Evangelische Kirche – Einsatz für Menschlichkeit und Miteinander

Bünker
Dr. Michael Bünker, Quelle: zvg

Diakonie in der Gemeinde

„Diakonie gehört zu den wesentlichen Aufgaben der Kirche“ – so hält es die Verfassung der Evangelischen Kirche in Österreich (Artikel 4) fest. Freiheit und Verantwortung gehören nach evangelischem Verständnis untrennbar zusammen. Damit das gestärkt wird und nach außen sichtbarer ist, hat die Evangelische Kirche das Jahr 2013 zum „Jahr der Diakonie“ erklärt. In allen Bundesländern und in allen Gemeinden soll erfahrbar werden, welchen Beitrag die Gemeinden vor Ort für ein gutes Miteinander in der Nachbarschaft leisten. Dafür gibt es ein biblisches Motto, es lautet: „Damit es zu einem Ausgleich kommt“ (2. Korinther 8,13) und den Leitspruch: „zugewandt ­­– solidarisch – vernetzt“.

Warum wurden die Möglichkeiten des diakonischen Gemeindeaufbaus und die Verantwortung der christlichen Gemeinde für die Mitgestaltung des Sozialraums, des nächsten Umfelds zu selten in den Blick genommen? Womit ich nicht sagen will, dass in unseren Gemeinden nichts oder zu wenig Diakonisches geschieht an nachbarschaftlicher oder innergemeindlicher Unterstützung, in Besuchsdiensten oder wo auch immer. Aber für unser Selbstbild und Selbstverständnis scheint Diakonie noch zu oft eine untergeordnete Rolle zu spielen.

Ursprüngliches Selbstverständnis

In den urchristlichen Gemeinden des 1. und 2. Jh. war Diakonie ein fester Bestandteil des Gemeindelebens: Besuche kranker und Unterstützung armer Gemeindeglieder, wöchentlich gemeinsame Mahlzeiten mit Abendmahlfeiern, Gastfreundschaft gegenüber Fremden, das waren die Grundlagen ihres Handelns, das eine geradezu missionarische
Ausstrahlung hatte. Diakonia (Dienst am Nächsten), Leiturgia (Gottesdienst), Martyria (Zeugnis und Verkündigung) und Koinonia (Gemeinschaft), diese vier Dimensionen bildeten eine Einheit. Diakonie gehörte zum Selbstverständnis und Selbstbild der Gemeinde. Von daher: „Diakonie ist nicht etwas, was eine Gemeinde auch noch macht, sondern etwas, was sie ausmacht.“ Dieser Satz trifft den Kern, wie Gemeinde zu verstehen ist. Kirche ist nur Kirche, wenn sie diakonische Kirche ist.

Gott, als hilfloses Kind. Ausgegrenzt, kein Geld und Platz. So fängt es mit der Weihnachtsgeschichte an. Und so erzählt Jesus eben auch nicht nur das Gleichnis vom barmherzigen Samariter, sondern er sitzt mit den Ausgegrenzten seiner Zeit, Zöllnern und Sündern, zu Tisch. Er ergreift Partei für die Armen und erinnert die Reichen an ihre Verantwortung für das Gemeinwohl. Jesus steht damit in der Tradition der Tora und der Propheten, die immer und immer wieder Gerechtigkeit (zedaka), Gemeinschaftssinn und Solidarität (chesed) forderten. Ein faszinierender Auftrag ist für uns damit verbunden, Ausgrenzungen jeder Art zu überwinden, Teilhabe zu ermöglichen und eine inklusive Gemeindekultur zu entwickeln. Also nicht „Kirche für andere“, sondern „Kirche mit allen“, „Miteinander Kirche sein“. „Diakonische Gemeinde“ verstanden als „wechselseitige aufmerksame und solidarische Gemeinde“.

Alle sind Subjekte der Gemeindediakonie

Oft reden wir von „den anderen“, denen unser diakonisches Handeln gelten soll. Aber „die anderen“ sind mitten unter uns, in unseren Gemeinden und nebenan im Dorf oder Stadtviertel: die Frau mit der kleinen Rente, der arbeitslos gewordene Mittfünfziger, die Alleinerziehende, die Familie mit vielen Kindern etc.

Wichtig erscheint es mir, z.B. arme Menschen nicht in erster Linie als „Bedürftige“ zu sehen und zu bezeichnen, sondern zunächst einfach als „Menschen mit wenig Geld“. Und dass wir sie als Gemeindeglieder in den Blick nehmen, die vielleicht Lust haben sich ehrenamtlich zu engagieren oder im Kirchenchor mitzusingen – wenn man sie fragen würde.

Die leitenden Stichworte für unseren diakonischen Auftrag heißen also damals wie heute: Ausgrenzung überwinden, Teilhabe ermöglichen, eine inklusive Gemeindekultur entwickeln, für eine gerechte und solidarische Gesellschaft eintreten.

