Macht Glaube fanatisch?

Interreligiöser Dialog 2015
(v.l.n.r.: Mag. Christian Brost (evang. Pfarrer), Dr. Maria-Andrea Riedler (Moderatorin), Mag. Gert Lauermann (Kurator), Prof. Dr. Martin Jäggle (Hauptreferent), Muchsin Gumuser (Imam der islamischen Glaubens-gemeinschaft), Ahmet Hamdi Ahat, Günter Preisinger und Dr. Markus Beranek (röm.-kath. Stadtpfarrer)

Das Integrationsprojekt der Katholischen Pfarrgemeinde, des Islamischen Kulturvereins und der Evangelischen Pfarrgemeinde Stockerau lud am 6. Mai zu einem hochinteressanten Abend ein, an dem – auch auf dem Hintergrund der Pariser Anschläge – religiöser Fanatismus thematisiert wurde.

Der Abend wurde von Stadtamtsdirektorin Dr. Maria Andrea Riegler moderiert. Bevor sie die Vertreter der einladenen Religionsgemeinschaften um deren Statements zum Thema des Abends bat, hielt Prof. Mart in Jäggle, emeri tierter Universitätsprofessor für Religionspädagogik an der Universität Wien, ein Impulsreferat, das nicht „nur“ tiefe Einsichten und Erkenntnisse vermittelte, sondern getrost auch als dialektisches Meisterstück bezeichnen werden kann.

Wenn „Fanatismus“ seiner Wortbedeutung nach „göttliche Inspiration“ meint und „Glaube“ sprachlich mit „Lieben“ verwandt ist, dann kann so gesehen die Frage des Abends rasch beantwortet werden: Macht Glaube fanatisch? – Wohl nicht. Nicht in dem Sinn, dass Glaube den leidenschaftlichen Antrieb bestärken würde, idealistische Ziele mit allen Mitteln durchzusetzen, und sei es mit Gewalt.

Für Prof. Jäggle ist es wichtig zu erkennen, dass Fanatismus nicht etwa aufgrund moralischer Defizite bösartiger Menschen entsteht, sondern vielmehr seinen Ursprung in der Verfolgung hehrer Ideale nimmt. Fanatismus kommt also nicht von „unten“, sondern von „oben“!

Fanatismus ist die Sehnsucht nach einer besseren Welt, in der unsichere Menschen versuchen, ihre Anerkennungsdefizite auszugleichen. „Fanatismus ist die einzige Willensstärke, zu der auch die Schwachen fähig sind“, bringt es Jäggle auf den Punkt.

Wenn Rel igion nicht absolute Normen vorgibt, sondern Hoffnungen und Träume anbietet, dann macht sie nicht radikal-fanatisch, sondern bietet vielmehr einen Raum, in dem gerade auch Schwache Halt und Orientierung finden können. Wenn Religion nicht absolutistische Ideologie betreibt, sondern Selbstrelativierung zulässt, dann lernen derart religiöse Menschen ihr Handeln aus der Perspektive des anderen zu betrachten. Das Zulassen der so erkannten eigenen Schwäche lässt dann die Stärke entwickeln, die Fanatismus obsolet macht.

Andreas Andel

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