Tanz der Farben

Tanz der Farben - Blätter
© Mateusz Stachowski, http://www.sxc.hu

Der Herbst gilt als bunte Jahreszeit. Die sich verfärbenden Blätter mischen das vorherrschende Grünbraun auf und verleihen dieser Zeit ihren ganz besonderen Reiz. Und dennoch ist mit „Tanz der Farben“ nicht die Jahreszeit gemeint. Mich inspirierte ein Buch mit eben diesem Titel, das ich im Sommer gelesen habe. Geschrieben von dem reformierten Theologen Peter Dettwiler trägt es den Untertitel: Plädoyer für eine Spiritualität der Gemeinschaft. Kursiv gesetzte Abschnitte zitieren Dettwiler.

Einen Gedanken möchte ich gerne herausgreifen und vertiefen.

Was ist eine Spiritualität der Gemeinschaft?

„Was ich glaube und wie ich meinen Glauben lebe, geht doch nur mich etwas an.“ So oder so ähnlich höre ich öfters Menschen sprechen. Menschen aus unterschiedlichen Konfessionen, manche aus ihren Kirchen Ausgetretene, andere „nur“ fernstehend. Viele reagieren ablehnend auf fromme Worte, auf kirchliche Verlautbarungen, auf religiöse Akzente. Gleichzeitig ist die Suche nach Sinn, nach Erfüllung, nach Heimat, nach Transzendenz (die sinnliche Wahrnehmung übersteigend) unübersehbar.

Auch als aktive Christin bin ich hin und her gerissen. Das Leben, wie es jede/jeder führt, spielt sich großteils abseits der Kirchengemeinde ab. Familie, Beruf, ja der Alltag sind einfach menschlich mit allen bekannten Problemen von Streit, Eifersucht, Sorgen und Einsamkeit.

Dem gegenüber steht der sonntägliche Gottesdienst, der uns aus eben diesem Alltag herausführen will. Raum zur Begegnung mit Gott; Zeit, um auf Gottes Wort zu hören; Möglichkeit mit Gleichgesinnten zu feiern, singen, beten.

Diese Spannung zu überwinden, heißt in Jesu Fußstapfen zu gehen.

Jesus ist ganz bei Gott UND ganz bei den Menschen. Er wandelt über das Wasser und macht sich die Füße staubig auf den Landstraßen Palästinas. Er verwandelt Wasser in Wein und vermehrt Brot, doch selber erleidet er Hunger und Durst. Er holt Ausgestoßene in seine Gemeinschaft, doch am Ende wird er sogar von seinen Freunden verlassen. Er heilt viele Menschen von ihren Gebrechen, doch sich selber kann er nicht helfen.

Spiritualität im Alltag

Ein derartiges Leben, das göttliches und menschliches Leben verbindet – auch wenn es uns nur ansatzweise gelingen mag –, verbindet unsere Spiritualität mit dem Alltag. Wenn Glaube im Alltag Gestalt gewinnt, dann im liebenden, unterstützenden und annehmenden Zugehen auf die Mitmenschen. Diese Spiritualität baut eine solidarische Gemeinschaft, die nicht nach dem Recht des Stärkeren funktioniert.

Und läßt uns nahe bei Gott UND nahe bei den Menschen sein. Und macht aus einer beliebigen Gemeinschaft eine christliche.

Christus ist in ihrer Mitte. Spiritualität dieser Gemeinschaft schenkt ihre ganze Aufmerksamkeit ihrem Zeugnis: „Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt.“ (Joh 13,35)

Eine gemeinschaftliche Spiritualität entdeckt im Mitmenschen den Bruder oder die Schwester, geschaffen nach Gottes Abbild. Sie pflegt diese Beziehungen, weil in ihnen das göttliche Leben erst wirklich zu kreisen beginnt. Eine solche Gemeinschaft, in der Christus und seine Gaben zum Tragen kommen und sich entfalten können, wird zum Licht für andere und zur Stadt auf dem Berg.

Für uns als Gemeinde ist es eine bleibende Herausforderung, das Evangelium nicht nur sonntäglich zu verkündigen und zu hören, sondern lebendig zu bezeugen in unserem alltäglichen Miteinander und Füreinander unseres Lebensraumes.

Irmi Lenius

Wer mehr lesen will:
Peter Dettwiler, Tanz der Farben, Vlg Otto Lembeck, ISBN 978-3-87476-491-9

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