Gemeindereise Jordanien 2013

Jordanien2013

Bereits zum fünften Mal durfte ich an einer Gemeindereise der evangelischen Gemeinde teilnehmen, und auch heuer war diese Zeit wieder getragen von der besonderen Stimmung unserer Reisegruppe, die in ihrer Vielfalt neuerlich zu gelebter Gemeinschaft wurde. Diese Atmosphäre, die jederzeitige Unterstützung und herzliche Begleitung durch Christian und Martin sowie die Kompetenz und sensible Menschlichkeit unseres muslimischen Reiseführers Kifah, bildeten die Grundlage für ein einmaliges Erlebnis. Gerne gebe ich einige meiner persönlichen Eindrücke und Gedanken wieder, ohne damit unsere Reise wirklich in ihrer ganzen Fülle beschreiben zu können.

Amman ist Anfang und Ende unserer Reise. Der Besuch der Zitadelle ermöglicht einen herrlichen Blick über die Hauptstadt, und archäologische Funde aus verschiedenen Epochen zeigen die historische Entwicklung. Erst in den letzten Jahrzehnten wuchs Amman von einer Kleinstadt zu einer Metropole, in erster Linie durch Einwanderung von Flüchtlingen, vor allem aus dem Irak, Syrien und Palästina. Wenn heute allzu oft reiche Länder des Westens „ihr Boot als voll“ bezeichnen, so zeigt sich Jordanien Immigranten gegenüber in bewundernswerter Weise offen. Diese generelle Offenheit Jordaniens, bei Wahrung der eigenen Identität, konnte man auf der ganzen Reise spüren, besonders im Umgang mit anderen Religionen.

Von Amman fahren wir in den Norden nach Um Queis, dem antiken Gadara. Von den römischen Ausgrabungen schaut man fasziniert hinunter auf den See Genezareth und Tiberias.

Erinnerungen an unsere Gemeindereise nach Israel werden wach. So nahe vor uns und doch so weit entfernt. Wie sehr wird einem bewusst, dass, trotz Friedensvertrag, eine tiefe emotionale Grenze zwischen diesen beiden Ländern der Bibel liegt. Der Blick nach Israel wird uns weiter begleiten, und traurig müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass vor allem fehlendes Vertrauen zueinander einen dauerhaften Frieden der Region immer wieder verhindert.

Weiter im Norden kommen wir nach Jerash, in römischer Zeit Gerasa genannt. Als eine der besterhaltenen römischen Städte kommt hier die unglaubliche Kreativität und Baukunst der Römer, ihr technisches Wissen und ihr Sinn für Kultur und Luxus besonders deutlich zum Ausdruck.

Ich lerne, dass Gadara und Gerasa, als Orte von Jesu Heilung eines von Dämonen Besessenen, wie von den Synoptikern erwähnt, aus geographischen Gründen nicht in Frage kommen und diese Erzählung offensichtlich eine „verschlüsselte“ Botschaft, vielleicht als Kritik an der römischen Besatzung, vermitteln wollte.

Am nächsten Tag besuchen wir den Berg Nebo, von dem Moses das „gelobte Land“ erblickte und es doch nicht betreten durfte. Nach der Tradition ist dort auch sein Grab. Wieder schauen wir nach Israel hinüber, gegenüber Jericho, nur

21 km entfernt, dazwischen das grüne Jordantal zum Greifen nahe. Das Tote Meer im Süden, Jerusalem und Betlehem im Norden können wir nur im Dunst erahnen. Das gemeinsame Hören der entsprechenden Bibelstelle lässt mich das alttestamentliche Geschehen an diesem Ort neu empfinden.

Über die alte Königstraße Richtung Süden erreichen wir einen Höhe-punkt unserer Reise, die Stadt Petra. Dieses Weltkulturerbe lässt sich mit Worten eigentlich nicht beschreiben. In der Harmonie von Wundern der Natur und Wundern menschlicher Schaffenskraft spürt man förmlich Gottes unfassbare Schöpfung. Mit Pferdekutschen oder zu Fuß kommt man durch eine lange Felsschlucht von atemberaubender Schönheit. Die vielfältigen Farben des Gesteins und die Mächtigkeit des Massivs lösen sprachloses Staunen aus. Plötzlich ein schmaler Durchgang, der die Sicht freigibt auf das sogenannte Schatzhaus, das berühmteste der unglaublichen Werke der Nabatäer, jenes Stammes, der vor mehr als 2000 Jahren Petra errichtet hat. Diese aus dem Stein gehauenen riesigen Bauten, meist Gräber und Tempel, wurden in unvorstellbarer Präzision über Jahrzehnte geschaffen. Die Nabatäer waren aber nicht nur außergewöhnliche Architekten und Steinmetze, sondern hatten auch enormes technisches Wissen, insbesondere im Bau von Wassersystemen. Die Schlucht und die Stadt sind von einem Leitungsnetz für Trink- und Brauchwasser durchzogen, das die Wasserversorgung sicherstellte und gleichzeitig die Gefahr von Überschwemmungen minimierte. Was bleibt von Petra ist tiefe Ehrfurcht und Demut.

