Die Stimmung des Lebens

(Predigt zu 2 Korinther 6, 1-10)

Was brauchen wir zum Leben, liebe Gemeinde?

Mein Lieblingsfußballverein, der 1.FCN, bräuchte einen Torjäger, der diesen Namen verdient.

Die Griechen brauchen jemanden, der ihre Schulden tilgt, die österreichische Bundesregierung ein ausgewogenes Sparpaket. Die Rentner brauchen mehr Zeit, weil sie so viel zu tun haben.Und wir alle brauchen den Frühling, weil der Winter langsam nervt.

Was brauchen wir zum Leben, liebe Gemeinde?

Der Apostel Paulus ist fest davon überzeugt, dass wir vor allem eines brauchen: Gottes Gnade:

Jetzt ist die Zeit der Gnade, schreibt er den Korinthern. Nehmt sie an, dass Gott sie nicht vergeblich für euch bereithält!

Nutzt Gottes Geschenk für euer Leben!

Offensichtlich erlebt sich Paulus als begnadeten und heilen Menschen – trotz Trübsalen, Nöten und Ängsten. Paulus ist ja keiner, der die harte Wirklichkeit leugnet. Im Gegenteil: Er hat immer wieder am eigenen Leib erfahren, was es heißt zu leiden. Er war auf seinen Reisen den Gewalten der Natur ausgeliefert und der Willkür der Mächtigen und der Bosheit seiner Gegner, die nicht nur in Korinth gegen ihn Stimmung gemacht haben.

Paulus weiß, wovon er spricht, wenn er vom Gezüchtigt-werden erzählt, von der Armut in fremder Umgebung, vom Alleinsein und vom Sterben.

Vielleicht ist deshalb dieser Text als Predigtext für die Passionszeit ausgewählt worden – weil Paulus das Leiden nicht verdrängt, sondern als zum menschlichen Leben gehörend beschreibt, auch zum Leben eines Christen gehörend: Traurig sein, Angst haben, zusehen müssen, wie andere sterben alle wandern wir auf dünnem Eis und bleiben von schweren Zeiten nicht verschont.

Und dennoch erlebt sich Paulus als heilen, begnadigten und begnadeten Menschen.

Wie kommt es, dass er trotz des Leides sein Leben so positiv einschätzt? Von einer Zeit der Gnade spricht und einem Tag des Heils?

Es kommt auf die Stimmung an

Um das zu erklären, muss ich ein wenig ausholen: Offensichtlich sind wir Menschen in der Lage, die Wirklichkeit ganz unterschiedlich einzuschätzen zu bewerten. Je nachdem, wie wir gestimmt sind, erscheinen uns die gleichen Sachverhalte unterschiedlich: Was wir an einem Tag genießen, bereitet uns am nächsten Tag Langeweile oder sogar Verdruss. Warum?

Weil sich unsere Stimmung verändert hat und so viel von ihr abhängt.

Sind wir unglücklich, trägt alles , was wir erleben, zu unserem Unglück bei. Dann taugt uns nichts, aber auch gar nichts. Alles ist düster und schwer. Sind wir jedoch glücklich, dann trägt alles irgendwie zu unserem Glück bei.

Natürlich bleibt die Welt, in der wir leben, die gleiche, aber wir sehen sie mit anderen Augen: Es kommt auf die Stimmung an, in der wir das erleben, was uns widerfährt.

Was für einzelne Momente gilt, das gilt auch für unser Leben als Ganzes, für unsere Weltsicht: Je nachdem, wie wir im Grunde unseres Herzens gestimmt sind, nehmen wir alles ganz unterschiedlich wahr. Ändert sich unsere Grundstimmung, dann ändert sich unser ganzes Leben.

Das ist wie bei einem verstimmten Instrument: Auch der beste Organist kann einer verstimmten Orgel keine schöne Musik entlocken. Egal, welche Tasten er anschlägt, egal, wie sehr er sich müht: Das hört sich einfach alles nur schlecht an.

Wir Menschen sind wie so ein Instrument: Es kommt darauf an, ob wir richtig gestimmt sind.

Die Parallelen zum verstimmten Musikinstrument gehen sogar noch weiter: Wir haben unsere Stimmung nämlich nicht selber in der Hand. Wie eine verstimmte Orgel sich nicht selber stimmen und intonieren kann, so können auch wir unsere Stimmung nicht selber bewerkstelligen. Wenn wir in einer Missstimmung sind, können wir uns in der Regel nicht alleine daraus befreien. Dann haben wir unsere Gefühle nicht in der Hand, sondern sie haben uns in der Hand. Deshalb hat es etwa überhaupt keinen Sinn, mit Appellen an düster gestimmte Menschen heranzutreten.

Wir können unsere Gefühle nicht einfach verändern.

