Religionen dienen dem Leben und nicht dem Tod

 

 

Gemeinsame Stellungnahme der Religionsgemeinschaften in Stockerau

Seit mehreren Jahren gibt es in Stockerau einen von der Stadtgemeinde mitgetragenen und begleiteten interreligiösen Dialog. Basis dieses Dialogs ist das gemeinsame Interesse aller Religionsgemeinschaften, Menschen zusammenzubringen und zu einem glücklichen und friedlichen Leben aller beizutragen. Im Rahmen dieses Dialogs durften wir einander nicht nur kennen lernen, sondern vielmehr schätzen, dass wir einander vertrauensvoll annehmen können – mit all unseren unterschiedlichen Haltungen und Glaubensrichtungen. Es ist uns ein wichtiges Anliegen, unsere positiven und sehr bereichernden Erfahrungen mit Anderem und anfangs Fremdem weiterzugeben.

Anlässlich der entsetzlichen Anschläge gegen ein Satiremagazin und einen jüdischen Supermarkt in Paris halten wir als Vertreter der römisch-katholischen Pfarre Stockerau, des islamischen Kulturvereins Stockerau und der Evangelischen Pfarrgemeinde Stockerau gemeinsam Folgendes fest:

Wir verurteilen jegliche – insbesondere aber religiös motivierte – Form von Gewalt und halten außerdem fest, dass Gewalt durch Religion niemals gerechtfertigt ist.

Die Gewalttaten von Paris machen uns betroffen. Ebenso betroffen sind wir von den plumpen Versuchen, Gewalt durch Religion zu rechtfertigen. Wir wenden uns daher vehement gegen jede Vereinnahmung von Religion zur Rechtfertigung von Gewalt.

Religionen dienen dem Leben und nicht dem Tod.

Wir wehren uns gegen eine Einschränkung der demokratischen Bürgerrechte oder der Menschenrechte

Eine angemessene Reaktion auf einen Versuch, die Grundrechte und Demokratien Europas zu erschüttern kann nur sein, die Bürgerrechte und Menschenrechte umso mehr zu achten. Keinesfalls darf Terroristen nachgegeben werden, indem in unsere über Jahrhunderte erkämpften Freiheiten eingegriffen wird. Auch die Behauptung, dadurch die Sicherheit zu erhöhen, rechtfertigt keinen Eingriff in demokratische Prinzipien, Grundrechte und Menschenrechte.

Wir treten dafür ein, die Ursachen dafür zu bekämpfen, dass Menschen in unserer Gesellschaft keine Perspektive sehen und sich radikalisieren.

Wir weisen darauf hin, dass Freiheit Verantwortung bedingt.

Sowohl Glaubensfreiheit als auch Meinungs- und Pressefreiheit erfordern Verantwortung gegenüber den Mitmenschen und Gott gegenüber. Nur, weil man die Freiheit hat, etwas zu tun, bedeutet das nicht, dass es automatisch auch richtig ist. Der sorgsame, ja liebevolle Umgang mit unseren Mitmenschen liegt in unserer Verantwortung als freie Menschen.

Wir, als Vertreter der Religionsgemeinschaften in Stockerau werden auch in Zukunft, so wie bisher, gemeinsam für diese Grundsätze eintreten und bitten Sie, dasselbe zu tun.

Markus Beranek, kath. Pfarrer; Erika Trabauer, stv. Vorsitzende des Pfarrgemeinderats; Naim Gümüser, Imam; Ahmet Ahat, isl. Religionslehrer; Christian Brost, evang. Pfarrer; Gert Lauermann, Kurator

Liebe Leserin, lieber Leser,

ich bin stolz darauf, dass es in Stockerau selbstverständlich war und ist, dass Moslems und Christen gemeinsam zu schwierigen und gefährlichen Entwicklungen unserer Gesellschaft Stellung beziehen. Dies insbesondere dann, wenn Religion missbräuchlich verwendet wird. Das Presbyterium der evangelischen Pfarrgemeinde Stockerau steht einhellig hinter den in dieser Stellungnahme formulierten Grundsätzen. Wenn auch derzeit ein interreligiöser Dialog mit unserer Beteiligung nur in Stockerau stattfindet, behaupte ich doch, dass auch in Hollabrunn, Retz und den anderen Teilen unserer Pfarrgemeinde nicht anders empfunden und gedacht wird – sowohl unter Moslems als auch unter Christen. Im Namen Gottes darf niemals getötet werden (vgl. auch Stellungnahme des Ökumenischen Rats der Kirchen vom 13. Jänner; http://www.evang.at).

Wir evangelische Christen in Niederösterreich sollten am besten wissen, wie es ist, wenn konfessionelle Unterschiede zur Rechtfertigung von Ablehnung bis hin zu Hass und Vertreibung missbraucht werden. Die Tatsache, dass es überall auf der Welt auch Menschen gibt, die immer noch Religion als Rechtfertigung für Gewalt heranziehen oder Mitmenschen allein aufgrund derer religiöser Überzeugung verfolgen, gibt uns nicht das Recht, uns genauso zu verhalten. Im Gegenteil!

Lassen Sie uns nicht vergessen, dass auch Christen bis in die Gegenwart Religion als Rechtfertigung für Krieg und Gewalt missbrauchen. Über Jahrhunderte glaubten Christen, ihre Konfessionen mit Gewalt verbreiten oder verteidigen zu müssen, um Gott zu gefallen oder Gott zu verteidigen. Das ist – mit einem kleinen Zwinkern betrachtet – geradezu so, als ob die Zeichnung versucht, den Karikaturisten zu verteidigen, der den Radiergummi hat.

Gott aber gibt den Menschen Freiheit. Alle Menschen sind Gottes Kinder. Wir können uns daher nur die Jahreslosung zu Herzen nehmen: „Nehmt einander an, so wie Christus euch angenommen hat, zu Gottes Lob.“ Annehmen setzt voraus, mit dem anderen zu sprechen, um ihn kennen zu lernen. Ich glaube, wir sind auch gefordert, die Bereitschaft mitzubringen, unser Gottesbild immer aufs Neue zu hinterfragen, auch wenn es unangenehm sein kann. Gut evangelisch eben: eine (an)dauernde Reformation, also Erneuerung.

In diesem Sinn: gute Gespräche und Erfahrungen wünscht Ihnen

Gert Lauermann, Kurator

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