Über den Teamgeist

(Diese Predigt hat Vikar B. Petri-Hasenöhrl am 1. Juli, wenige Stunden vor dem Finale der Fußball Europameisterschaft gehalten.)

1.

Heute Abend ist es endlich soweit – oder auch: heute Abend ist es endlich vorbei. Wie auch immer wir dazu stehen mögen: heute Abend findet das letzte Spiel, das große Finale der Fußball-Europameisterschaft in der Ukraine statt. Wer da im Finale um den großen Sieg spielt – das war wohl nur teilweise vorauszusehen: Italien gegen Spanien. Wer von den beiden gewinnt – das wage ich allerdings gar nicht vorauszusagen.

Eines ist aber jetzt schon klar: Österreich wird der neue Fußball-Europameister sicherlich nicht heißen. Denn „wir“, wir sind ja wieder einmal nicht dabei. Österreich war auch dieses Mal wieder zum Zuschauen gezwungen. Es hat nicht gereicht. Zu schlecht gespielt in der Qualifikation. Zu schlecht, um bei den „Großen“ dabei zu sein.

Dabei wüssten wir doch so genau wie’s geht. Also zumindest wir, die zwei bis drei Millionen potentiellen Teamchefs und –chefinnen; zu Hause, vor dem Bildschirm. Wir wüssten schon, was die österreichische Nationalmannschaft machen müsste, um endlich wieder richtig gut Fußball zu spielen. Is ja auch nicht so schwer: die müssen doch einfach nur gscheit zusammenhalten, zusammen (!) spielen, endlich einmal ein bissi Teamgeist zeigen. Gemeinsam ein Ziel im Spiel müssten sie haben. Und miteinander spielen – nicht gegeneinander. Eine Spur uneigennütziger und weniger egoistisch sein vor dem Tor. Net am Spielfeld herumstreiten und sich gegenseitig fertig machen.

Naja, wenn die halt nur einmal auf UNS hören würden. Einfach das tun, was wir ihnen sagen. Dann, ja dann würd’s auch endlich klappen. Ganz sicher!

2.

Wenn die nur einmal auf mich hören würden – das hat sich wohl auch der Verfasser des ersten Petrusbriefs gedacht, als er seinen Brief an die Gemeinden von Kleinasien geschrieben hat. Folgendes können wir im 3. Kapitel lesen:

Euch allen schließlich sage ich: Haltet in derselben Gesinnung zusammen und habt Mitgefühl füreinander! Liebt euch gegenseitig als Brüder und Schwestern! Seid gütig und zuvorkommend zueinander!
Vergeltet Böses nicht mit Bösem, und gebt Beleidigungen nicht wieder zurück! Im Gegenteil, segnet eure Beleidiger, denn Gott hat euch dazu berufen, seinen Segen zu empfangen.
Ihr wisst ja: »Wer nach dem wahren Leben verlangt und glückliche Tage sehen will, der nehme seine Zunge gut in Acht, dass er nichts Schlechtes und Hinterhältiges sagt.
Er kehre sich vom Bösen ab und tue das Gute. Er mühe sich mit ganzer Kraft darum, mit allen Menschen in Frieden zu leben.
Denn Gott hat ein offenes Auge für die, die das Rechte tun, und ein offenes Ohr für ihre Bitten. Aber er wendet sich gegen alle, die Böses tun.«
Kann euch überhaupt jemand Böses antun, wenn ihr euch mit ganzer Hingabe darum bemüht, das Gute zu tun?
Wenn ihr aber trotzdem leiden müsst, weil ihr tut, was Gott will, dann dürft ihr euch glücklich preisen. Habt keine Angst vor Menschen; lasst euch nicht erschrecken!
Christus allein ist der Herr.

Teamgeist. Hier geht’s auch um Teamgeist. Aber nicht im sportlichen Sinn. Der Verfasser des Petrusbriefs hatte sicherlich nicht vor, irgendeiner Sportmannschaft mit seinen Ratschlägen zum Sieg zu verhelfen. Nein. Ihm geht’s um Alltäglicheres. Er spricht christliche Gemeinden an. Der Teamgeist, von dem er spricht, soll sich im alltäglichen Leben von Christinnen und Christen abspielen. Es geht ihm um einen gelingenden Umgang der Menschen innerhalb einer christlichen Gemeinde – so wie auch wir es sind.

