Predigt zum Sonntag

Alle Völker und Religionen kennen den Wechsel von Fest und Alltag, von Arbeit und Gottesdienst. Alle Völker auf Erden treffen sich zu bestimmten Zeiten an bestimmten Orten – ob zum Opfer, zum Totengedenken oder zum Karneval.

Eine Gesellschaft, in der es keine gemeinsamen Lebensrhythmen mehr gibt, ist krank. Der Zerfall der Gesellschaft ist vorprogrammiert, wenn es keine gemeinsamen Arbeitstage und keine gemeinsamen Feiertage mehr gibt.

Warum tun wir uns so schwer damit, dies zu begreifen?

Fest steht: Einen achten Tag können wir der Woche nicht anhängen, seien wir also vorsichtig bei der Beseitigung des siebenten. Schaffen wir den Sonntag als gemeinsamen freien Tag ab, geht damit mehr Lebensqualität verloren als manch einer glaubt.

Gott wünscht uns Ruhe.

An einem Tag in der Woche sollen wir zur Ruhe kommen. Deshalb findet sich in den Zehn Geboten kein Gebot zum Arbeiten – die Arbeit wird als Selbstverständlichkeit vorausgesetzt. Aber die Ruhe, die gebietet Gott, weil er weiß, dass die Arbeit eine große Versuchung für uns darstellt. Man kann ganz in ihr aufgehen.

Darum heißt es im Fünften Buch Mose:

Halte den Ruhetag am siebten Tag der Woche. Er ist ein heiliger Tag, der dem Herrn gehört. Sechs Tage in der Woche sollst du arbeiten und alle deine Tätigkeiten verrichten; aber der siebte Tag ist der Ruhetag des Herrn, deines Gottes.

An diesem Tag sollst du nicht arbeiten, auch nicht dein Sohn oder deine Tochter, dein Sklave oder deine Sklavin, dein Rind, dein Esel oder ein anderes von deinen Tieren, und auch nicht der Fremde, der bei dir lebt. An diesem Tag sollen dein Sklave und deine Sklavin genauso ausruhen können wie du. Denke daran, dass du in Ägypten ein Sklave warst und der Herr, dein Gott, dich mit starker Hand und ausgestrecktem Arm von dort in die Freiheit geführt hat. Deshalb befiehlt er dir, den Tag der Ruhe einzuhalten.

Wer am Sonntag die Arbeit ruhen lässt, signalisiert damit: nicht die Arbeit erhält mein Leben, sondern Gott, an den ich am Sonntag denke.

Weil er mich versorgt, kann ich es mir leisten, einen Tag auszuruhen.

Das Volk Israel nutzte der Ruhetag der Woche, um Gottesdienst zu feiern und sich an die großen Taten Gottes zu erinnern. Aber natürlich gab es auch unter den Juden solche, die nur schwer Ruhe geben konnten.

Davon erzählt die Geschichte vom Manna in der Wüste: Während der 40 Jahre Wüstenwanderung erhielt das Volk von Gott sein täglich Brot, das Manna vom Himmel! Aber es hatte keinen Sinn, sich davon einen Vorrat anzulegen, denn alles Manna, das vom Vortag übrig blieb, wurde ungenießbar. Am Tag vor dem Ruhetag schenkte Gott die doppelte Menge Manna – für den Ruhetag mit. Und siehe da, das für den Sabbat bestimmte Manna war auch am nächsten Tag noch genießbar, und kein Wurm war drin zu finden. Aber einige wollten sich zusätzliche Sicherheit verschaffen und schauten sich auch am Sabbat in der Wüste nach Manna um. Aber sie fanden nichts.

Ihre ruhelose Geschäftigkeit am Ruhetag Gottes brachte ihnen nichts ein.

Als man im 19. Jahrhundert per Gesetz die Sonntagsarbeit in der Industrie verbot, wurden sofort besorgte Stimmen laut: Jetzt wird die Produktivität sinken; ist doch klar, dass in sechs Tagen weniger geschafft wird als in sieben.

Aber es kam ganz anders.

Die Produktion stieg nach der Einführung des Gesetzes, und es zeigte sich, dass ein ausgeruhter Mensch mehr leisten kann als einer, der ständig an der Grenze seiner Belastbarkeit lebt. Ärzte und Psychologen sagen heute, dass die Bibel ganz genau den gesündesten Lebensrhythmus beschreibt: Sechs Tage sollst du arbeiten, aber am siebten Tag sollst du keine Arbeit tun. Dass für die meisten der Samstag als zusätzlicher Ruhetag hinzugekommen ist, schadet gewiss nicht.

