Nischenfüller und Kunstschätze

Orgel Harmonium Hollabrunn

(Foto: Evang. Pfarrgemeinde Stockerau)

Kirchen gehören zu den Kulturgütern, und darin darf man daher auch Kunstschätze vermuten. So darf auch in der evangelischen Kirche von Hollabrunn solches angenommen werden, und man wird tatsächlich fündig – so unglaublich das auch klingen mag, zumal der Bau ja nicht aus der Blütezeit des Barock stammt. Bei dem Kunstgegenstand handelt es sich um ein Musikinstrument, das in einer Abstellecke hinter einem Vorhang und zwischen Kästen versteckt als wörtlich genommenes Nischenprodukt stumm steht und ruht.

Das Instrument ist ein Harmonium (Erbauer Schiedermayer um 1900?), das sowohl händisch als auch automatisch (mit Walze) spielbar ist. In einer Zeit, in der die Technik in die Hauskultur ihren Zugang fand, stellte man sich gerne solche Instrumente neben – dann auch statt – der Klaviere in das Repräsentationzimmer, in den Salon, und hatte seine Freude, dass nun auch zum Zeitunglesen, zu kleinerer stiller Hausarbeit oder unterhaltsamer Konversation Musikgenuß möglich war.

Das Instrument in Hollabrunn ist jedoch zum ganz automatischen Spiel noch nicht geeignet. Es braucht den Luftdruck, der einerseits zum Erklingen der Klangzungen und andererseits zum Antrieb der Walze notwendig ist. Es ist sozusagen ein halbautomatisches Instrument. Man muss sich das so vorstellen: Der Spieler sitzt vor dem Kasten, die Hände an den Tasten, die so wie bei Orgel und Klavier gespielt werden. Die Füße betätigen zwei Pedale, die ständig in abwechselnder Tretbewegung einen Balg mit Luft speisen. Aus diesem Balg holen sich die Töne und der Walzenmotor ihre Energie. Dies bedeutet, dass sich dieser Druck auch ändern kann: Bei vielen Registern und vollen Akkorden wird viel Wind benötigt, bei leisen Stellen und wenig Tönen geringer Druck. Dies muss also mit den Füßen ausgeglichen werden. Zusätzlich gibt es noch vier Kniehebel, die die Dynamik und die Registerzu- und –abschaltung regulieren können. Dies ermöglicht wunderbare Crescendo-Effekte.

Wie schon erwähnt ist es auch möglich, vorgefertigte Musik abzuspielen. Diese ist auf langen Papierstreifen eingestanzt, die wiederum auf Holzspulen eingerollt sind. Zum Spielen wird eine solche Spule in eine Kammer, die sich in Höhe des Notenpults befindet und mittels eines Glasfensters geöffnet werden kann, eingesetzt. Diese wird dann unter Druck gesetzt, und der Pneumatikantrieb spult den Papierstreifen an einer Ventilmechanik vorbei, die mit den Tasten verbunden ist und so die Musik abspielt. Am Papierstreifen kann der Spieler oder die Spielerin abgelesen, wie die Dynamik mittels der Knieregler gestaltet werden kann. Diese Rollen konnten (und könnten auch noch heute) mit der entsprechenden Wunschmusik bestellt werden sowie auch aufbewahrt und gesammelt werden – in Hollabrunn lagern rund 30 solche Rollen.

Künstlerisch stehen dabei unzählige Möglichkeiten offen, denn es bietet sich auch an, zu den vorgefertigten Musikstücken mittels der Klaviatur dazu zu spielen und zu improvisieren.

Das Instrument ist sehr schön gefertigt und solide gebaut, obwohl es für einen tadellosen Spielbetrieb gründlich gereinigt und überarbeitet werden müsste. Für den kirchlichen Gebrauch ist es nur bedingt einsetzbar: auf den vorgefertigten Rollen finden sich Musikwerke aus der Symphonien- und Opernwelt. Kirchenmusik oder gar Gesänge aus dem EG sind nicht zu finden.

Die Kirchengemeinde würde dieses Instrument gerne veräußern und ruft Liebhaber und Instrumentensammler auf sich das Instrument anzusehen und ein Angebot zu machen.

Mag. Johannes Lenius

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