Jesus, der Jude

NÖ Rektorentagung 2014

Wenn ein Markus Öhler über Jesus referiert, dann ist ein theologisch brillanter, dabei immer verständlicher und spannender Vortrag garantiert. Was diesmal noch hinzukam, war nicht weniger als eine Infragestellung überkommener Ansichten – und das war gut so.

Am 20. September referierte Prof. Pfr. Dr. Markus Öhler vor der zahlreich versammelten niederösterreichischen Lektorenschaft in unserem Gemeindezentrum über „Jesus, der Jude“. Und gleich zu Beginn wurden wir mit zwei Fragen konfrontiert, die wir so wohl nicht erwartet hatten: Von welchem Jesus und von welchem Judentum reden wir denn eigentlich?

Der rekonstruierte Jesus

Was folgte, war eine hervorragende Einführung in die historisch-kritische Methodik der Theologie, die die Person Jesus in wissenschaftlicher Weise zu rekonstruieren versucht – immer im Wissen, dass diese Rekonstruktion nie den wahren Jesus beschreiben kann. Es fällt uns ja schon schwer zu sagen, was für ein Mensch denn etwa unser Großvater denn wirklich war; wir können bestimmte Fakten zusammentragen, aus dem damaligen bekannten Lebensumfeld Schlussfolgerungen ziehen, aber es bleibt dabei immer ein rekonstruiertes Bild. Jesus so zu „rekonstruieren“ ist also im Prinzip nichts anderes, als was die Geschichtsforschung zu Personen wie Cäsar oder Sokrates zu erarbeiten versucht.

Davon zu unterscheiden ist der Jesus, der uns durch die Evangelien und andere Schriften des Neuen Testaments überliefert ist. In diesen biblischen Schriften geht es nicht um einen historischen Tatsachenbericht, sondern um einen durch Glauben geprägten Blick auf Jesus.

Das Judentum zur Zeit Jesu

Unbestritten ist, dass Jesus Jude war. Aber das können wir mit dem heutigen Judentum nicht gleichsetzen.

Vor 2000 Jahren gab es viele Gruppierungen des Judentums, die zum Teil miteinander rivalisierten. Es gibt nun verschiedene theologisch-wissenschaftliche Methoden, die Jesus in dieses bunte Spektrum des damaligen Judentums einzuordnen versuchen. Dennoch bleibt strittig: War Jesus ein jüdischer Rabbi? Ein jüdischer Prophet? Ein jüdischer Messias? Ein Pharisäer unter Pharisäern? Oder gar ein Essener? Ein jüdischer Magier? Ein jüdischer Aufständischer?

Ein evangelischer Gottesdienst in der ehemaligen Synagoge

Der abschließende Gottesdienst nahm durch räumlich-liturgische Besonderheiten das Tagungsthema wieder auf. Die Sesselreihen standen parallel zu den Emporen, wodurch der „Gemeinderaum“ in der Mitte leer – besser gesagt: weit – wurde: eine räumliche Anordnung, die so oder so ähnlich vermutlich auch in unserer Kirche als Synagoge bestanden hatte. Die sich dadurch gegenüber sitzende Gemeinde sprach sich – gleichsam von Angesicht zu Angesicht – die Verse des Psalms zu. Die Lieder wurden a capella gesungen, was gerade auch durch den weiten leeren Raum besonders „stimmig“ wirkte. Die Predigt wurde von der Mitte des Raumes aus gehalten – also von der Stelle, wo einst die Bima gestanden hatte: Die Bima ist neben dem Thoraschrein der liturgische Mittelpunkt einer Synagoge, der Ort der Thora-Lesung.

Für uns Stockerauer Lektoren war dieser Tag ein besonders lehrreicher und stimmungsvoller, gleichzeitig auch ein beeindruckender Start in unseren Evangelischen Monat im Oktober. Dass die Vorfreude gerade auch auf unseren ersten Gastprediger noch weiter gestiegen ist, wird wohl niemand verwundern.

Andreas Andel

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