Nehmt einander an!

Nehmteinanderan
(Foto: Mateusz Stachowski)

 

Ein achtjähriges Mädchen kommt verheult aus der Schule. „Die haben mich heute alle ausgelacht, weil ich rote Haare habe.“ Die Mutter versucht zu trösten: „Rote Haare sind schön. Der liebe Gott hat sie gemacht.“ Auf diesen frommen Hinweis schluchzt das Mädchen: „Bei dem lassen wir nichts mehr machen!“

Nehmet einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.
(Paulus an die Gemeinde in Rom/biblische Jahreslosung 2015)

Ein gutes, gesundes und gesegnetes neues Jahr 2015 wünsche ich Ihnen allen – Energie, Herzenswärme und genug Liebe für jeden Tag dieses neuen Jahres.

Gerne grüße ich Sie auch mit der biblischen Jahreslosung für 2015, die uns vor eine wichtige Aufgabe stellt: einander anzunehmen.

Wer über die Worte des kleinen rothaarigen Mädchen geschmunzelt hat: Es ist gar nicht so leicht, uns selber anzunehmen, wie wir sind – die roten Haare sind dabei das geringste Problem!

Gott sei Dank ist uns von Jesus Christus eine wunderbare Botschaft anvertraut und vorgelebt worden: Ich hab dich lieb, sagt Gott; du bist mir wertvoll, ich bin dabei in deinem Leben und ich bringe dich am Ende ans Ziel.

Christsein beginnt damit, dass ich mir diese Botschaft gesagt sein lasse, mich von Gottes Liebe anstecken lasse und lerne, mich selber gern zu haben. Damit dies nicht in den hemmungslosen Narzissmus und Egoismus unserer Zeit ausartet, unter dem wir im Alltag oft leiden, stellt uns die Jahreslosung vor die Aufgabe, unsere Mitmenschen anzunehmen.

Was heißt das? Wie geht das?

Da wie in allen anderen Lebens-bereichen auch hier unsere Taten lauter sprechen als unsere Worte, geht es darum, dass wir achtsam mit anderen umgehen, der Versuchung widerstehen, sie auszugrenzen oder unsere Zuwendung zu ihnen an Bedingungen zu knüpfen.

Wir sollen nicht meinen, wir könnten und müssten sie verändern. Sie haben ihre eigene
Geschichte mit Gott, und wenn andere Menschen durch uns erfahren, wie sich bedingungslose Liebe anfühlt, werden sie sich aus Dankbarkeit selber auf den Weg dieser Liebe machen.

Nehmt einander an…

Durch die Gemeinschaft anderen Christen tritt Gott in unser Leben und bekommt eine Chance uns anzusprechen. Es gibt nämlich viele Dinge, die wir uns nicht selber sagen können.

Dazu brauchen wir andere, die uns vorleben und erzählen, wie sich Glaube, Hoffnung und Liebe in ihren Leben auswirken. An ihnen können wir uns orientieren!

Das funktioniert übrigens auch in der Ökumene!

Vom 18. bis 25. Jänner 2015 findet wieder die Gebetswoche für die Einheit der Christen statt. In verschiedenen Teilen unserer flächenmäßig großen Gemeinde finden zu diesem Anlass ökumenische Gottesdienste statt, bei denen wir gemeinsam mit unseren katholischen Geschwistern singen, beten und Gottes Wort hören.

Macht das denn Sinn, fragen manche? Wir kommen ohnedies nie wieder unter dem Dach einer Kirche zusammen! Wollen wir denn wirklich eine Einheit der Kirchen?

Eine Einheit der Kirchen wohl nicht, aber ein geschwisterliches Miteinander der Christen sehr wohl.

Bei aller Unterschiedlichkeit brauchen wir einander, um uns gegenseitig die Heilsbotschaft vorzuleben und auszurichten. Die fremde Gerechtigkeit, die Rechtfertigung aus Gnaden, das Geheimnis einer Liebe, die stärker ist als der Hass, das Geheimnis eines Lebens, das stärker ist als der Tod – das sind die Quellen christlicher Gemeinschaft.

Und – Gott hat alle seine Kinder (wohl: alle seine Menschen!) lieb.

Das heißt: Gott hat die Ökumene längst verwirklicht – wir hinken halt noch ein wenig hinterher. Das ist nicht schlimm.

Was ist nun unsere ökumenische Aufgabe?

Unseren Glauben zu leben, uns von Gott lieben zu lassen und achtsam und liebevoll mit unseren katholischen Geschwistern umgehen – gerade wegen der Unterschiede: Lernen wir einander besser kennen, lernen wir verstehen, was und wie der Andere glaubt, und bauen wir Jahr für Jahr lebensmäßig ein paar Vorurteile mehr ab.

Grenzen wir einander nicht aus, lachen und weinen wir miteinander und knüpfen wir unser Miteinander nicht an irgendwelche Bedingungen.

Einen guten Start in ein in diesem Sinne ökumenisches Jahr wünscht Ihnen

Ihr Pfarrer Christian Brost

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