Wir sollen in derselben Gesinnung zusammen halten:

Sollen wir also alle immer derselben Meinung sein, das gleiche wollen und denken? Nein, wie auch. Dass das nicht möglich ist, wenn mehrere Menschen aufeinander treffen. Das ist dem Verfasser des Petrusbriefs wohl klar. Es geht darum, uns klar zu machen, dass wir ja alle etwas gemeinsam haben: nämlich unseren christlichen Glauben. Wir alle haben – in unserer je eigenen persönlichen Art und Weise – die Hoffnung, von Gott geliebt zu werden und daher als Mensch wertvoll zu sein. Das sollen wir uns bewusst machen.

Wir sollen einander Mitgefühl zeigen:

Das ist für den Schreiber keine einfache Floskel. Wenn wir in Gemeinschaft miteinander leben – und das tun wir als Menschen immer auf irgendeine Art und Weise – dann müssen wir aus uns herauskommen. Wir sind aufgefordert, uns in unser Gegenüber hinein zu fühlen; mit dem anderen, mit der anderen mit zu fühlen. Gemeinschaft funktioniert nur, wenn ich meinen Blick aus den eigenen vier Wänden hinaus lenke; wenn ich aufgeschlossen bin für das, was mein Gegenüber bewegt; wenn ich nicht auf meinen eigenen Gewinn auf Kosten anderer aus bin.

Wir sollen die, die uns beleidigen, segnen:

Auf Verletzungen nicht mit Zurückschlagen antworten. Den ewigen Kreislauf des Vergeltens durchbrechen. Auf die, die uns schlecht behandeln, mit Wertschätzung zugehen. Wir sollen Zeugen dafür sein, dass jeder Mensch, jede Frau, jeder Mann, jedes Kind, unter dem Segen Gottes steht. Egal, wie er, wie sie sich uns gegenüber auch verhalten mag.

3.

Ein ganz schöner Berg an Ratschlägen und Handlungsanweisungen. Aber ganz im Vertrauen gefragt: ist da jetzt wirklich irgendetwas Neues für uns dabei? Irgendetwas, das wir nicht schon aus unzähligen anderen Neutestamentlichen Texten gehört hätten? So zu leben bemühen wir uns als Christinnen und Christen doch eh immer, oder?

Ich hab den Eindruck, dass der Briefschreiber das geahnt haben könnte. Dass er geahnt haben könnte, solche zweifelnden und kritischen Reaktionen durch seine Ermahnungen heraus zu fordern. Und wie wenn er alles Gesagte um jeden Preis mit irgendetwas untermauern, quasi einbetonieren, wollte, zitiert er alte Worte: Und plötzlich geht es nicht mehr nur um gelingendes Leben in Gemeinschaft. Plötzlich scheint es nur noch darum zu gehen, Gott gefällig zu leben. „Wer glückliche Tage sehen will, der nehme seine Zunge gut in Acht.“ Wer glücklich sein will, soll Gutes tun. „Denn Gott hat ein offenes Auge für die, die das Richtige tun. Aber Gott wendet sich gegen alle, die Böses tun.“ Sei nett zu den anderen Menschen, dann hat Gott dich auch lieb…

4.

Das klingt plötzlich gar nicht mehr nach dem, was mir an meinem, an unserem Glauben so wichtig: dass wir an einen Gott glauben dürfen, der uns liebt, egal was wir gerade tun; dass wir mit einem Gott rechnen können, der uns vergibt, wenn wir eben einmal nicht das Richtige getan haben. Das ist eine der Stellen im Neuen Testament, mit denen ich meine Probleme habe. Eine der Stellen, in denen es auf einmal so scheinbar einfach und simpel wird: Sei brav, dann ist Gott zu dir auch nett. Mach ja keine Fehler…

