Karfreitag – Feiertag der Versöhnung

„Der Karfreitag – das ist für uns Evangelische der wichtigste Feiertag im Jahr.“

Diese Aussage hab ich schon öfter gehört. Und wenn ich ehrlich bin, eine Zeit lang hab ich das selber auch ganz gern gesagt. Aber irgendwann hab ich mich ertappt bei der Frage: Warum um alles in der Welt soll gerade der Karfreitag der wichtigste Feiertag für uns Evangelische Christinnen und Christen sein? Und außerdem:

Was bitte macht denn den Karfreitag überhaupt zu einem Feiertag?

Viel zu feiern scheint es da ja eigentlich nicht zu geben: Jesus, der Mensch, der so eine besondere Beziehung zu Gott gehabt haben soll, ist gestorben; Jesus, der es geschafft hat, die Menschen seiner Zeit mit einer ganz neuen Sichtweise von Gott und der Welt zu konfrontieren; Jesus, der den Menschen ein ganz neues Bild von einem liebenden Gott gemalt hat – dieser Jesus ist tot. Aber er ist nicht einfach nur gestorben. Jesus musste – so sagt es uns die biblische Überlieferung – in seinen letzten Tagen die Gefangennahme, Gerichtsprozesse, Verhöre, Folterungen und Erniedrigungen über sich ergehen lassen. Um am Schluss wie ein Schwerverbrecher auf einem Holzkreuz zu sterben. Daran erinnern wir uns heute, am Karfreitag . Was also bringt uns dazu, gerade von diesem Tag als einem Feiertag zu sprechen?

Ein Tag der Freude?

Wenn von einem Feiertag die Rede ist, dann verbinde ich damit einen Anlass, der mir Grund zur Freude gibt. Einen Anlass, über den ich mich so sehr freuen kann, dass ich diese Freude gerne mit anderen Menschen teilen möchte. Einen Anlass, den wir gemeinsam feiern.

Aber kann ich die Tatsache feiern, dass ein Mensch – ein äußerst besonderer noch dazu – gestorben ist? Kann ich Grund dazu haben, mich über den Tod eines Menschen vor 2000 Jahren zu freuen? Was bedeutet denn der Tod Jesu für mich, für uns?

In seinem zweiten Brief an die Gemeinde von Korinth beschäftigt sich der Apostel Paulus genau mit dieser Frage. Der Tod Jesu – was war das? Wie betrifft er uns? Paulus schreibt:

Das alles ist Gottes Werk. Er hat uns durch Christus mit sich selbst versöhnt und hat uns den Dienst der Versöhnung übertragen. 

Ja, in der Person von Christus hat Gott die Welt mit sich versöhnt, sodass er den Menschen ihre Verfehlungen nicht anrechnet; und uns hat er die Aufgabe anvertraut, diese Versöhnungsbotschaft zu verkünden.

Deshalb treten wir im Auftrag von Christus als seine Gesandten auf; Gott selbst ist es, der die Menschen durch uns ruft. Wir bitten im Namen von Christus: Nehmt die Versöhnung an, die Gott euch anbietet!

Den, der ohne jede Sünde war, hat Gott für uns wie einen Sünder verurteilt, damit wir durch die Verbindung mit ihm die Gerechtigkeit bekommen, mit der wir vor Gott bestehen können.

Paulus’ Antwort klingt recht einfach: Gott hat durch den Tod Jesu die Welt mit sich versöhnt. Jetzt muss ich trotzdem die Frage stellen: Ja haben die denn vorher miteinander gestritten – Gott und die Welt? Oder:

Warum ist da Versöhnung notwendig?

