Gedenkdienst in Litauen

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„Vilnius? Wo is‘n des?“, seufzte Oma, als ich ihr von meinem Vorhaben berichtete, im jüdischen Museum besagter litauischer Hauptstadt meinen Gedenkdienst abzuleisten.

Einmal abgesehen davon, dass meine Großmutter keinen blassen Schimmer zu haben schien, was es mit diesem ominösen „Gedenkdienst“ überhaupt auf sich hatte (es hätte in ihren Augen genauso gut ein viertägiges Festival in Osteuropa sein können), war der Begriff auch in meinem Freundeskreis weitgehend unbekannt. Seit August bin ich nun also in Litauen, zwölf Monate insgesamt.

Doch vom Spaß zum Ernst: Litauen erlangte traurige Berühmtheit dadurch, dass 94 % der jüdischen Bevölkerung (insgesamt 200.000) während des 2. Weltkrieges ermordet wurden. Gemessen an der Bevölkerung waren das in keinem anderen Land so viele. Gewiss, jeder Tote, verschuldet durch das Nazi-Regime, ist einer zu viel, egal in welchem Land; jedoch lässt sich nicht leugnen, dass die Nationalsozialisten und die litauischen Kollaborateure hier besonders grausam gewütet haben.

Warum litauische Kollaborateure?

Dazu muss man wissen, dass der Völkermord an den Juden und Jüdinnen hier, im Gegensatz zu Teilen von Russland und anderen annektierten Staaten von Westeuropa, unterschiedlich war. Die sogenannten Einsatzgruppen agierten hinter der Front und hatten die Aufgaben das Hinterland zu „säubern“. Infolgedessen wurden in den ersten 6 Monaten des Nazi-Regimes bereits 70% der jüdischen Bevölkerung in Litauen ausgerottet.

Die Ermordungen fanden gleich neben den Dörfern im Wald oder auf dem Feld statt, nur ein vergleichsweise geringer Teil wurde in Konzentrationslager/Vernichtungslager deportiert. Eines dieser „Einsatzkommandos“ war Karl Jäger unterstellt. Das 300 Mann starke Kommando tötete über 137.000 Menschen in nur einem halben Jahr. An den Relationen lässt sich schon ablesen, dass die Ermordung so vieler Menschen ohne lokale Unterstützung nicht möglich gewesen wäre.

Nach der Besatzung durch die Sowjets im Jahre 1940 sahen große Teile der litauischen Bevölkerung die Nazis als eine Art Befreier. Mir ist jedoch wichtig zu betonen, dass natürlich auch viele Litauer und Litauerinnen den Verfolgten geholfen haben.

Die Arbeit im Jüdischen Museum

Auf genau diese Problematik stützt sich der größte Teil meiner Arbeit. In der litauischen Gesellschaft sind die Verbrechen der lokalen Bevölkerung noch immer ein Tabuthema. Das jüdische Museum von Vilnius stellt eine Bastion gegen das Verleumden und Vergessen der Verbrechen der Nationalsozialisten und der lokalen Bevölkerung dar.

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Konkret organisieren wir zum Beispiel diverse Veranstaltungen. Zuletzt etwa das sogenannte „names reading“, bei dem Passanten an öffentlichen Plätzen dazu eingeladen werden, abwechselnd fünf Minuten lang die Namen jener jüdischen Opfer vorzulesen, die an den jeweiligen Stellen ermordet wurden. Es geht dabei um eine Bewusstseinsbildung dafür, wie viele Menschen an vermeintlich unscheinbaren Orten ihr Leben lassen mussten. Dabei ergeben sich oft interessante Gespräche mit Passanten, aber auch politische Würdenträger beteiligen sich an solchen Gedenkversammlungen. Zuletzt nahmen etwa der Bürgermeister von Vilnius und der Vizeaußenminister teil. Sogar in die nationalen Nachrichten während der Primetime sind wir gekommen.

Die Arbeit im Museum ist sehr vielseitig; alles zu erwähnen würde leider den Rahmen sprengen. Unter anderem bereiten mein Kollege (ebenfalls ein österreichischer Gedenkdiener) und ich gerade ein Schulprojekt vor, welches wir in ein paar Monaten starten werden. Dabei werden wir verschiedene litauische Oberstufenschulen besuchen und den Jugendlichen in Workshops den Holocaust speziell in Litauen näher bringen, aber auch andere Themen wie Vorurteile behandeln. So wollen wir sowohl ein Bewusstsein für die Geschehnisse von damals schaffen als auch aufzeigen, wie schnell man Stereotypen an Personen eigentlich anwendet.

Zum Schluss möchte ich mich noch gerne bei der evangelischen Gemeinde von Stockerau für die finanzielle Unterstützung bedanken. Ohne zivile Hilfe wäre Gedenkdienst nicht möglich.

Aus dem fernen Litauen,

Sebastian Redl

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