Die gemeinsame Feiertagsruhe – die Tatsache, dass fast alle zur gleichen Zeit frei haben – ermöglicht Geselligkeit, gemeinsame Unternehmungen, dient der Kommunikation in der Familie und mit Freunden. Wenn jeder an einem anderen Wochentag seine freie Zeit abfeiert, ist ein Miteinander nicht möglich.

Die gemeinsame Feiertagsruhe ist außerdem ein sichtbares Zeichen dafür, dass wir nicht nur von der Arbeit allein leben und hoffentlich auch nicht nur für die Arbeit.

Gott wünscht uns, seinen Menschen, Ruhe.

Aber nicht, damit wir diese freie Zeit dann wieder jeder für sich irgendwie totschlagen, sondern dass wir uns sammeln, uns zusammenklauben aus den vielen Pflichten und Zerstreuungen des Alltags und still werden- äußerlich und innerlich. Und etwas miteinander anfangen und mit Gott. Den sollen wir fürchten und lieben, wie es Luther in seiner Auslegung des dritten Gebotes schreibt, dass wir die Predigt und sein Wort nicht verachten, sondern dasselbe heilig halten, gerne hören und lernen.

Die Juden haben sich am Sabbat an die großen Taten erinnert, die Gott an ihrem Volk getan hat und haben daraus neue Kraft und Hoffnung geschöpft. Die ersten Christen haben den Sonntag eingeführt, um die Auferstehung Jesu zu feiern und sich mit Worten und Erlebnissen Jesu gegenseitig Mut zu machen. Im Gebet sprachen sie mit Gott über ihr Leben.

Als der römische Kaiser Diokletian 300 Jahre nach Christi Geburt die Christen verfolgen ließ, wurden in Nordafrika Gläubige beim Gottesdienst am Sonntag überrascht und verhaftet. Das Vernehmungsprotokoll des römischen Statthalters ist uns erhalten geblieben. Daraus geht hervor, dass die Christen auf die Frage, warum sie sich trotz kaiserlichen Verbots am Sonntag versammelt hätten, antworteten: ‘Weil wir ohne den Tag des Herrn nicht sein können.’ Eher waren sie bereit, den Märtyrertod zu sterben. Der Sonntag war für sie unantastbar.

Für wen ist der Sonntag heute noch unantastbar?

Viele meinen, ihn nicht mehr zu brauchen. Sie haben sich das Leben anders eingeteilt. Karl Valentin, der protestantische Querdenker aus München, umschreibt unseren aufgescheuchten Lebensstil einmal mit den Worten: ‘Wir wissen zwar nicht, wohin wir wollen, aber dafür sind wir umso schneller dort.’

Gott wünscht uns Ruhe, damit wir mit seiner Hilfe und im Miteinander unsere Gedanken klären, unsere Gabe mitzufühlen intensivieren und unseren Willen neu ausrichten können. Statt ihn abzuschaffen, sollten wir den Sonntag neu entdecken, damit die Quellen, die eigentlich unser Leben speisen, nicht versiegen.

Es kann so schnell geschehen, dass unsere Seele verdorrt, während wir in materiellen Gütern unser Heil suchen. Keiner von uns kann sich ständig verausgaben, ohne wenigstens einmal in der Woche neu aufzutanken und ganz neu den Sinn seines Lebens und seines Tuns in den Blick zu nehmen.

Was wir uns am Sonntag nicht mehr von Gott holen und aus dem Miteinander in der christlichen Gemeinde, finden wir sicher nicht auf dem Wühltisch im Kaufhaus. Erfülltes Leben hat weniger mit materiellen als vielmehr mit ideellen Gütern zu tun.

Durch unser Vorbild könnten das unsere Mitmenschen ganz neu lernen. Viele Österreicher lehnen den freien Verkauf am Sonntag ab. Sie wollen keine Gesellschaft, in der jeder Tag wie der andere ist und in der alles ums goldene Marktkalb tanzt.

Wenn all diese Menschen den Sonntag wieder mit Gehalt füllen, ist mir um unsere Gesellschaft nicht bange.

Pfr. Christian Brost

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