Seitdem Paulus seine Briefe geschrieben hat, sind fast 2000 Jahre vergangen. Und mit dieser Zeit hat sich auch unser Verständnis des Wortes „Versöhnung“ gewandelt. Versöhnung heißt für uns heute, dass sich zwei Menschen, zwei Parteien nach einem Konflikt wieder vertragen. Der eine geht auf die andere zu und zeigt seine Bereitschaft, den Streit beizulegen. Weil die Belastung durch den Konflikt schon so unerträglich geworden ist – oder weil er einen Fehler bei sich eingesehen hat. Die andere nimmt die Entschuldigung an und hat manchmal sogar auch bei sich einen Fehler einzugestehen.

Versöhnen können sich einzelne Menschen, Gruppen von Menschen, ganze Länder. Wichtig ist bei unserem Verständnis von Versöhnung nur, dass die beiden Seiten, die sich versöhnen, sich auf einer Ebene begegnen. Dass sie sich in die Augen schauen können und – zumindest für den Moment der Versöhnung – keine Hierarchie, keine Rangordnung, kein Unterschied zwischen den beiden besteht. Bei einer wirklichen Versöhnung einigen sich beide Seiten darauf, ihren Streit beizulegen – ohne wenn und aber.

Versöhnung ist mehr

Paulus versteht aber unter der Versöhnung zwischen Gott und uns Menschen noch mehr. Denn Kategorien wie Streit oder Konflikt eignet sich nicht wirklich, um dieses Verhältnis – Gott und Mensch – zu beschreiben. Von Anfang an, so können wir es in der Bibel lesen, hat uns Menschen Gottes hundertprozentige Zuneigung und Liebe gegolten. Gott hat die Menschen immer schon wissen lassen, dass er auf ihrer Seite steht; dass er uns begleiten will und mit uns auf unserem Weg geht. Quer durch das Alte Testament ist davon die Rede.

Und doch bestand von Anfang an eine offensichtlich unüberbrückbare Kluft zwischen Gott und uns Menschen. Denn wir, wir Menschen, haben uns immer schon unheimlich schwer getan, uns ganz auf Gott einzulassen. Uns ganz darauf einzulassen, dass Gott an unserer Seite steht, uns beistehen will. Als Mensch lebe ich mein Leben immer wieder so, als ob es Gott gar nicht gäbe. Als ob ich selbst für alles in meinem Leben verantwortlich wäre – als ob ich für mein eigenes Lebensglück ganz alleine zuständig wäre. Bei weitem nicht nur im Alten Testament haben Menschen die Überzeugung vertreten: Wenn ich nur genug leiste, dann wird auch alles gut. Denn wer Gutes tut, dem passiert Gutes – weil er, weil sie es sich dann ja auch verdient hat. Dass es mit Gott in unserem Leben darum gar nicht gehen muss; dass wir nicht für alles in unserem Leben die Zügel in der Hand haben müssen, und auch gar nicht haben können – das tritt für uns, für mich, immer wieder in den Hintergrund. Wir trauen Gott oft nicht zu, dass er etwas in unserem Leben bewirken kann.

Das ist es, worauf Paulus anspielt. Durch unser Verhalten, durch unser Bemühen nach Selbsterlösung, durch unser ohne-Gott-durchkommen-Wollen besteht eine Kluft, ein Graben, zwischen Gott und uns. Wir entfernen uns selbst von Gott durch unsere Unzulänglichkeiten, durch unsere Art und Weise, wie wir sind – menschlich eben. Diesen Graben wieder zu überwinden allerdings, sind wir als Menschen nicht so einfach in der Lage. Unser Verständnis von Versöhnung greift hier nicht. Denn Gott war für uns Menschen doch immer ein unerreichbares Gegenüber. Gott da oben und wir hier unten.

