Gott sei Dank

Unser „Projekt Lebensraum“ in Stockerau ist im Sommer 2011 in eine neue Phase eingetreten. Anfang 2012 wird voraussichtlich die Entscheidung fallen, ob bald mit dem Neu- und Zubau unseres Gemeindesaals begonnen werden kann.

Ich muss ehrlich sagen, ich staune und bin zutiefst dankbar, wie rasch und gut die erste Bauphase mit der Renovierung der Kirche zu Ende gegangen ist. Ich danke namens unserer Gemeinde allen Menschen, die hier meist auch ehrenamtlich mitgeholfen haben. Viele haben sich eingebracht und nur darum hat es so toll funktioniert. Hätten in den Gremien einige Wenige ungeduldige Entscheidungen getroffen oder hätte es Kampfabstimmungen zu einzelnen Punkten gegeben – das Ganze hätte gelitten und wäre nicht so stimmig geworden. Unsere Gemeinschaft wäre an den Herausforderungen des Projekts nicht so gewachsen, wie das nun der Fall ist.

Aber am Meisten möchte ich Gott danken, der, wie ich glaube, all diese Menschen zu unserer Pfarrgemeinde führt und ihr Herz berührt. Ich staune, welche Menschen in unserer Pfarrgemeinde Heimat finden, welche Talente sichtbar werden, welche Geschichten, Erfahrungen und Gefühle wir erleben oder miterleben durften. Ich danke Gott dafür, dass wir mit all unseren Sorgen und Problemen nicht alleine sind, sondern zu Ihm kommen dürfen. Ich danke Gott dafür, dass unsere Pfarrgemeinde bereits jetzt schon für viele Platz und Raum bietet, wo sie das Gefühl haben, etwas Sinnvolles für ihre Leben mitzunehmen und letztlich Gott näher zu kommen. Da kann ich nur staunend sagen: Evangelisch im Weinviertel – Gott sei Dank!

Mehr als ein Slogan!

Das ist nicht einfach ein Slogan und schon gar kein (vielleicht überhebliches) Motto. Das ist es, was wir heute tatsächlich erleben. Wir sind Gott zutiefst dankbar. Wer das für überheblich hält oder meint, wir hätten es nicht nötig, Gott zu danken, der hat etwas grundlegend missverstanden. Ist das Reifen eines Christen nicht im Grunde ein Dankbarwerden?

Das geflügelte Wort „Gott sei Dank“ wird häufig und meist eher unbedacht zu den unterschiedlichsten Gelegenheiten verwendet. Ich meine, es tut gut, wenn es auch in Kirchen verwendet wird, und zwar nicht unbedacht, sondern voll ehrlich empfundener Dankbarkeit für das Leben in unserer Pfarrgemeinde im westlichen Weinviertel, ja für die bloße Möglichkeit ihrer Existenz. Ein Blick in die Geschichte verdeutlicht, was ich meine: Als Niederösterreich im 16. Jahrhundert nach der Reformation beinahe vollständig evangelisch war, begann die Gegenreformation. Durch allerlei Druck, Zwang und Drohung in unterschiedlichster Intensität, vom Verbot der Feier von Gottesdiensten über das Verbot, die Heilige Schrift zu lesen oder bloß zu besitzen, bis hin zu Verhaftung, Verfolgung und Vertreibung wurde Niederösterreich bis etwa 1630 wieder römisch katholisch, letzte protestantische Spuren verlieren sich kurz danach. Erst seit 1966 haben Evangelische in Niederösterreich wirklich dieselben Rechte wie Katholiken. Jetzt gibt es – als ob es selbstverständlich wäre – evangelischen Schulunterricht, Gefängnis- und Krankenhausseelsorge, evangelische Kirchen mit Glockentürmen und auch – und das ist besonders wichtig – die ökumenische Vielfalt christlichen Lebens. Da kann ich nur staunend sagen: Gott sei Dank!

Wer „Gott sei Dank“ bewusst sagt, der zeigt damit auch, dass er verstanden hat, wovon der Psalmist spricht, wenn er schreibt, wir seien in Gottes Hand (Psalm 139; auch: 95,4; 31,16). Wir richten eben nichts aus ohne Gottes Segen. All unser Bemühen um ein lebendiges Gemeindeleben, um Wachstum oder auch um positive Finanzen nutzt nichts, wenn der Heilige Geist nicht dabei ist. „Gott sei Dank“ zu sagen, soll also helfen, aus dem arbeitsvollen Alltag einen Schritt zurück zu treten und sich einmal auf das Wesentliche zu besinnen, Gott zu vertrauen, Geduld zu haben. So wird auch die Last von uns genommen, scheinbar alles selbst und alleine machen zu müssen. Wer ehrlich „Gott sei Dank“ sagt, nimmt sich und seine Projekte in Demut zurück und lässt Gott in seinem Leben Raum.

Dankbarkeit für unsere Wurzeln

Doch zurück zum Projekt Lebensraum: Für noch etwas bin ich persönlich sehr dankbar. Durch das Projekt Lebensraum habe ich, so wie viele andere Christinnen und Christen, einen tieferen Zugang zu den jüdischen Wurzeln unseres Glaubens und zum Menschen Jesus bekommen. Die intensive Beschäftigung mit dem jüdischen Verständnis der Schriften des Ersten Testaments ist sehr lohnend. Dass uns das in Stockerau in einem Gebäude möglich ist, das einmal eine Synagoge war, ist in der Evangelischen Kirche in Österreich einzigartig. Ich bin Gott dankbar, dass wir den eingeschlagenen Weg gehen dürfen und dieser Raum nicht etwa ein Museum ist. Weiterhin wird in der Stockerauer Lutherkirche der eine Gott der Juden und der Christen angebetet und nun auch durch ganz besondere, kunstvolle liturgische Gegenstände geehrt. Gott sei Dank dafür!

Bitten und Danken im Gebet

Freilich gibt es auch immer Vieles, um das wir Gott bitten könnten. Zum Beispiel, dass er uns einen Weg weist, wie auch der zweite Bauabschnitt unseres Projekts Lebensraum finanziert und umgesetzt werden kann. Gerade mit den Bitten sind wir aber oft allzu schnell. Gebet, Stille und Geduld kommen manchmal zu kurz. Und die Demut und Bescheidenheit; das „dein Wille geschehe“. Im Danken findet all das hoffentlich Ausdruck. Es kann meiner Meinung nach also nicht schaden, Gott und unsere Dankbarkeit ihm gegenüber sichtbar für alle neben unserem Logo abzudrucken.

Kurator Gert Lauermann

 

Dieser Beitrag wurde unter Geistliches Wort, Projekt Lebensraum veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.