Reformationsfest 2016

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499 Jahre Thesenanschlag!

Mit dem heurigen Reformationsfest beginnt sozusagen das Jubiläumsjahr 500 Jahre Reformation. Dass es nicht nur um die Erinnerung an Martin Luther geht oder um die Reformation der Kirchen – ja auch die katholische Kirche hat sich im Laufe der Jahrhunderte reformiert, besonders im 2. Vatikanischen Konzil in den 1960er Jahren -, wurde gleich zu Beginn des Gottesdienstes proklamiert.

Nach festlicher Eröffnungsmusik mit Orgel und Trompete, gespielt von Beate Kokits und Gezar Vörösmarti, begrüßte unser Pfarrer Christian Brost die versammelte Schar und im Besonderen unseren neuen Superintendenten Mag. Lars Müller-Marienburg.

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Dieser kam dann bei der Predigt zu Wort. Predigttext war Röm 3,21-28 – wenn man so will, ein Klassiker zum Reformationstag. Schon im ersten Satz hörten wir die Kernaussage der Rechtfertigungslehre:

„Nun aber ist ohne Zutun des Gesetzes die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, offenbart, bezeugt durch das Gesetz und die Propheten. Ich rede aber von der Gerechtigkeit vor Gott, die da kommt durch den Glauben an Jesus Christus zu allen, die glauben.“

Lars Müller-Marienburg bezeichnete die Aussage des Textes als dreifachen Dreh- und Angelpunkt.

Ein Beleg für die Grundüberzeugung Martin Luthers

Menschen werden nicht gerecht, weil sie gute Taten vollbringen, sondern allein aus Gnade Gottes, allein aus Glauben. So wie diese Erkenntnis Luther von seiner Höllenangst befreit hat, hat der neue Glaube vielen Menschen Gewissheit geschenkt, dass auch der fehlerhafte Mensch Hoffnung auf den Himmel hat. Dabei ist nicht zu vergessen, dass dieser Text nicht für die Reformation verfasst wurde, sondern schon vor 2000 Jahren.

Ein Gott für alle Menschen

Paulus geht es um die Einsicht, dass Gott für alle Menschen da ist. Er ist kein Nationalgott für die, die einem bestimmten Volk angehören. Gott ist Gott für Juden und Heiden. Damit legte Paulus den Grundstein dafür, dass sich eine Weltreligion entwickeln konnte.

Sowohl zu Zeiten des Paulus als auch des Martin Luther waren diese Gedanken nicht nur hochbejubelt. Da gab es Protest und Widerstand und sogar Krieg.

Heute haben Katholiken und Protestanten jedenfalls keine kämpferischen Auseinandersetzungen mehr. Man anerkennt, dass es ein Gott für uns alle ist und die Auffassung, dass der Mensch gerecht ist allein aus Gnade, hat auch schon in der katholischen Kirche Einzug gehalten.

Kann dieser Text denn für uns heute auch ein Dreh- und Angelpunkt sein?

Ja! Wie wäre es, wenn wir mit der Rechtfertigung ernst machten? Dass der Wert eines Menschen allein aus Gnade kommt? Nicht aus seiner Leistung, seinem Ansehen oder der Position, die er/sie erreicht hat?

Sehr persönlich schilderte der neue Superintendent, wie schwer ihm selber dieses radikale Ernst-Machen fällt. Wie schwer erträgt man doch seine eigenen Schwächen und Fehler – geschweige denn die der anderen. Und selber will man doch einfach der/die Beste sein. Welche Befreiung wäre der Römertext nicht nur von der Beschränkung auf einen Nationalgott (Paulus), nicht nur von der Höllenangst (Martin Luther), sondern auch für das Leben hier und jetzt.

So wie vor 2000 und vor 500 Jahren bleibt der Text eine Herausforderung.

Es stellt sich uns die Frage, wie es mit der Rechtfertigung allein aus Gnade weitergehen kann. Trauen wir uns, den Gedanken, dass alle Menschen bedingungslos von Gott geliebt sind, in unserem täglichen Leben Wirklichkeit werden zu lassen?

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Die Predigt endete quasi mit dieser offenen Frage, die nicht rasch zu beantworten ist. Umso dankbarer nahmen die Mitfeiernden die Einladung zum Abendmahl an. Gestärkt durch Jesu Mahl werden wir wohl an der Reformation weiter arbeiten. Der Gottesdienst endete wieder mit festlicher Musik. Im Anschluss konnte man mit Lars Müller-Marienburg ins Gespräch kommen.

Irmi Lenius

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