Israelsonntag – Interview mit Pfr. Brost in der SAAT

Gedenkstein

Der Herr gedenkt ewiglich an seinen Bund, an das Wort, das er verheißen hat für tausend Geschlechter, an den Bund, den er geschlossen hat mit Abraham, und an den Eid, den er
Isaak geschworen hat.
Psalm 105,8+9

Der 10. Sonntag nach Trinitatis ist im Kirchenjahr der so genannte Israelsonntag. An diesem Sonntag geht es um das Verhältnis von Israel und christlicher Kirche. Im Evangelischen Gottesdienstbuch ist neuerdings als Evangelium an diesem Sonntag das Gespräch zwischen Jesus und einem Pharisäer vorgeschlagen.

Auf die Frage des Pharisäers nach dem höchsten Gebot antwortet Jesus mit dem Grundbekenntnis Israels: „Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften.“  Und ergänzt: „Das andere ist dies: Du sollst deinen
Nächsten lieben wie dich selbst.“ Als der Schriftgelehrte ihm beipflichtet, sagt Jesus zu ihm: „Du bist nicht fern vom Reich Gottes.“

Damit ist der gemeinsame Glaubensursprung und Glaubensgrund – und auch das gemeinsame Ziel von Juden- und Christentum artikuliert!

Wir evangelische Christen in Stockerau haben mit unserer Lutherkirche , die ja einmal jüdische Synagoge gewesen ist , die besondere Aufgabe übernommen, daran zu erinnern, dass Jesus Jude gewesen ist und aus dem reichen Schatz jüdischer Spiritualität geschöpft hat. Der Dialog zwischen diesen beiden abrahamitischen Religionen, die wie der Islam nur einen Gott kennen, ist gut, heilsam und damit unerlässlich.

Eines der Gebete für diesen Sonntag richtet den Blick auf die Zukunft:
Treuer Gott, stärke unser Verlangen nach deinem Reich, in dem beide, Juden und Christen, vereint sein werden, dich zu loben in Ewigkeit.“

Im Folgenden geben wir ein Interview wieder, das die sehr empfehlenswerte evangelische Monatszeitschrift „Die Saat“ mit Pfarrer Christian Brost geführt hat und das in der Ausgabe Nr. 8 vom August 2014  abgedruckt war.

Israelsonntag 2014
Die Saat – Interview mit Senior Christian Brost, Stockerau.

Saat: Die Lutherkirche Stockerau wurde 1903 als Synagoge erbaut. Wie gehen Sie heute in der Gemeinde mit diesem Erbe um?

Christian Brost: Indem wir die sogenannte ‚Stockerauer Angelegenheit’, das heißt die Arisierung der ehemaligen Synagoge im Jahr 1938 und den Umbau zu einer evangelischen Kirche nicht verschweigen, sondern benennen. Ein Gedenkstein vor der Kirche erinnert an die leidvolle Geschichte dieses Gotteshauses und der Menschen, die hier gebetet haben.

Saat: Wie wird unsere christliche Weggemeinschaft mit dem Judentum im Gebet und Gottesdienst Ihrer Gemeinde sichtbar?

Christian Brost: Die Erinnerung an den synagogalen Hintergrund unserer Kirche hat uns sehr geholfen den Zauber und die Weisheit jüdischer Spiritualität zu entdecken. Jesus war Jude. Seine Theologie und Verkündigung ist natürlich tief  im jüdischen Glauben verwurzelt.  Dass dies in der Predigt und den Gebeten berücksichtigt wird, ist meines Erachtens selbstverständlich!

Saat: Was bedeutet die Verwurzelung unseres christlichen Bekenntnisses im Judentum es für Sie persönlich?

Christian Brost: Diese Verwurzelung ist Gabe und Aufgabe zugleich. Meines Erachtens lohnt es sich sehr, genauer hinzusehen und vom Judentum, dem wir neben vielem Anderen den Monotheismus, den Ruhetag in der Woche und mit dem Ersten Testament ein atemberaubend schönes und kluges Buch verdanken, zu lernen. Die Aufgabe sehe ich darin, das Gelernte behutsam und liebevoll in die Verkündigung und die gemeindliche Arbeit einfließen zu lassen.

Saat: Was wünschen Sie sich mit Blick auf das Jüdische in  unserem Glauben für unsere Kirche? Wohin soll der Wohin soll die Feier des Israelsonntags die Kirche und die Christen
führen?

Christian Brost: Ich halte einen lebendigen Austausch zwischen Juden und Christen für
unerlässlich. Ängste und Vorurteile werden meines Erachtens am leichtesten lebensmäßig abgebaut – durch Begegnungen und Gespräche. Ich erinnere mich an sehr bewegende und lehrreiche Begegnungen mit den Rabbinern und Gemeindegliedern von Or Chadasch in Wien und in Stockerau.

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