Weltethos im Weinviertel

 

Das klingt doch abgehoben: Welche Bedeutung soll das Weinviertel schon im Zusammenhang mit dem Frieden auf dem Globus haben?

Angesichts der jüngsten Terrorangriffe, die der gesamten sogenannten westlichen Welt gelten, ist das Weinviertel doch eher ein unbeachteter Schauplatz. Gott sei Dank, denken da wohl viele.

Wenn man von Weltethos spricht, meint man gleichzeitig auch den so leicht verletzlichen Frieden zwischen Menschen. Um den geht es doch. Um den fürchten wir. Den gilt es zu pflegen. Denn Frieden passiert nicht einfach von selber. Frieden zu erlangen und zu erhalten kann schon mal richtige Arbeit sein.

Unsere Gesellschaft im radikalen Wandel

Das Thema des Gemeindevertretertags im November kann einem schon das Gefühl vermitteln, selber nur ein eher irrelevantes Staubkorn zu sein. Dass das nicht so ist, wurde an diesem Tag offenbar.

GemV Weltethos 2015-1

Nach der thematischen Hinführung durch unseren Pfarrer Christian Brost war klar: Wir leben in einer Zeit, die einen radikalen Wandel der Gesellschaft herbeiführt. Die Globalisierung hat uns alles näher gebracht. Entfernungen sind nicht mehr das, was sie vor 100 Jahren waren. Dadurch hat sich auch unser Lebenstempo erhöht. Alles geht schneller. Auch Entscheidungen – private wie politische – müssen schneller getroffen werden. Und was in den letzten Jahren dazukommt und jetzt auf einem Höhepunkt zu sein scheint, ist die Migration.

Unsere Gesellschaft verändert sich. Sie wird pluralistischer. Andere Ethnien, fremdsprachige Menschen, Andersgläubige – auf unterschiedlichen Ebenen kommt es zu einer bis jetzt nicht dagewesenen Buntheit. Das macht Angst.

Man kann sich aus Angst auf sein eigenes Fundament zurückziehen, was auch immer das sein mag. Das kann – in extremer Ausprägung – der Weg in den Fundamentalismus sein, gespeist aus der Angst vor Fremdem.

Was sind die Alternativen?

Der deutsche Politiker Wolfgang Thierse sieht die Toleranz als Kernwert einer offenen Gesellschaft und mahnt die Rolle der Religionen in diesem Zusammenhang ein. Es gilt, einen Grundkonsens in ethischen Fragen zu erarbeiten, um ein friedliches Zusammenleben in einer pluralistischen Gesellschaft zu ermöglichen.

WozuWeltethos

Mit dieser Arbeit haben wir nun begonnen – unterstützt, geleitet und inspiriert von dem „Projekt Weltethos“ von Hans Küng. Dieser katholische Theologe hat in jahrzehntelangen Studien diverse Weltreligionen erforscht und ein allen zugrunde liegendes Weltethos herausgearbeitet.

GemV Weltethos 2015-2

So beschäftigten wir uns in 5 Gruppen mit Erfahrungen, Einschätzungen und Entwicklungspotenzialen unserer Gemeinde zu folgenden Schwerpunkten: Menschlichkeit, Gewaltlosigkeit, Partnerschaft, Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit.

Da gab es so manche Überraschung. Denn auch unsere individuellen ethischen Ansprüche sind unterschiedlich, und so manches Thema – z.B.  Frau/Mann oder Verantwortung gegenüber Mensch und Natur des/der Einzelnen in einer offenen Gesellschaft – offenbarte Diskussionsbedarf. Genau das war auch mit ein Ziel dieses Tages: die weiteren Schritte entwickeln, die wir als evangelische Gemeinde in Bezug auf Weltethos miteinander gehen wollen. Das Potenzial reicht leicht für die nächsten 10 Jahre.

Ein Anfang ist gemacht. Wir haben begonnen, uns mit unseren Werten auseinander zu setzen und dabei den für eine offene Gesellschaft notwendigen Grundkonsens im Auge zu behalten. Übrigens: Der Lohn für diese Art von Friedensarbeit ist ein erweiterter Horizont. Klingt doch verlockend, oder?

Irmi Lenius

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