Zeit des Erstarkens

Nicht nur die Frauen, auch die Männer waren ein schwaches Geschlecht.

So diagnostiziert Philipp Blom die psychische Befindlichkeit der Menschen des beginnenden 20. Jahrhunderts. Was war geschehen?

Der taumelnde Kontinent
(Bild: „Der taumelnde Kontinent“)

Die Welt hat innerhalb weniger Jahre enorm an Geschwindigkeit zugenommen. Bedeutende Erfindungen wie Auto, Eisenbahn und Telefonie sowie die zunehmende Industrialisierung mit ihrer Fließbandarbeit im Akkord faszinierten die Menschen in gleichem Maße, wie sie sie überforderten.

„Die Geschwindigkeit der Welt“, so schreibt Blom, „war wie eine Droge; während aber viele sich an ihr berauschten, fanden andere ihren Effekt zu stark, zu überwältigend und gaben der Übermacht nach. Eine Krankheit von epidemischen Ausmaßen begann das Leben derer zu befallen, die sich dem Tempo nicht entziehen konnten. Fabrikarbeiter und Staatsoberhäupter, Telefonistinnen und Lehrer klagten über ‚zerrüttete Nerven‘“.

Diese Krankheit erhielt einen Namen: „Neurasthenie“, „Erschöpfung der Nerven“. Eine Studie über die Patientenakten um 1900 zeigt deutlich: Betroffen waren vor allem die Menschen, die das Leben der modernen Welt mit allen ihren Möglichkeiten auszuleben suchten.

100 Jahre später …

Die rasende technologische Entwicklung der globalisierten Kommunikation wirkt auf viele wie eine Droge. Das Internet bietet die faszinierende Möglichkeit, die ganze Welt scheinbar auf Knopfdruck überall und jederzeit verfügbar zu machen. Facebook, WhatsApp & Co. überwinden alle zeitlichen und örtlichen Entfernungen und ermöglichen Kommunikation immer und überall mit jeder und jedem, egal ob „Freund“ oder nicht.

Ähnlich wie vor 100 Jahren treiben wirtschaftliche (und politische) Interessen diese Entwicklungen immer schneller voran. Ähnlich wie vor 100 Jahren wirken diese neuen Technologien wie eine Droge, die fasziniert, süchtig macht und letztlich viele Menschen völlig überfordert. Sprach man damals von Neurasthenie, so ist Burn-Out die heutige Bezeichnung für das gleiche Phänomen: Überforderung durch stetig steigende Geschwindigkeit, Erschöpfung durch zu hohe eigene und fremde Ansprüche.

Nichts gelernt?

Es scheint so, als würde sich die Geschichte wieder einmal wiederholen, als hätten wir aus ihr wieder einmal nichts gelernt. Es ist jedoch nicht einmal leicht gesagt, geschweige denn leicht getan: Wie sich dieser ruinösen permanenten Beschleunigung entziehen? Die geschwindigkeitstreibenden Technologien wirken nach wie vor wie eine reizvolle Droge. Ein Ausbrechen aus dem Beschleunigungsrausch erscheint nahezu unmöglich, denn man will ja am heutigen Leben teilhaben.

Was also tun?

Symptome lassen sich kurzfristig bekämpfen: Ablenkung durch immer ereignisreicheren Freizeitkonsum wirkt allerdings – wenn überhaupt – nur kurz und verstärkt letztendlich die psychische (und körperliche) Erschöpfung.

Es wäre so einfach und ist so schwer: Weniger ist mehr, langsamer ist mehr. „Ruhe geben“ heißt die Devise, und um es noch konkreter zu formulieren: Mir selbst Ruhe geben.

Ein paar praktische Tipps für den Urlaub (und die Zeit danach): Miteinander reden statt chatten; ein Buch lesen statt Fernsehen; sich im Cafehaus treffen statt auf Facebook; im Wald spazieren gehen statt im Shopping Center; mit der Bahn fahren statt mit dem Auto; gemeinsam zu Hause kochen statt Fastfood am Drive-In-Parkplatz verschlingen; und am Sonntag ein Gottesdienst-Besuch …

Bevor Sie diese Tipps als Besserwisserei souverän-genervt abtun: Probieren Sie es aus!

Einen erholsamen, entschleunigten Sommer wünscht Ihnen

Andreas Andel

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