Gottesbegegnungen an ungewöhnlichen Orten

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Es war ein Tag besonderen Gäste, diese Tagung der niederösterreichischen Lektorinnen und Lektoren. Als Überraschungsgast kam unser neuer Superintendent Lars Müller-Marienburg, der nicht nur durch die persönliche Begrüßung jedes einzelnen Teilnehmers, sondern auch durch seine ganztägige Teilnahme ein Zeichen der Wertschätzung für diese ehrenamtliche Tätigkeit setzte. Freilich zahlte sich das auch für ihn aus, denn der zweite Gast – und auf den freuten sich alle, die ihn schon kannten – war Wilhelm Bruners.
Unser Pfarrer und NÖ Lektorenleiter Christian Brost stellte Bruners als seinen Lehrer, Mentor und Freund vor – einen katholischen Pfarrer, der viele Jahre in Israel verbrachte und auf ein reiches Leben theologischer Lehre, Arbeit und Begleitung zurückschauen kann. Beeindruckend, wie sehr er bei scheinbar jedem (theologischen) Thema aus dem Vollen schöpft, aber auch, wie er die große Schar seiner Zuhörer in seinen Bann zieht (meine Sitznachbarin meinte am Ende der Tagung: „Am liebsten würde ich ihm gleich noch fünf Stunden zuhören“).

Das Thema der Tagung war „Gottesbegegnungen an ungewöhnlichen Orten“. Der brennende Dornbusch, in dem Gott Moses begegnet – die wohl bedeutendste Gotteserfahrung des jüdischen/christlichen Glaubens – ist so ein ungewöhnlicher Ort. Ungewöhnlich war er ganz sicher schon für Moses selbst: Ihm, dem ägyptischen Königssohn, begegnet Gott in einem niedrigen, dornigen Strauch. Gott spricht aus diesem Strauch, er erniedrigt sich somit und macht einen „niedrigen“ Ort zu einem heiligen, an dem Moses aufgefordert wird, seine Schuhe auszuziehen. Der brennende Dornbusch ist ein für Gott unwürdiger Ort. Gott offenbart sich dadurch als ein Gott, der solidarisch ist mit den Menschen – mit dem Volk Israel, das sich wie der Dornbusch in der ägyptischen Gefangenschaft niedrig und unwürdig fühlen musste.

Gott im Dornbusch ist aber auch ein Gegenbild zu einem Gott im königlichen Palast. Die templischen Traditionen, wo die Vorhalle (Pro-Fanum) vom allerheiligsten Ort (Fanum) streng getrennt und letzerer nur einmal im Jahr vom obersten Priester betreten werden durfte, waren Moses vertraut. Jetzt erfährt er, dass wir in kirchlichen Inszenierungen einem Gott, der uns im Dornbusch erscheint, gerade nicht gerecht werden.

Dennoch: Das Spannungsverhältnis zwischen religiöser Inszenierung (Tempel) und dem Wort allein (Gott im Dornbusch) bleibt bestehen – und das ist auch notwendig, denn einen Verabsolutierung des Wortes führt direkt in den Fundamentalismus. Diesen Fundamentalismus vertreibt Jesus aus der Synagoge als unreinen Geist (die Geschichte der kanaanäischen Frau). Fundamentalismus – das ist ihm wesensimmanent – macht Angst. Die Pharisäer werfen Jesus vor, den Sabbat nicht zu heiligen; für Jesus aber bedeutet der Sabbat Befreiung, Durchatmen, Erleichterung, also das Gegenteil von Angst.

Und das war wohl so etwas wie die „hidden agenda“ im Vortrag Bruners, nämlich die Entwicklung eines Gottesbildes von der inszenierten Trennung (Pro-Fanum) hin zu einem befreienden, befreiten Gottesbild, das jede Trennung von einem exklusiv-elitären Gott aufhebt und einen Gott zeichnet, der zu den Menschen kommt und jede (fundamentalistische) Angst vertreibt. Im Augenblick von Jesu Tod zerreißt der Vorhang im Tempel, der Blick auf das Allerheiligste wird frei, die Trennung zwischen Pro-Fanum und Fanum wird aufgehoben. Jesus wird somit zum Schlussstein, der den ganzen Bau zusammenhält.

Andreas Andel

P.S. Noch ein paar Zitate, die hängengeblieben sind – Zitate von W. Bruners und auch welche, die er selbst zitierte:
„Man muss Gott ernst nehmen, aber nicht todernst.“
„Gott ist einen Schweißausbruch wert.“
„Wir hören viel zu früh zu fragen auf.“
„Wer zu weit geht (= Grenzen überschreitet), muss damit rechnen, dass er es mit Gott zu tun bekommt.“
„Die Bibel ist ein Stück orientalische Literatur, die eine Erzählgemeinschaft begründet. Sie stellt unterschiedliche Gotteserfahrungen nebeneinander.“
„Der drei-einige Gott erinnert daran, dass in Gott ganz viel los ist.“

Und hier können Sie den Vortrag von W. Bruners nachlesen.

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