Doch genau an dieser Stelle hat Gott gezeigt, dass wir Menschen immer mit ihm rechnen können – auch dann, wenn wir nicht mit ihm rechnen. Gott wollte und will niemals diese Kluft zwischen sich und uns stehen lassen. Daher hat er das getan, was uns erst zu Christinnen und Christen macht. Er hat das Wunder vollbracht, über das wir in jedem Gottesdienst staunen. Gott ist Mensch geworden. Gott ist in der Person Jesus Christus Mensch geworden; Mensch wie du und ich. Hat gelebt, geliebt und geatmet. Als ganz normaler Mensch, mit allen seinen Begrenztheiten und Endlichkeiten. In der Person Jesus ist Gott so weit gegangen, wie wir es nie erwartet hätten: er ist uns auf Augenhöhe begegnet. Er ist zu dem Gegenüber geworden, das wir Menschen brauchen, um eine persönliche Beziehung mit jemandem einzugehen. Und Gott ist diesen Weg konsequent bis zum Ende gegangen: bis zum Ende am Kreuz. Jesus lebt, wie wir. Jesus leidet Schmerzen, wie wir. Jesus erlebt Todesängste, wie ein Mensch. Und Jesus stirbt. So wie wir Menschen.

Gott wird endgültig zu unserem Gegenüber

Damit, mit dem Tod am Kreuz, macht Gott für uns das, was wir nicht können: er wird endgültig zum Gegenüber für uns Menschen. Er wird zum Gegenüber, das wir erkennen können. Er wird zum Gegenüber, in dem wir endlich und endgültig erkennen können, was schon immer galt: Gott liebt mich. Gott liebt mich Mensch so sehr, dass er selbst ganz Mensch geworden ist, um mir nahe zu sein.

Das ist es, was Paulus mit Versöhnung meint. Gott sagt nicht nur: Es ist alles wieder gut. Es ist dir alles verziehen. Sondern Gott geht den entscheidenden Schritt auf uns zu. Begegnet uns auf einer Ebene – und macht eine neue Art von Beziehung zwischen ihm und mir möglich. Das ist die Versöhnung, die Paulus Gott ganz alleine zuschreibt. Gott versöhnt sich mit uns. Macht eine persönliche Beziehung möglich – und überwindet für uns das Trennende.

Und was bleibt mir als Mensch dabei zu tun? Paulus formuliert es als Bitte: Nehmt die Versöhnung an, die Gott euch anbietet! Nimm die Versöhnung an, die Gott dir anbietet. Nimm seine Hand, die er dir entgegenstreckt. Nimm sie einfach. Mehr musst du nicht tun.

Ja, Karfreitag ist ein Feiertag!

Das bringt mich zu meiner Frage vom Anfang: Haben wir an einem Tag wie dem Karfreitag wirklich etwas zu feiern? Ja, wir haben allen Grund zu feiern. Gott hat sich für uns mit uns versöhnt. Gott hat uns ein für alle Mal zu erkennen gegeben, dass er es ernst meint mit uns. Das ist Karfreitag. Das ist unser Feiertag Karfreitag. Ein Tag, an dem natürlich auch die Trauer um den Tod Jesu im Vordergrund steht. Aber vor allem ein Tag, der uns daran erinnern darf, wie nahe uns Gott sein will. Ein Tag, der mich daran erinnern darf, dass Gott mich liebt als den Menschen, der ich bin: als der Mensch, der Fehler macht; als der Mensch, der sich oft so schwer tut, das Gute in anderen zu sehen; als der Mensch, der glaubt, alles alleine machen zu können; als der Mensch, der immer wieder glaubt, Gott nicht zu brauchen. Gott liebt mich als der Mensch, der ich bin. Heute, am Karfreitag, und mein ganzes Leben lang.

Und doch ist das noch immer nicht das Ende. Denn der Karfreitag steht nicht alleine. Daher kann ich vom Karfreitag auch nicht von unserem „wichtigsten Feiertag“ sprechen. Auch der Karfreitag steht schon ganz im Licht des kommenden Ostersonntags. Auch der Karfreitag steht schon ganz im Licht der Auferstehung. Aber das – ist eine andere Geschichte.

Vikar Bernhard Petri-Hasenöhrl

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