Auch wenn mir meine Vernunft sagt: „Du solltest diesen Menschen sympathisch finden“, ändern sich deshalb meine Gefühle um keinen Deut. Auch Stimmungsaufheller wie Alkohol, Shopping oder Psychopharmaka tragen nicht wirklich zur Lösung des Problems bei. Oder Stimmungsgurus, die kluge Bücher schreiben. Das ist wie beim Fenster putzen: Wenn der Fleck innen sitzt, kann ich außen so viel schrubben wie ich will.

Dann muß die Veränderung innen ansetzen.

Genau das hat der Apostel Paulus erlebt. Dass sich Gott in ihm zu Wort gemeldet und ihn um-gestimmt hat: Verbiss und hartherzig verfolgte er seine Ziele, weil er meinte, den Wert seines Lebens durch Anstrengung gewinnen zu müssen. Deshalb war er in Glaubensfragen päpstlicher als der Papst. Aber in der Begegnung mit Christus hat er erfahren, dass ihm der Wert seines Lebens in der Begegnung mit Christus zugesprochen wird.

Paulus lernt: Gottes Gnade ist es, die mein Leben sinnvoll und lebenswert macht. Durch die Gnade wird der verdammte Leistungsgedanke, der unseren Alltag bestimmt, außer Kraft gesetzt.

Gottes Gnade kann uns umstimmen

Gnade heißt: Wir sind mehr wert, als wir selbst aus uns machen können. Wir bekommen nicht nur das, was wir verdienen. Wir müssen nicht das Letzte aus uns herausholen. Und wir werden nicht auf unsere Fehler und Schwächen fest gelegt.

Durch diese Erkenntnis, mehr noch: durch diese Gotteserfahrung hat sich Paulus’ grundlegende Lebensstimmung völlig verändert.

Paulus kann über dieses große Geschenk nicht genug staunen.

Und noch etwas anderes ist ihm bei seiner Begegnung mit Christus aufgegangen: Das Leiden trennt nicht von Gott. Das hat er von Christus gelernt. Wer am Kreuz hängt, ist von Gott verlassen, davon war Paulus überzeugt. Wer so leidet und so schrecklich stirbt, der kann ja nur von Gott verstoßen sein.

Wie auch immer er das gemacht hat, Gott hat Paulus umgestimmt. Dass Christus den Tod erlitten hat, bedeutet nicht, dass Gott sich von ihm losgesagt hat.

Gott hat den Gekreuzigten vom Tode auferweckt, hat „ja“ zu ihm gesagt. Gott zieht sich nicht von denen zurück, die leiden. Gott ist nicht nur bei jenen, denen es gut geht.

Immer wieder darf ich das als Seelsorger erleben, wie Gott Menschen gerade in den Zeiten des Leidens nahe ist.

Gott ist nicht nur bei jenen, denen es gut geht. Deshalb hält Paulus trotz aller Mühen und allen Leidens in seinem Leben daran fest: „Jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, heute ist der Tag des Heils!“

Im Licht des Glaubens stellt sich die Welt anders dar – auch wenn sich die Sachverhalte nicht verändert haben.

Nein, vom Leid werden auch die Glaubenden nicht verschont. Wir bleiben ja als Glaubende Menschen, und nichts von dem, was das Menschenleben schwer macht, bleibt uns erspart. Aber dennoch ist im Glauben unsere grundlegende Lebensstimmung eine andere.

Der Glaube verändert das Lebensgefühl.

Die Gegenwart wird zur Zeit der Gnade, der heutige Tag wird zum Tag des Heils – auch wenn das Leiden bleibt, auch wenn die Nöte nicht einfach verschwinden.

„Die Welt des Glaubenden ist eine andere Welt als die des Nichtglaubenden.“

Oder mit Paulus’ Worten:

Als die Unbekannten und doch bekannt;
als die Sterbenden, und siehe, wir leben;
als die Gezüchtigten und doch nicht getötet;
als die Traurigen, aber allezeit fröhlich;
als die Armen, aber die doch viele reich machen;
als die nichts haben und doch alles haben.

Könnt ihr in die großen Worte des Apostels einstimmen? Wie seid ihr grundlegend gestimmt?

Vielleicht verändert sich gnädig deine Grundstimmung, wenn du die Nähe der großen Texte des Glaubens suchst; wenn du dir die Zeit nimmst, nachzusinnen über die Geschichten der Bibel; wenn du dich der Hektik des Alltags entziehst, wenn du mit anderen zusammen die Lieder singst, die davon reden, wie das ist: reich zu sein trotz allem, was dir fehlt; getrost zu leben trotz aller Vergänglichkeit.

Vielleicht tut dir eine stille halbe Stunde in der Passionszeit gut, die Meditation, die Aufgabe deines Widerstandes gegen Gott…

Jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, heute ist der Tag des Heils, wann sonst?!

Pfr. Christian Brost

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