Diakonische Gemeindeentwicklung

Jede unserer Gemeinden sollte tun, was sie kann, jedes Umfeld braucht etwas anderes, und das ist gut so. Wenn eine Gemeinde sich fragt: Wo stehen wir diakonisch, wo wollen wir hin? Dann ist z.B. die Apostelgeschichte 6,1-7 ein interessantes Beispiel für den  gemeindediakonischen Entwicklungsprozess. In der Urgemeinde in Jerusalem erhob sich ein Murren unter den griechischen Juden, weil ihre Witwen bei der täglichen Versorgung übersehen und nur die Witwen der hebräischen Juden versorgt wurden. Die Witwen der zugewanderten griechischen Mitchristen wurden übersehen. Die Jünger beriefen daraufhin eine Gemeindeversammlung ein. Das Ergebnis der Beratungen: Sieben Männer wurden eingesetzt, damit alle Armen und Witwen täglich mit Essen versorgt werden können. Eine Gemeinde kann sich ausgehend von dieser Erzählung der Apostelgeschichte fragen: Wen haben wir im Blick? Wen übersehen wir? Wie wollen wir uns diakonisch weiterentwickeln? Auf diese Weise kann eine orientierende Bestandaufnahme gemacht werden. Gemeinwesen- und Stadtteilarbeit kann in unterschiedlichen Formen stattfinden:

Pfarrgemeinden machen diakonische Arbeit und engagieren sich in ihrer Umgebung, rufen soziale Projekte ins Leben.

Pfarrgemeinden arbeiten zusammen mit diakonischen Einrichtungen in der Nähe.

Pfarrgemeinden und Diakonie-Einrichtungen arbeiten zusammen mit anderen Akteuren und Einrichtungen in ihrem Umfeld.

Pfarrgemeinden begeben sich aktiv auf die Suche in ihrem Umfeld nach dem, was es braucht und wo etwas getan werden kann.

Denken Sie daran: Wenn Sie da oder dort ein neues soziales Projekt oder Angebot im Gemeinwesen mit Kommunen oder Vereinen zusammen entwickeln, gewinnen Sie oft auch Menschen, die nicht zur Kerngemeinde gehören, sich aber gerne einbringen wollen. Das zeigt die Erfahrung landauf, landab.

Die richtigen Fragen stellen

Nicht: Was können wir denn für Arme tun? Wir müssen nicht so schnell immer etwas „für andere“ tun wollen, sondern uns fragen: Wie geht es Menschen in prekären Lebenslagen? Wir sollten uns in ihr Leben hinein versetzen, mit ihren Augen die eigene Gemeinde anschauen und uns in sie einfühlen. Uns fragen: Was würde ihnen helfen, was müssten wir ändern, damit sie den Weg zu unseren Angeboten finden?

Oft geht es gar nicht darum, neue Angebote zu entwickeln, sondern einfach die bestehenden unter dem diakonischen Aspekt anzuschauen von der Jungschararbeit, dem Konfiunterricht, dem Besuchsdienst bis zu den Gottesdiensten und dem Gemeindebrief. Wie könnten wir bei diesen Angeboten noch mehr ausgegrenzte Kinder, Jugendliche, Familien oder alte Menschen in den Blick bekommen und integrieren?

Menschen, die es im Leben schwer haben, brauchen vor allem eines: Hoffnung. Sie sehen für sich oft keine Perspektive. Deshalb geht es vor allem darum, Menschen in schwierigen Lebenslagen Perspektiven aufzuzeigen, ihnen Mut zu machen, Hoffnung zu wecken. Das machen Beratungsstellen mit professionellen Teams, das können jedoch alle, haupt- und ehrenamtlich Mitarbeitende in den Gemeinden, das können wir alle als Gemeindeglieder, Nachbarn und Mitmenschen. Dazu motiviert uns 1. Petrus 3,15: „Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist.“ Das ist vielleicht mit das Wichtigste, Menschen wo immer möglich neue Hoffnung zu geben, Lebensmut zu wecken. Wenn wir von dieser Hoffnung unseres Glaubens getragen werden, dann können wir sie auch an andere weitergeben.

Dr. Michael Bünker
Bischof der Evangelischen Kirche A.B. in Österreich

Lebenslauf

Michael Bünker, geboren am 26. April 1954 im Pfarrhaus in Leoben/Stmk als drittes Kind des evangelischen Pfarrers von Leoben, Otto Bünker, und seiner Frau Lisl, geborene Kohl.

Aufgewachsen in Radenthein in Kärnten, Gymnasium von 1964 bis 1972 in Villach, anschließend Studium der evangelischen Theologie in Wien; Promotion zum Dr.theol. 1981; ab 1980 Vikar in Wien-Döbling, nach der Ordination Wahl zum zweiten Pfarrer in Wien-Floridsdorf; 1991 mit der Leitung der Evangelischen Religionspädagogischen Akademie (ERPA) betraut, im Herbst 1999 Wahl zum Oberkirchenrat, am 1. Juni 2007 Wahl zum Bischof der Evangelischen Kirche A.B. in Österreich. Seit 1. Jänner 2007 Generalsekretär der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE).

Sommerurlaub alljährlich in der eigenen Almhütte in den Kärntner Nockbergen (wo es keinen Strom gibt).

Lektüre: Neben berufsbezogener Literatur Krimis, Paul Auster und neue österreichische Literatur

Musik: Natürlich Bach, Schubert und Mozart, spielt selber gerne Schlagzeug.

Geht gerne ins Kino und dann und wann Fliegenfischen.

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