreundeten Kollegen anzufragen, ob sie sich nicht vorstellen könnten…

Über drei Jahrzehnte Erfahrung im sozialpädagogischen Beratungsfeld führten zu einem, wie ich hoffte, maßgeschneiderten Angebot für die spezifischen Bedürfnisse und Erfordernisse dieser Jugendlichen, aber auch für die Anforderungen einer Gesellschaft wie der österreichischen an diese Jugendliche.

So entstand das Projekt „Über-setzen“ im Rahmen einer Fördermaßnahme durch Spenden der Stockerauer Festspiele namens „Sprachrohr“.

Die Idee eines niederschwelligen Angebots wurde entwickelt, das im Überlappungsgebiet von sozialpädagogischer Intervention und therapeutischer Hilfestellung angesiedelt sein sollte.

Statt Einzelkontakten sollte einerseits das Potential der Gruppe genutzt werden, aber es sollten auch emotionale Rückzugsräume geschaffen werden, wie es durch die Anwesenheit anderer leichter möglich ist.

In der Person von Zohreh Pahlavani, einer iranischen Sozialarbeiterin, die seit über dreissig Jahren in Österreich lebt und arbeitet, war die ideale Person und Kollegin für diese Aufgabe gefunden. Und es gab das Angebot der Evangelischen Kirche, diese Veranstaltungsreihe in ihren Seminarräumlichkeiten abhalten zu dürfen.

Eine Gruppe von 12 jungen afghanischen Geflüchteten kam im November 2016 und im März 2017 an jeweils fünf Nachmittagen in ein- bis zweiwöchigem Abstand mit uns zusammen und erlebte ganz offensichtlich eine für sie neue Form des Lernens. Bei aller Ernsthaftigkeit unserer Anliegen war es uns auch wichtig, Humor und Leichtigkeit in der Gruppenatmosphäre Raum zu geben, und es zeigte sich, dass die durch ihre Lebenssituation schwer belasteten Jungen dabei mit ihrem Temperament maßgebliche Unterstützung boten.

Erste Kulturschocks, wie die Existenz eines Schwimmbads für Männer UND Frauen, oder die Überraschung und das Unverständnis darüber, dass ein Polizist bei einem Fahrrad – am helllichten Tag! – das Fehlen einer Lichtanlage moniert, wurden erzählt. Aber auch, dass im Rahmen einer erweiterten Vorstellrunde die Frage gestellt wurde, ob sie jemals die Eltern, die ihnen ihre Namen gegeben hatten, gefragt hätten, warum sie ausgerechnet DIESE Namen bekommen hätten, war kaum nachvollziehbar.

Wir zwei TrainerInnen haben viel bei unserer Arbeit mit den Jugendlichen erfahren, viel Neues gelernt und sind durch positive Rückmeldungen und unmittelbare Reaktionen überzeugt, etwas beigetragen zu haben, um den Fragen und Konflikten etwas entgegenzusetzen, die sich ergeben, wenn unterschiedliche Erfahrungen, unterschiedliche Haltungen und Wertvorstellungen aufeinandertreffen.

Wir haben miteinander geredet, gespielt, gewerkt, gelacht und geweint. Wir haben miteinander ein Abschlussfest veranstaltet, Gäste eingeladen, miteinander gegessen, getrunken und getanzt.

Und wir haben den Jugendlichen Teilnahmebestätigungen und Zeugnisse verliehen für ihre Teilnahme an diesem Bildungs- und Integrationskurs.

Wir haben uns kennengelernt, und wir haben hoffentlich den folgenden Satz aus „Harold & Maude“ ein Stück weit verwirklichen können:

„Was die Welt braucht, sind keine Mauern, sondern Zugbrücken, die man runterlässt.“

Toni Smolka

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