Wie geht „entängstigen“?

„Ich habe Angst um meinen Arbeitsplatz. Ich habe Angst vor einer Überfremdung unserer überlieferten Kultur. Ich habe Angst vor dem Ansteigen von Kriminalität, Gewalttaten, dem Terror islamistischer Fanatiker.“

Solche Befürchtungen sind nur ein Teil der vielfältigen Ängste in der einheimischen Bevölkerung, die von dem bekannten Pastoraltheologen und Religionssoziologen Paul M. Zulehner in seiner neuesten Studie untersucht worden sind. Über die Ergebnisse dieser Studie und die Konsequenzen daraus hielt der emeritierte Professor der Universität Wien am 18. Februar einen Vortrag, bei dem das katholische Pfarrzentrum Stockerau aus allen Nähten platzte. Zugleich diente der Abend auch einer öffentlichen Vorstellung des Hauses Ibrahim und seiner Bewohner.

Zu Gast im Haus Ibrahim

Zulehner war vor seinem Vortrag dort zu Gast gewesen und erzählte einleitend von der Herzlichkeit und Gastfreundschaft der 16 Burschen. Anschließend ging er auf die Fluchtgründe ein und zeichnete ein klares Bild der Fakten. Weltweit sind derzeit etwa 60 Millionen Menschen auf der Flucht vor Krieg, Verfolgung, ökologischen Katastrophen oder auch unvorstellbarer Armut und kommen seit einigen Monaten auch verstärkt in die reichen Länder Europas. Die Menschen hier reagieren unterschiedlich auf die Ankunft der Geflüchteten: Etwas mehr als die Hälfte der über 3000 Befragten ist besorgt, 17% geben Ärger als Hauptgefühl an – aber über ein Viertel ist auch zuversichtlich und bevorzugen es, zu helfen statt zu hetzen.

Wie sind denn solche großen Unterschiede zu erklären?

Zulehner stellt hier einen interessanten Zusammenhang her. Menschen reagieren so auf Herausforderungen, wie es ihrem inneren „Angstpotential“ entspricht. Und dieses hängt wiederum davon ab, wie gut es in den ersten Lebensjahren eines Menschen gelingt, sein Vertrauen ins Leben aufzubauen. Daher dürfe man ängstliche Menschen, die sich gegenüber Flüchtlingen abwehrend, ja sogar aggressiv verhalten, auch nicht moralisch verurteilen.

Wie kann man ihnen aber sonst begegnen, sie nach und nach „entängstigen“?

Zulehners Antwort klingt so ungewöhnlich wie faszinierend: Man solle diese ängstlichen, verärgerten Menschen von der Seite der Angst auf die Seite der Zuversicht langsam „herüberlieben“. Begleitend dazu sei politische und interreligiöse Bildung von besonderer Bedeutung, aber für die wirkungsvollste Strategie hält der Professor die Begegnung. Und so wurde auch noch einmal eine Einladung an alle ausgesprochen, doch Kontakt zum Haus Ibrahim zu knüpfen, die Bewohner zu besuchen und die „Objekte der Angst“ kennenzulernen. Das ist der Weg zum friedlichen Zusammenleben ohne diffuse gegenseitige Befürchtungen und Vereinfachungen.

Den Abschluss bildete folgerichtig ein Gebet um Frieden in arabischer Sprache, das ein zufällig im Publikum anwesender syrischer Mann vorlas – ein besonders berührender Moment an diesem insgesamt sehr eindrucksvollen Abend.

Christine Andel

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