Gemeindereise Polen

Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen….

Marienburg

Wir haben unglaublich Vieles gesehen. Das toll rekonstruierte Danzig samt Werft; Backsteinbauten wie die Marienburg, die größte mittelalterliche Burg – und Frauenburg, größte Backsteinkirche und Wirkungsort von Nikolaus Kopernikus; endlose, sonnengelbe Löwenzahnwiesen; dunkle Wälder und klare Seen, die zum Eintauchen einladen, wie es nur die Mazuren können; saubere, kleine Städte mit freundlichem Flair und die pulsierende Hauptstadt Warschau, wo gerade eine Demonstration für Demokratie stattfand. Aber:

Nicht das Viele erfüllt, sondern das Wesentliche (Bert Hellinger).

Gemeindereise1

Was war wesentlich? Das freundschaftliche Klima der gesamten Gruppe, das auch alle Neuen in seinen Bann zog; und die fürsorgliche Leitung durch Martin Lauermann und Christian Brost. In größtmöglicher Harmonie haben wir ein Programm durchgemacht, das dicht, hochinteressant, manchmal auch anstrengend, aber immer erstklassig gewählt war.

Wenn die Jahre wachsen, erkennt man den Wert der Freundschaft immer tiefer (Adalbert Stifter).

Auch wenn wir nicht Jahre, sondern 7 Tage unterwegs waren – so etwas wie Freundschaft wuchs auch zu unserer polnischen Reiseleiterin Hanna. Kompetenz vereint mit Einfühlsamkeit, Witz und Belesenheit zeichnete sie aus und war ein „Geschenk des Himmels“ (Zitat Martin Lauermann).

Piroggen

Ihr verdanken wir auch Pokrzywowa zupa (Brennesselsuppe) und Bográcz (Suppe am ersten Tag). Die polnische Küche ist deftig, aber gut, sehr gut sogar: rote Rübensuppe, Pilzsuppe, Fisch zum Frühstück, das klassische Bigos – Kraut mit Fleisch und Wurst – alles zu empfehlen!

Ein ganz besonderes Erlebnis war der 4-stündige Ausflug ohne Kontakt zur Erde. Der berühmte Oberländische Kanal wird per Schiff befahren. Das Schiff wird dabei über bis zu 29 m hohe Geländestufen hydraulisch auf Schienen gezogen – ein Erlebnis der besonderen Art. Zuerst aber ist es eher beschaulich. Man fährt fast 2 Stunden durch Vogelschutzgebiete. Seeadler, Reiher und weiße Kraniche waren da zu beobachten: eine Wohltat nach einem anstrengenden Tag mit Stadtbesichtigung und vielen historischen Details.

Beten heißt im Himmel sein, ohne die Erde zu verlassen (Graham Greene).

Gemeindereise 4

Das gilt jedenfalls für diesen Ausflug. Die Crew, bestehend aus Kapitän und 1. Maat, versorgte uns alle mit Getränken (Büffelgraswodka!), aber auch mit  Kaffee und Krakauerwurst mit Senf und saurer Gurke – einfach köstlich!

Am Tag der Gegensätze fuhren wir über Śvięta lipka (Heiligelinde), die barocke, von Jesuiten geführte Wallfahrtskirche mit kurzem Orgelkonzert zur Wolfschanze und später in das evangelische Museum Polen in Mikołajki.

Die Grenze zwischen Gut und Böse verläuft mitten durch das Herz jedes Menschen (Aleksander Solschenizyn).

Wenn man in der Wolfschanze – Hitlers polnischem Hauptquartier – die Trümmer seiner Gesinnung sieht, könnte man fast an diesem Satz zweifeln. Die bis zu 10 Meter dicken Betonreste dieses Bunkerortes zeugen von der Angst, die diese menschenverachtende Politik begleitete. Die daran anschließende Fahrt durch herrliche Wälder, vorbei an zahlreichen Seen und Teichen, tat unseren Seelen gut.

Noch etwas organisierte Hanna für unsere Erbauung: eine einstündige Bootsfahrt in Krutyń, wobei 8-er Boote von je einem Mann mit langem Stock flussaufwärts gestaakt wurde. Geräuschlos glitten wir durch die Natur, entdeckten Blutsteine im knietiefen Wasser und ließen einfach nur unsere Seelen baumeln. Das richtige Ambiente, um über alte Weisheiten nachzusinnen:

Wie du über dich selber denkst, ist viel wichtiger, als wie die anderen über dich denken (Seneca).

Noch bevor es Richtung Warschau ging, tauchten wir in eine andere Welt. In Wojnowo, um 1830 von altrussisch Gläubigen gegründet, besuchten wir die idyllisch gelegene, philipponisch-orthodoxe Kirche mit Friedhof.

Wir haben die Polen als freundliche, selbstbewusste Menschen erlebt. Die polnische Geschichte ist kompliziert, und auch die derzeitige politische Situation ist alles andere als einfach. Ein konkretes, diesbezügliches Erlebnis war in Warschau die Demonstration für Demokratie. Natürlich wird auf dem berühmten Touristenpfad, dem Königsweg, demonstriert. Dennoch zeigte sich Warschau als offene Stadt, die zu ihrer Geschichte steht. Das Museum der Geschichte der polnischen Juden sahen wir zwar nur von außen, ist aber sicher einen eigenen Besuch wert. An mehreren Orten der Stadt (z.B. das Denkmal des Warschauer Aufstandes) wird man an diverse Ereignisse erinnert, die mit dem Widerstand gegen das Naziregime, aber auch dem Scheitern zu tun haben.

Es gibt kein besseres Mittel, das Gute im Menschen zu wecken, als sie so zu behandeln, als wären sie schon gut (Gustav Radbruch).

Das sagte kein Psychologe, sondern ein Politiker und Justizminister der Weimarer Republik. Mich hat dieses Wort zum Tag an das Flüchtlingsthema in Österreich erinnert. Bei uns gibt es nämlich – im Gegensatz zu Polen – Flüchtlinge. Weder Flüchtlinge noch Muslime haben wir auf der ganzen Reise gesehen. Das ist wohl ein Ergebnis der derzeitigen Regierung Polens.

Das Wort zum Schluss:

Jeder kann den Sabbat halten, aber ihn zu heiligen, braucht man den Rest der Woche (Alice Walker).

Nein, Alice Walker ist keine Jüdin. Und dieser Satz gilt nicht nur für den Sabbat. Man könnte genauso gut sagen: Jeder kann den Sonntag feiern, aber ihn zu heiligen, braucht man den Rest der Woche. Das Evangelium, das wir sonntäglich hören können, will im Alltag Fuß fassen, gelebt werden und lebendig werden. Natürlich gilt das als Einladung zu unseren Gottesdiensten. Daraus machte Christian Brost kein Geheimnis. Und nach 1407 gefahrenen Kilometern ist es auch gut zu wissen, wo man auftanken kann.

Wer weiß, wo die nächste Reise uns hinführt? Bis dahin: dziękuję (danke) und do widzenia (Auf Wiedersehen)!

Irmi Lenius

Dieser Bericht spiegelt nicht nur meine, sondern die gesammelten Eindrücke der ganzen Gruppe wider. Die Worte zum Tag, die uns Pfarrer Christian Brost täglich mitgab, bildeten in eigener Reihenfolge den Leitfaden.

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