Niemand hat je behauptet, es würde einfach

Flüchtlingsarbeit 2016
(Standortleiter Robert und Bereichsleiterin Kati mit „Sami“ vor dem Eingang zum neuen Flüchtlingsheim in Stockerau)

Bei so manchem tritt Ernüchterung ein. Vollkommen inakzeptable Vorfälle wie in Köln schockieren zahlreiche Menschen. Auch im Bezirk Korneuburg kann man von – einzelnen – zumindest unerfreulichen, nicht akzeptablen Geschehnissen lesen oder hören. Mag sich manches bei uns im Nachhinein auch als (stark) übertrieben herausstellen: Polarisierend wirkte es bereits. Soziale Netzwerke sind schnell, auch schnell im (Ver-)Urteilen.

Überraschend ist das alles freilich nicht.

Man kann jetzt auf diese Nachrichten, Berichte und Erfahrungen auf verschiedene Weise reagieren. Wir können auf die Landes- oder Bundespolitik und (natürlich wieder) auf die Europäische Union schimpfen und endlos darüber diskutieren, was die letztlich von uns gewählten Damen und Herren besser machen könnten. Wir können hysterisch oder ängstlich fordern, die Grenzen dicht zu machen, wie immer das auch gehen soll. Manche von uns polarisieren, indem sie die Menschheit in sogenannte Gutmenschen und sogenannte heimattreue „echte Österreicher“ einteilen. Nicht selten wird gefordert, die Mindestsicherung für anerkannte Flüchtlinge zu kürzen. Immer wieder wird auch an die Adresse von Pfarrgemeinden die Forderung gestellt, gefälligst keine Flüchtlingshilfe zu betreiben.

Integration: Alternativlos

Ich sage Ihnen ehrlich: Ich sehe keine Alternative, im Gegenteil. Wir können nur dort aktiv werden und Dinge zum Besseren bewegen, wo wir Verantwortung haben oder übernehmen. Wer warum nach Stockerau, Hollabrunn, Retz usw. kommt, kann unsere Pfarrgemeinde, können wir nicht beeinflussen. Wie mit diesen Menschen hier umgegangen wird und ob sie Teil unserer Gesellschaft werden können, sehr wohl.

Nach Jahrzehnten der relativ ruhigen und kontinuierlichen gesellschaftlichen Entwicklung sind wir derzeit in mehreren Bereichen gefordert, unsere Komfortzone zu verlassen. Das betrifft unsere Lebensweise (Stichwort Klimawandel), unser Wirtschaftssystem (Stichwort Schere zwischen Arm und Reich) und auch unsere über Jahrhunderte hart erkämpften Werte (Stichworte Demokratie, Menschenrechte, Meinungs- und Pressefreiheit, Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau, Rechtsstaatlichkeit). Nicht umsonst sehen immer mehr Wissenschaftler derzeit neue Zeitalter in der Menschheits- und in der Erdgeschichte anbrechen. Das ist spannend und fordert. Es verlangt nach Antwort, nach Übernahme von Ver-antwort-ung.

Jede und jeder (nicht nur „die Politiker“!) ist daher umso mehr gefordert, diese Werte zu leben, vorzuleben und an unsere Nachkommen und Mitmenschen weiterzugeben; auch wenn das bedeutet, nicht mehr nur in der angenehmen Konsumgesellschaft der 90-er Jahre zu leben. Ich bin der Meinung, dass es unsere Pflicht ist, unseren Kindern und Enkelkindern ebenso wie allen unseren anderen Nachfahren hier bei uns im westlichen Weinviertel eine lebenswerte Gesellschaft zu erhalten und weiterzugeben. Egal woher sie ursprünglich kamen. Polarisierung und Hetze bringen uns nicht weiter.

Ich persönlich engagiere mich daher aus Verantwortungsgefühl meinen Kindern und unserer ganzen Gesellschaft gegenüber dafür, dass Integration in Stockerau bestmöglich gelingen kann. Gott sei Dank tun sehr viele Menschen in Stockerau und anderen Orten und Städten des westlichen Weinviertels das gleiche. Ich bitte alle, auch weiterhin unsere Werte hochzuhalten und vorzuleben. Freiheit ist mit Arbeit verbunden – und mit Verantwortung! Freiheit und Verantwortung sind zutiefst evangelische Grundsätze. Reagieren wir mit Ausgrenzung oder Hass, verraten wir unsere österreichischen und europäischen Werte, höhlen sie aus und verlieren sie. Als Christinnen und Christen dürfen wir darauf vertrauen, dass wir uns vor nichts fürchten müssen, weil wir in der Liebe Gottes leben.

Ja, niemand hat je behauptet, es würde einfach.

In Stockerau sind bis 3. Februar 40 Flüchtlinge (meist afghanische Familien) im ehemaligen Bezirksgericht untergekommen. 130 sollen es bis Ende Februar sein. Konkrete und aktuelle Informationen über dieses Flüchtlingsheim können Sie am 11.3.16 um 19 Uhr bei einer öffentlichen Info-Veranstaltung im Z 2000 erhalten. Standortleiter Robert ist mit seinem Team sehr bemüht, den AsylwerberInnen geeignete Tätigkeiten zu ermöglichen. Derzeit gesucht wird Gartenwerkzeug, Einrichtung für Werkstatt und Fitnessraum, Bouldergriffe und ein Fußballtor. Die Menschen wollen Deutsch lernen und sind sehr bemüht, die europäischen Umgangsformen kennen zu lernen. Integrationswille ist da. Kurse zu Werten und Anstandsformen haben bereits begonnen. Im Rahmen des Netzwerks Integration sind neue Kooperationen im Entstehen, über die ich sobald als möglich berichten werde.

„Unser“ Haus Ibrahim beginnt sich nach teils sehr turbulentem Beginn (Personalsuche, Start der Deutschkurse etc.) langsam zu „finden“. Die pädagogischen, organisatorischen und leider auch die finanziellen Herausforderungen sind enorm. Der von mir zuletzt angekündigte Tag der offenen Tür findet so vorerst nicht statt. Weiterhin gilt aber: Für jedes ehrenamtliche Engagement für die Jugendlichen sind wir sehr dankbar. Bei Interesse melden Sie sich bitte einfach am Diensthandy des Haus Ibrahim (Tel. 0676-5325972) oder in unserem Pfarramt. Wir suchen dringend Sponsoren für die Anschaffung eines Kühl-Gefriergeräts. Die Kosten belaufen sich auf rund 500 €. Für Spenden auf das Konto des Trägervereins „Vor allem Mensch Punkt“ AT88 4715 0206 5837 0000  danken wir sehr herzlich!

Kurator Gert Lauermann

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