Aber auch das darf dazu gehören, wenn wir in unserer Bibel lesen: Widerspruch. Eine ganz natürliche Reaktion. Ich darf mit Aussagen in meiner Bibel auch einmal nicht einverstanden sein. Ich darf anderer Meinung sein. Das ist meine feste Überzeugung. Wir müssen das, was in der Bibel steht, nicht einfach 1:1 übernehmen und nachmachen. Ich meine sogar, wir sollten uns davor hüten, das zu tun. Denn so ein Handeln, 1:1 übernehmen, das hieße, Kopf ausschalten und einfach tun, was die Bibel scheinbar vorschreibt. Genau so ein Verhalten aber führt zu nichts anderem als zu Fundamentalismus. Genau so ein Verhalten macht die Bibel zu einer simplen Anleitung für den hausgemachten Fundamentalismus.

Ich schalte also meine Kopf ein und sage: Nein, lieber Verfasser des ersten Petrusbriefs. Dieser Meinung kann ich mich nicht anschließen. Ich glaube nicht, dass Gott nur die liebt, die immer das Richtige tun. Ich glaube nicht, dass ich mit einem glücklichen Leben rechnen kann, nur weil ich nichts Schlechtes sage. Ich glaube nicht, dass Gott sich von denen abwendet, die dabei Scheitern, Gutes zu tun.

Denn zum Menschsein gehört das Scheitern dazu. Zum Menschsein gehört es dazu, dass wir immer wieder von Neuem beginnen. Zum Menschsein gehört dazu, Fehler zu machen und aus diesen Fehlern zu lernen. Und der Gott, an den ich glaube, weiß das. Der Gott, an den ich glaube, hat uns Menschen immer schon mit genau diesen Fehlern, mit genau diesem Scheitern angenommen. Der Gott, an den ich glaube, liebt uns – mit allem, was zu uns dazu gehört.

GOTT SEI DANK scheinen auch unserem Briefschreiber Zweifel gekommen zu sein. Zweifel, weil es mit dem glücklichen Leben vielleicht doch nicht so einfach sein könnte. Zweifel, weil wir Menschen doch immer wieder erleben müssen, dass wir Scheitern. Zweifel, weil wir feststellen, dass uns auch Schlechtes widerfährt, obwohl wir uns gut verhalten haben.

„Wenn ihr aber trotzdem leiden müsst…“ – das ist sein Eingeständnis an uns. Sein Eingeständnis an ein Leben, das leider doch immer wieder mit Leid und Schmerz konfrontiert wird. Trotz allen Bemühens um eine gute Gemeinschaft.

„Wenn ihr aber trotzdem leiden müsst, so dürft ihr euch glücklich schätzen. Habt keine Angst vor Menschen.“ Es gibt keinen Grund zu verzweifeln. Wir sind Menschen. Auch wir innerhalb unserer christlichen Gemeinde machen Fehler. Wir üben Druck auf andere aus. Wir reden über andere hinter ihrem Rücken. Wir sind eben doch immer wieder nur auf unseren eigenen Gewinn aus. Wir reagieren auf Beleidigungen mit Rückzug und Gegenbeleidigungen – und oft genug nicht mit offenen Armen und Wertschätzung.

Aber das muss uns nicht erschrecken! Wir müssen uns nicht einschüchtern lassen in unserem Bemühen umeinander – auch wenn es immer wieder kracht. Scheitern und Streit und gegenseitige Verletzungen tun weh, ja. Doch das ist nicht das Ende. Denn Gott bleibt Gott. Unser Gott bleibt unser Gott – auch wenn wir scheitern; auch wenn es in unserer Gemeinschaft, in unserer Gemeinde, einmal schief läuft. Wir dürfen immer wieder einen Neuanfang machen: mit Gott und mit den Menschen um uns herum.

Das ist uns zugesagt. Und nichts Anderes.

5.

Wer auch immer heute Abend Fußball-Europameister wird: Österreich wird es nicht sein. Aber vielleicht ein anderes Mal.

Nur nicht einschüchtern lassen.

Vikar Bernhard Petri-Hasenöhrl

 

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