Das Erlebnis Gottes wunderbarer Schöpfung fand seine Fortsetzung in Wadi Rum. Mit Jeeps fuhren wir in die Wüste, vorbei an mächtigen Steinformationen, die im Laufe der Jahrtausende durch Wasser, Wind und Sand ihre bizarre Schönheit bekamen. Gedanken an Lawrence von Arabien gehen durch den Kopf, von den Kämpfen um Freiheit bis zur Entstehung des eigenständigen Königreiches Jordanien. Die Wüste lebt, nicht nur in ihrer Tier-und Pflanzenwelt, sondern auch in der Begegnung mit den Beduinen. Ihre einmalige Gastfreundschaft ruft Hochachtung vor diesen einfachen und doch so weisen Wüstenmenschen hervor. Schon ein wenig davon würde unserer westlichen, so oft von Egoismus geprägten Wohlstandsgesellschaft gut tun. Das abschließende großartige Essen aus dem Erdofen wurde nur von Christians erstem Ritt auf einem Kamel übertroffen – ein besonderes Erlebnis für Christian, aber vielleicht auch für das Kamel, das wahrscheinlich das erste Mal einen Pfarrer tragen durfte.

Von der Wüste geht es ans Rote Meer nach Aqaba, dem südlichsten Punkt unserer Reise. Hier treffen Ägypten, Israel, Jordanien und Saudi Arabien eng aufeinander, wieder in gefühlter misstrauischer Spannung. Für uns werden Sonne, Wärme und Meer zu einer herrlichen Kompensation heimatlicher Wintergefühle. Beim Einkaufsbummel durch die Stadt gibt man dem großartigen Schauspiel orientalischen Verkaufstalents für Kleider, Schmuck, Gewürze und Nüssen gerne nach und nimmt gelassen das Risiko von Übergewicht des Gepäcks in Kauf.

Nicht nur für mich ein ganz besonderer Höhepunkt der Reise war der folgende Besuch von Jesu Taufstelle. Dieses Gebiet wird heute als das biblische „Bethanien jenseits des Jordan“(Joh 1,28) allgemein anerkannt, auch als Wirkungsstätte des Propheten Elija, der nach der Tradition in Johannes dem Täufer wiederkam. Ein romantischer Weg zwischen dichten Bäumen und Sträuchern, die die fruchtbare Nähe des Jordan ankündigen, führt zur „Johannesquelle“, einem versteckten, berührenden Ort. Kristallklares Wasser sprudelt hervor, und meine schwangere Tochter nimmt davon für die Taufe ihres Kindes – welch unbeschreibliches Gefühl. Vorbei an einer byzantinischen Taufstätte und Kirchen heutiger christlicher Konfessionen erreicht man die überlieferte Taufstelle.

Genau gegenüber hat Israel ebenfalls eine Gedenkstätte errichtet. Dort tauchen Menschen ins Wasser, hier lassen wir die Füße darin baumeln. Alles in Reichweite, fast könnte man sich die Hand reichen, und doch ist die Grenze unüberwindbar – Soldaten und Militäreinrichtungen auf beiden Seiten bewachen ihre Einhaltung. Warum? Hier ist doch der einmalige Ort, wo die drei abrahamitischen Weltreligionen „sich berühren“. Ich träume von diesem Ort der Taufe unseres Herrn als Möglichkeit einer interreligiösen Stätte des Friedens, als Symbol, dass Grenzen überwindbar sind, ehrlicher Dialog aus gemeinsamen Wurzeln geführt und trotz aller Unterschiede gegenseitiges Vertrauen entstehen kann.

Am Rückweg nach Amman ist ein Halt am Toten Meer Pflicht. Das einmalige Badeerlebnis lasse ich mir auch dieses Mal nicht entgehen. Nicht zuletzt um auch Danke für das Erlebte zu sagen, bildet ein Gottesdienst in der lutherischen Kirche von Amman den Abschluss unserer Reise. Einleitend vermittelt der lokale Pfarrer überzeugend das Leben und Wirken der kleinen lutherischen Gemeinde. Seine Visionen und Initiativen, durch gelebtes Christentum zu ökumenischem und interreligiösem Dialog ohne Radikalität und Fundamentalismus beizutragen, haben bei mir großen Respekt hinterlassen. Christian bringt in seiner Predigt unsere Reise aus christlicher Sicht auf den Punkt. Johannes, der Vorläufer, bereitete den Weg „für einen der größer ist als er“, Jesus, mit dem das Reich Gottes, das Reich der Liebe begann und durch ihn seine Erfüllung und Vollendung findet. In Gedenken an ihn empfinde ich das folgende gemeinsame Abendmahl auch als schönes, abschließendes Zeugnis der Gemeinschaft unserer vielfältigen Reisegruppe.

Dr. Hannes Lauermann

 

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